Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle (Stuart Turton)

*Rezensionsexemplar*

Samstag, 23.11.2019

Was würden wir anders machen, wenn wir vorher wüssten, was auf uns zukommt? Was würde sich dann daraus wieder entwickeln? Verlegt man diese Fragen an einen Ort der geheimnisvoll ist, weil die Familie, die ihn noch besitzt ein Geheimnis hütet, dann ist man mit Stuart Turton unterwegs. Ihr seid auch eingeladen es zu lüften, kommt und folgt mir. Man heißt uns herzlich willkommen in der Welt von Kammerdienern und Maskenbällen, in der Zeit von Taschenuhren, orientalischen Wandschirmen und Banketten.

Herzlich willkommen, auf Blackheath. Herzlich willkommen, auf dem Maskenball von Lord Peter und Lady Helena Hardcastle. Richtet Frisur und Kostüm, der Reigen beginnt.

Wer mag sich wohl hinter dieser oder jener Maske verbergen? Ich kenne hier niemanden, von den etwa fünfzig Gästen. Nach der gestrigen Jagd unterhalten sich die anwesenden Männer aufgekratzt, brüsten sich, stolzieren umher wie die Pfauen. Die Damen geziert, einige kichern albern.

Das Kerzenlicht des Kronleuchters über mir wirft Schatten an die Wände. Einige der Gäste beginnen sich tanzend im Kreise zu drehen. Im Stockdunklen schimmert im Park, der Widerschein zahlloser Feuerschalen im Spiegelsee.

Ich schaue mich um, aufmerksam und ein klein wenig ängstlich. Was, wenn er hierher geflohen ist, sich hier verborgen hält? Wenn man ihm, Sebastian Bell, glauben kann, geht ein Mörder um, er will ihm gestern begegnet sein …

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle von Stuart Turton

Im Smoking. Im Wald. Mit Rotwein und Schlamm besudelt. Sich mühsam aufrappelnd. Die Orientierung verloren. Es ist kalt, er wusste, er musste zwischen all den Bäumen in Bewegung bleiben, die Regentropfen abschütteln, sich irgendwie warm halten. Die Erinnerung verloren. Wie ist er hierher gekommen? Ein einziger Name hallt noch durch seinen Kopf: Anna. 

Dann der Hilferuf einer Frau zwischen den Baumstämmen. Der Zipfel eines schwarzen Kleides, der vorbei huscht. Eine Frau, sie rennt um ihr Leben, ihr Verfolger bricht durch das Unterholz, er hört sich rufen, dann hechtet er auch schon hinter her …

Die Zukunft, ist keine Warnung mein Freund, sie ist ein Versprechen, eines, das wir nicht brechen werden. Genau das, ist das Wesen der Falle, in die wir geraten sind.

Textzitat Stuart Turton

Stuart Turton, Brite und freiberuflicher Reisejournalist, legt mit diesem Roman sein Debüt vor. Wenn ein Lesepublikum abstimmen darf, dann kann ein Erfolg dabei rum kommen, so wie in diesem Fall. Über mehr als 200.000 verkaufte Exemplare allein in Großbritannien kann sich der Autor freuen, in 28 Sprachen wurde sein Roman übersetzt, ins Deutsche ganz wunderbar von Dorothee Merkel.

So einen Krimi haben Sie noch nicht gelesen, verspricht das Feuilleton. Konzentriert lesen müsse man allerdings, weil er komplex sei. Okay, ich liebe ja die Herausforderung und beschließe die Geschichte zu hören. Habe ich den Faden verloren, oder Entdeckungen gemacht? Gehe ich einig, oder bin ich konträr?

Tja, ich sag’s mal so: You got me, Mr. Turton! Eine tolle Stimmung herrscht hier, vom ersten Wort an. Man stolpert über ausgetretene Herrenhaustreppen aufwärts, Diener strömen aus den Räumen in eine feudale Halle, opulente Blumengestecke allen Ortes, Gästezimmer reiht sich an Gästezimmer, hier in Blackheath.

