Die rechtschaffenen Mörder (Ingo Schulze)

*Rezensionsexemplar* @argonverlag

Samstag, 28.03.2020

Nur zu gut verstehe ich die Angst dieses Helden. Als Schüler im Schwimmunterricht verweigerte er, beim Blick in den gekachelten Abgrund, hartnäckig den Sprung vom 3-Meter-Brett. Ich bin ebenfalls gefühlt unzählige Male über die Leiter wieder abgestiegen anstatt zu springen, die Furcht vor dem Fall ins Bodenlose noch in den zitternden Knochen. Die Trillerpfeife habe ich meiner Schwimmlehrerin zwar nicht entrissen und sie blutig gekratzt (so wie er), aber die Häme meiner Klassenkameraden war auch mir stets sicher gewesen. Dieser Norbert Paulini hier ist irgendwie schon wehrhaft, auch wenn man ihm das auf den ersten Blick nicht ansieht, sonst dürften wir aber wenig gemeinsam haben, mit Ausnahme der Leseleidenschaft natürlich …

Die rechtschaffenen Mörder von Ingo Schulze

Mittlerweile pilgerten sie zu ihm, nahmen weite Anreisen auf sich. Hüteten seine Adresse wie ein Geheimnis, auf das ihnen nur ja niemand zu vor käme, belagerten sie ab 10 Uhr am Morgen sein Geschäft. Die Rede ist von einem Antiquar, einem Könner seines Fachs, mit Namen Norbert Paulini, der im Dresdner Stadtteil Blasewitz seinem Geschäft nach geht. Zumeist öffnet er seine Tür nur einen Spalt breit, bekleidet in einen blaugrauen Kittel, wie ein Handwerker. Seine Kunden brauchten eine Parole, nur wenn sie diese kannten, ließ er sie ein. Für die, die Glück hatten und an die er sich erinnerte, hielt er nicht selten einen kleinen Bücherstapel bereit, den ein Einweg-Gummi zusammen hielt. Vielleicht sei ja etwas dabei, was von Interesse wäre, meinte er dann.

Drei schöne Bücherzimmer umfasst sein Reich und er lebt in ihrer Mitte, zwischen altem Stuck, mit seinen Büchern zusammen. Aus Kisten und Kästen, und von Stapeln befreit. So hatte am Ende ein jedes Buch, aus dem Nachlass seiner Mutter nun endlich einen neuen Platz gefunden …

Ingo Schulze, deutscher Schriftsteller, geboren 15.12.1962. Im Jahr 2008 gehörte er zu den Short-List-Nominierten des Deutschen Buchpreises mit seinem Roman Adam und Evelyn. Mit seinem “rechtschaffenen Mörder”, war er nominiert für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse, Lutz Seiler hat ihn ihm dann am Ende aber weg geschnappt.

Die Mutter bei der eigenen Geburt verstorben, erzogen von Vater und Großmutter, schlummert in Norbert Paulini die Leidenschaft der Mama für Bücher. Ihr Antiquariat hatte der Vater sorgfältig in Kisten gepackt und es ruhte in ihnen, als habe es all die Jahre auf ihren Norbert gewartet, damit er es erneut zum Leben erwecke. So wundert es nicht, das der von ihm schon als Schüler geäußerte Berufswunsch “Leser” lautete. 

Überall las er. Drinnen, draußen, in der Hängematte, im Bett, immer war er in fernen Welten und Ländern unterwegs. War abwesend, auch wenn er anwesend war. Begann sich durch die Klassiker zu arbeiten und erreichte so einen Grad an Belesenheit der sprachlos machte und er folgte immer schon seinen eigenen strengen Regeln und Geboten:

“Wer selbst schreibt, ist nicht mehr fähig wirklich zu lesen. Nur der uneigennützige Leser, der sich einem Buch vorbehaltlos und ganz und gar zu öffnen vermag, kann es in seiner Differenziertheit und Komplexität erfassen. Wer hingegen absichtsvoll liest, stutzt das Buch auf seine Bedürfnisse zusammen und unterwirft es den eigenen Kreativitätsgelüsten.”

Textzitat Ingo Schulze Die rechtschaffenen Mörder

Oha, das klingt nach einem Platzverweis für mich, die ich gerne rezensiere. Trotzdem werde ich es wohl nicht lassen, über meine Leseeindrücke zu schreiben. Das konnte er mir nicht verderben, dieser Norbert Paulini.

War er tatsächlich weltfremd, der Norbert? War er anspruchslos? Belesen ist er, keine Frage. Ingo Schulze lässt mich rätseln, spleenig finde ich ihn, auf eine verpeilte, vergeistigte Art seltsam vergreist schon in jungen Jahren, mit seinem Kittel und nach Teil eins des Romans glaube ich ihn gut zu kennen. Wie man sich doch irren kann … Die Welt dreht sich schneller im Kreis nach der Wende und er dreht sich mit ihr. Zahlungsunfähigkeit und ökonomischer Absturz machen ihn unduldsam. Wir schauen mit ihm auf die Veränderungen in seiner Welt. Wie ein Papierschiffchen auf hoher See, so Schulze, kämpft Paulini mit den Unbillen jener Tage.

