Haarmann (Dirk Kurbjuweit)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 26.03.2020

Der Vampir, Der Schlächter, Der Kannibale und Der Werwolf von Hannover, nomen est omen. Zur Zeit der Weimarer Republik hielt ein einziger Mann die Bewohner Hannovers und die Polizei in Atem. Der Serienmörder Friedrich “Fritz” Heinrich Karl Haarmann, geboren am 25.10.1879 in Hannover, zum Tode verurteilt am 19.12.1924.

Sie sagen, man hätte ihn viel schneller schnappen können, wenn nicht so viele weggesehen hätten. Aus Hunger vielleicht, oder auch, weil das Unvorstellbare eben nicht vorstellbar war. Die Zahl seiner Opfer, alles Jungen, die grausamen Details kann man bei Wikipedia und in anderen Artikeln, sowie in Gerichtsprotokollen nachlesen. Das hat sicher auch Dirk Kurbjuweit getan, denn als Journalist ist das Recherchieren für ihn so, wie das tägliche Brot brechen. Er rollt vor uns diesen True Crime Fall auf, gibt ihm die Form eines klassischen Kriminalromans und ich höre durch ihn von diesen unglaublichen Vorgängen zum ersten Mal.

1918 herrschte nicht nur in Hannover ein Klima aus Hunger, Armut und Obdachlosigkeit. Schiebermärkte und Prostitution florierten, illegale Tierschlachtungen auch von Hunden, Katzen und Ziegen waren keine Seltenheit. Das muss man wissen, um sich nicht zu fragen, warum nicht viel früher auffiel, was seinerzeit in einer der hellhörigen Wohnungen der hannoverschen Altstadt geschehen ist …

“Warte, warte nur Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.”

Quelle: Auszug Liedtext Haarmann – Lied, u.a. gesungen von Walter Kollo

Haarmann von Dirk Kurbjuweit

Es war Menschenfleisch aufgetaucht. So erzählte man es sich. Im Wirtshaus Walterscheid. Seine Vermieterin war es, die Robert Lahnstein diesen Satz entgegen warf. Er war noch nicht richtig wach gewesen, erfasste das Ausmass dieser Behauptung noch nicht komplett und nickte deshalb nur zerstreut. Gut, sie lebten in einer Hyperinflation, Not und Elend hatten die Regentschaft übernommen. Man tauschte Kleidung gegen Lebensmittel, war ständig mit der Geldbeschaffung befasst, aber würde wirklich jemand auch Menschenfleisch verkaufen? Wie tief waren sie gesunken? Der, der diese Behauptung aufgestellt hatte, sei verschwunden und seine Wirtin kannte ihn auch nicht, meinte sie noch. Aber er sei ja Polizist, da müsse man doch und man wisse ja nie …

Zehn Jungen waren per dato verschwunden, der letzte Heinz Brinkmann, und Lahnstein war der leitende Ermittler in diesem Fall. Seit Wochen, ja Monaten tappten sie im Dunkeln. Jede Spur verlor sich im Sand, noch bevor der erste Abdruck sichtbar wurde. So viele Eltern hatten schon vor ihm gesessen, die Männer zumeist mit leerem Blick, die Frauen weinend und verzweifelt. Lahnstein spürte einen lastenden Druck, der sich von Tag zu Tag verstärkte, er würde jetzt endlich etwas vorweisen müssen und er wollte es auch. Es zermürbte ihn, in dieser Ausweglosigkeit festzustecken, also gut, dem Wirt konnte er ja einen Besuch abstatten, was gab es zu verlieren …

Dirk Kurbjuweit, geboren 03. November 1962 in Wiesbaden, ist deutscher Journalist und Autor. Bis 1999 arbeitete er bei der Wochenzeitschrift “Die Zeit”, wechselte dann zum “Spiegel”. Vier seiner Romane wurden verfilmt, für drei seiner Reportagen wurde er preisausgezeichnet, u.a. mit Dem Deutschen Reporterpreis.

Jetzt also Haarmann. Kurbjuweit beginnt mit seinem Ermittler Lahnstein, der mit seinem Team vor dem Rätsel steht, wohin zehn vermisste Jungen verschwunden sind. Nicht eine einzige Leiche ist bislang aufgetaucht, auch kein Leichenteil, er tappt völlig im Dunkeln und hofft paradoxer Weise auf einen Mord, der dieser Serie eine Richtung und ihm damit einen entscheidenden Hinweis geben würde.