Es empfängt uns der marode, leicht bröcklige Charme eines einst prachtvollen, abgelegenen Herrenhauses. Ein Anwesen eingebettet in einen weitläufigen Wald, mit einem klassischen Bootshaus, einer endlos langen Auffahrt, Freitreppen und dicken, wenn auch zerschlissenen Teppichen.

Wir treffen hier auf Ladys und Lords, die Jagdkleidung aus schwerem, englischem Tweed tragen. Auf einen Butler, der mit dem Schürhaken angegriffen und malträtiert wurde, auf die Tochter des Hauses, die sich augenscheinlich nicht mit ihrem Vater versteht, auf zu Wohlstand gekommene Retter der Familienehre und viele andere mehr …

Turtons ausgeklügeltes Romankonstrukt erinnert mich an einen meiner absoluten Lieblingsromane, “Die Gestirne” von Eleanor Catton. Ich mag es, wenn man mich in die Irre führt, wenn nicht alles auf der Hand liegt, man mich in Sicherheit wiegt und dann hinterrücks überrascht. Mich mit Hinweisen und Wendungen von der Spur abbringt, die ich aufgenommen habe, mir dann eine Lösung präsentiert, die mich staunen macht. Solche Geschichten sind selten und sie sind kostbar. Lange habe ich nach Cattons Roman nach einer ähnlichen Perle gesucht. Hier ist sie.

Sprachlich ist Turton fein unterwegs, britisch pointiert, er ist ein wahrer Meistererzähler. “Schritte hallen auf den Bodendielen wieder, wie ein Herzschlag im Holz” – was findet dieser Autor auch für schöne, für treffende Vergleiche. Nichts ist hier banal, alles hat Bedeutung und einem Jongleur ähnlich, fordert uns Turton heraus. Immer mehr Bälle hält er in der Luft, indem er Figur um Figur den Reigen betreten lässt. Seinen Ermittler von Körper zu Körper und durch die Zeit schickt. Der nicht nur einen Mörder sucht, sondern den Initiator eines grausamen Spiels, der wie eine fette Spinne, in dem von ihm gewobenen Netzt lauert ….

Der neunzehnte Jahrestag eines Mordes, des Mordes an einem siebenjährigen Jungen, und wir sind eingeladen, zusammen mit den gleichen Hausgästen wie damals. Zwischen Freund und Feind tanzen wir auf einer Gedenkfeier im Partygewand, die Tochter zurück aus dem Ausland, fungiert dabei als schlecht gelaunter Ehrengast. Evelyn Hardcastle verabscheut den Sockel auf den man sie stellt, verabscheut es, Mittel zum Zweck zu sein.

Berufs-Glücksspieler sind mit von der Partie und Kapitel für Kapitel werden hier die Karten neu gemischt. Eine Katze hat sieben Leben sagt man, hier wird sieben mal gestorben. Ein alter Mord und einer, der nur einen Tag zurück liegt, bilden die Grundpfeiler von Turtons Geschichte, die er uns in Form eines raffinierten Verwirrspiels erzählt. Er überlässt es uns die zahlreichen Puzzleteile, die er uns präsentiert zu einem Bild zusammenzusetzen.

“Du bist wie ich”, sage ich. “Ich bin Du, nur vier Tage später”, antwortet er. Dann schweigt er einen Moment, damit ich mir den Kopf an dieser Vorstellung grün und blau schlagen kann.

Textzitat Stuart Turton

Wer bin ich? Fragt sich nicht nur Aiden Bishop, unser geheimnisvoller Zeitenspringer? Eine Marionette, an deren Fäden ein Unbekannter zieht? Sind die Persönlichkeiten, durch deren Augen, er das Geschehen immer wieder neu erlebt, die Splitter der gleichen Seele? Wird er wahnsinnig und wer ist der Mann mit der Pestmaske, der ihm ein Ulitmatum stellt, der ihn hier im Dunstkreis dieses unheimlichen Hauses hält?