Als die Berliner Mauer fiel und die Preise stiegen, entfernte Paulini den Namen “Buchhandel” von seinem Firmenschild und ging pleite, konsequent wie er war. Er wollte nur noch Antiquar sein, nicht mehr handeln. Nicht zu diesen Konditionen. Seine damalige Frau, bestritt so als Friseurin mit Heimsalon ihren Unterhalt weitestgehend alleine. Die Ehe hält nicht und er schlägt sich als Palettenschieber und Supermarkt-Kassierer durch, rutscht ab und von der Gesinnung her nach rechts. Man erwischt ihn plötzlich bei Äußerungen, die man so nicht hin nehmen will …

Tja, wie fällt jetzt nach langer Vorrede mein Fazit aus? Ich hadere mit mir, das mit dem Rechtsruck, für den Schulze Paulini ausgerechnet am 20. April, also an Hitlers Geburtstag agieren lässt, war mir dann doch zu konstruiert und dieser Roman, von dem ich, auch wegen der Lobgesänge die ihm vorausgegangen sind, viel erwartet hatte, hat mich in Summe enttäuscht. Mir ist einfach nicht klar geworden, was er sein will. Bis in die Hälfte der Geschichte habe ich mich immer dabei erwischt, wie meine Gedanken abgeschweift sind, ich mich zurück holen, und bewusst konzentrieren musste. Die Geschichte plätschert so dahin und wäre da nicht die Sprache von Schulze gewesen, ich hätte sie da aufgegeben. Wortgewandt und auf den Punkt formuliert er, das märchenhafte in seinem Ton mochte ich. So beginnt er mit “Es war einmal ein Antiquar”, das klingt seltsam in diesem Kontext aber, für mich war das bemerkenswert.

Seinen Teil eins bricht er mitten im Satz ab, ich stoppe, meine ich habe da was verpaßt und spule zurück, das muss man auch erst mal bringen! Im zweiten und dann im dritten Teil offenbart sich mir dann das besondere Konstrukt seines Roman, mit viel Aufwand hat er ihm eine ausgeklügelte Struktur gegeben. Die aufeinander aufbaut und ineinander verwoben ist. Bis zum Schluss wartet er mit der Aufklärung der Zusammenhänge, das hat mich beeindruckt, aber echte Roman-Begeisterung fühlt sich bei mir anders an. Ich brauche halt immer Figuren, den ich gerne folge oder an denen ich mich reiben kann.

Hier bleiben alle, die rund um Paulini auftauchen für mich farblos und wie Schattenrisse, sie kommen und gehen wie Laufkunden in einem Geschäft und den Paulini selbst mochte ich auch nicht. Schulze führt mich durch die Wendezeit und durch die Veränderungen, die sich mit ihr auf dem Buchmarkt abgespielt haben. Lässt mich einen Gesinnungswechsel seines Protagonisten erleben, der mich aber irgendwie kalt lässt. Selbst dann, als das Hochwasser der Oder 2002 Paulinis Laden überschwemmt, mir fehlt einfach die innere Bindung zu ihm. Auch das der Autor Schulzes Frau in Stasi Machenschaften verwickelt hilft da nicht mehr.

An der Hörbuch-Fassung jedenfalls lag es nicht, und auch nicht an den beiden Sprechern. Im Gegenteil, wegen ihm und ihr, die erst im letzten, im dritten Teil zu Wort kommt, bin ich überhaupt dran geblieben. Was wieder einmal beweist, das das Medium Hörbuch nach ganz eigenen Regeln spielt und ich es auf gar keinen Fall mehr missen möchte:

Sylvester Groth, deutscher Schauspieler und Synchronsprecher, geboren am 31.03.1958 macht den Anfang, liest Teil eins und zwei. Sein Gesicht ist mir kein unbekanntes, und auch Hollywood rief schon nach ihm, mit Quentin Tarantino drehte er Inglourious Basterds, er in der Rolle von Joseph Goebbels, dies sogar zum zweiten Mal. 2007 erhielt für seine Darstellung des Goebbels im Film Mein Führer von Dani Levy den Deutschen Kritikerpreis. Er liest so differenziert, das ich zunächst meinte der Sprecher habe bei Teil zwei gewechselt. Seine Stimmlage passt er an und ich bin auf das Angenehmste überrascht. Sie paßt ganz wunderbar zu ledergebundenen Schmuckbänden, weichem Licht, das zwischen Bücherregalen auf den Boden trifft. Zu Staubkörnchen die aufwirbeln, wenn man einen Buchrücken aus dem Regel zieht. So einfühlsam wie man bei dieser Figurenzeichnung nur sein kann, legt er Paulini und den Schriftsteller Schul(t)ze im Teil zwei an. Hoffentlich auf ein Wiederhören, Herr Groth, in einem anderen Text, der mich mehr abholen kann, es wäre mir eine Freude.

Viktoria Trauttmansdorff, österreichische Schauspielerin, geboren am 08.09.1960 in Wien, langjähriges Ensemble-Mitglied des Hamburger Thalia Theaters, ist uns Fernsehzuschauern ebenfalls keine Unbekannte. Mit ihr bin ich sehr gerne im letzten und für mich besten Teil dieser Geschichte unterwegs gewesen. Sie gibt die zweifelnde, aufgebrachte Verlegerin auf Spurensuche at it’s best und ich wünsche mir, sehr gerne mehr von von ihr zu hören!

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2 Kommentare

  1. Petra
    30. März 2020

    Für mich hat er so nicht gepasst wie erwartet, vielleicht waren auch meine Erwartungen zu hoch, was ja nicht heißt, dass es bei Dir auch so sein würde … LG von Petra

  2. Dorothee
    28. März 2020

    Dann kann ich mir das Geld ja sparen…wollte es schon kaufen, aber die Meinungen zu diesem Roman gehen doch sehr auseinander!
    LG. Dorothee

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