Hitler saß in Untersuchungshaft, Göring war entkommen nach dem Putsch in München. Eine Grundnervosität hatte das ganze Land ergriffen und das Verschwinden der Jungs in Hannover heizte die Stimmung zusätzlich an. Wahlen standen bevor und der Ausgang eben dieser Ermittlungen konnte hierfür entscheidend sein. Kurbjuweits Figuren agieren wie in einem Minenfeld, die Presse lässt nichts unversucht um Lahnstein zu diskreditieren und behindert damit, vielleicht unabsichtlich die Ermittlungen? Und dann kommt er doch, der eine Hinweis …

Obdach gegen sexuelle Gefälligkeiten. Ein ganzer Marktplatz für männliche Prostituierte war 1918 in einer Gartenanlage der Stadt entstanden. Die Gassen der Altstadt auf der Leineinsel verkamen mehr und mehr zu einem Verbrecherviertel. Hier trieb ein gewisser Haarmann Handel, mit Kleidung, Fleisch und gab sich als Wohltäter. Ob seine Nachbarn tatsächlich nichts mitbekommen hatten, in der drangvollen Enge dieser Wohnsituation ist nicht mehr nachvollziehbar, es darf allerdings bezweifelt werden, bis hin zu der Annahme, das man schwieg weil man von seinen Taten profitierte …

An Grausamkeit ist das nicht zu überbieten. Der Mörder schickte den Eltern der Jungs, mit der Handschrift ihrer Buben versehene Pakete mit Fleisch-und Wurstwaren. Woraus diese Wurst gemacht ist, dafür braucht es keine Fantasie mehr. Die ahnungslosen Eltern jedoch aßen einen Teil ihres eigenen Kindes in der Annahme, es habe ihnen etwas Gutes tun wollen … Mich ekelt. Jedem Autor, der sich sowas ausdenkt hätte ich den Rücken gekehrt, weil es einfach nur krank ist. 

Wie Kurbjuweit jedoch mit meinen Ahnungen und Spekulationen spielt, ein Stück deutscher Geschichte entpackt, den Betroffenen nachspürt und nicht nur einem Täter, sondern einer Tatgemeinschaft. Als solche muss man die Nachbarschaft von Haarmann wohl betrachten, die durch Wegsehen möglich machte was hier geschah und dem Grauen nicht viel früher ein Ende bereitet hat. Waren tatsächlich Profiteure unter ihnen? Ich will das gar nicht glauben. 

Unglaubwürdige Hinweisgeber, verschwundene Polizeiakten. Attestierter Wahnsinn, Ausbruchsversuche, Rückführung in die Irrenanstalt, dann Verlegung und Entlassung. Während Kurbjuweits Ermittler Lahnstein mit seinen eigenen Dämonen, Schuldgefühlen und Kriegsgespenstern kämpft, sprenkelt der Autor die politische Lage in Deutschland und das Weltgeschehen in seine Handlung ein. 

Berichtet von Gier und Begegnungen, die harmlos beginnen und tödlich enden. Von Männerliebe, Anklagen und Tränen. Er musste es sein, er konnte es nicht sein. Gab es ein besseres Alibi, als durch die Polizei permanent observiert zu werden? Aus Mangel an Beweisen findet das Morden kein Ende. Kurbjuweit seziert nicht, das überlässt er dem Täter. Er lässt ermitteln, ganz klassisch. Er bewertet nicht, er erzählt. Schaut auf die Opfer, auf ihre Angehörigen. Erzeugt in mir eine beklommene Stimmung, Abscheu und Ekel, bei der Betrachtung dieses kranken, vergifteten Geistes. Diesem Mann zu begegnen, heißt seinem Albtraum begegnen. 

Was ist erlaubt, um ein Geständnis zu erlangen? Heiligt der Zweck wirklich jedes Mittel? Was macht es mit denen, die die Mittel anwenden, oder anwenden lassen? Kurbjuweit ist nah dran an seiner Hauptfigur Robert Lahnstein, in bester Babylon – Berlin – Manier, inszeniert er filmreif. Die Bilder die er so auf meine Netzhaut schreibt, werde ich wohl so schnell nicht mehr los. Ein Zeitzeugnis in spannendem Gewand ist ihm gelungen. Nur zu gerne würde ich ausblenden wollen, das das was ich hier erfahre tatsächlich passiert ist, kann es aber nicht … Daran hat auch er keinen geringen Anteil:

Shenja Lacher, deutscher Schauspieler, geboren am 20. März 1978 in Erlabrunn/Erzgebirge, kenne ich aus der Hörbuch-Fassung von Maja Lundes Die Geschichte des Wassers. Fernsehzuschauern ist er aus verschiedenen Krimi-Serien bekannt. Die Zerrissenheit von Lahnstein im Kontrast zu dem wahnhaften Haarmann gelingt ihm meisterlich. Er lässt mich beiden begegnen, so dass ich meine, ich sitze mit ihnen im Verhörraum am Tisch. Mich gruselt so dermaßen, durch die Stimmlage die er für Haarmann wählt, er ist dem Wahnsinn so nahe, dass ich …, oh Mann! Das ist es was den Unterschied macht zwischen selbst lesen und vorlesen lassen, und warum ich mich beglückwünsche diesen Fall als Hörbuch ausgesucht zu haben.

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