Diesen Roman außergewöhnlich zu nennen, wäre untertrieben. Ihn ungewöhnlich zu nennen, ein Kompliment, und doch scheint mir auch das zu schwach. Er hat mir gefallen, auch das klingt komplett banal, es stimmt aber trotzdem, und wie!

Ich bin in Stücke geschlagen, aus allen Fugen geraten. Ich kann geradezu spüren, wie ich mich auflöse.”

Textzitat Stuart Turton

Diese Ablenkungsmanöver, dieses Teufelswerk und dann noch ein Rätsel. Prügeleien, gebrochene Nasen, Angriffe aus dem Hinterhalt und Kämpfe Mann gegen Mann, Faust gegen Faust. Messerklingen blitzen auf, wir blicken in Revolvermündungen, die nur schwach erhellt werden von einem auflodernden Streichholz. 

Geflüsterte Auseinandersetzungen, unterdrückte Wut, verborgen hinter Masken, in den Gesprächen lauern Fragen und Fallen. Vor und zurück in der Zeit, stundenweise, tageweise. Ein totes Kaninchen als eineindeutige Warnung, huschende Schatten, mir ist unheimlich zumute. Dieser Lakai da, agiert wie ein Geist, und ich weiß noch immer nicht, wer er ist …

Eine Geschichte zum Mitfiebern, hin auf ein furioses Finale, das gewürzt ist mit reichlich Spannung, Drama und einem Trommelwirbel an Hinweisen. Eine Geschichte für Kaminabende, für dampfende Teetassen, ein Gläschen Sherry dazu? Bitte gerne, ich lehne mich zurück und höre ihm andächtig zu:

Frank Stieren, geboren am 10.02.1966 in Westfalen, liest mir/uns diese ungekürzte Hörbuch-Fassung in 18 Stunden und 17 Minuten vor. Davon lohnt, auch dank ihm, jede einzelne Sekunde. Dieser Detailreichtum, das ist Ohren-Kino, Kopf-Kino, und überhaupt, bin ich verliebt in Turtons satte szenische Beschreibungen fest verwoben mit dem Klang von Stierens Stimme.

Der gelernte Schauspieler ist auch ein Könner in Sachen Zwischentöne. Die Irritiertheit, die die Ereignisse bei Aiden Bishop zurücklassen, seine Verwirrnis, seine Zweifel, trägt Stieren mehr als glaubwürdig vor, dass, ohne sich der Geschichte aufzudrängen. Mit Bravour meistert er diesen Text, er lässt sich komplett darauf ein, trifft immer ins Schwarze, gleich ob lebhaft, nachdenklich oder aufgebracht. Die Figuren werden durch ihn lebendig, gewinnen an Gestalt.

Jetzt aber Schluss mit Schwärmen, nur noch so viel: Frank Stieren, Sie haben einen neuen Fan! Wie schön, dass ich Sie in diesem außergewöhnlichen Stück kennen lernen und erleben durfte. Ich lege mich dann mal auf die Lauer, warte auf das, was da noch so von Ihnen kommen wird und freue mich auf ein Wiederhören!

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2 Kommentare

  1. Petra
    25. November 2019

    Liebe Dorothee, ja dann auf jeden Fall lieber lesen! Es wäre sehr schade auch nur einen Hinweis in dieser Geschichte zu verpassen. Alternativ immer eine gute Empfehlung, Bewegung beim Hören, *lach*. LG von Petra

  2. Dorothee
    23. November 2019

    Hallo Petra! Das klingt wiedermal SEHR GUT!
    Aber ich werde wohl lieber die Print-Ausgabe nehmen…
    Bei Hörbüchern kriege ich nicht immer alles mit, weil ich oft dabei einschlafe…😂
    Liebe Grüße aus Kiel von Dorothee

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