Die Nickel Boys (Colson Whitehead)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 23.06.2019

Die Geschichten, die das Leben schreibt, die auf einer wahren Begebenheit beruhen packen mich meist am intensivsten. Hätte ein Autor sie sich ausgedacht, würde man sie für übertrieben, für unglaubwürdig halten. Aber was wahr ist, muss wahr bleiben und deshalb wollte ich ihm auch diesmal zuhören: Colson Whitehead. Mit hohem Gänsehautfaktor schafft er es Fakten und Fiktion zu verweben. Seine Themen sind immer die, die weh tun. Die, die Grenzen ausloten, das kann er und dafür verehre ich ihn. In seinem druckfrisch erschienen Roman geht es diesmal um die Nickel Boys und, Ihr ahnt es schon, er greift dafür auf unglaubliche, aber wahre Begebenheiten zurück , eröffnet seinen Prolog mit einem ersten Satz wie ein Paukenschlag:

“Sogar als Tote machten die Jungs noch Ärger”. (Textzitat)

Ein geheimer Friedhof, ein verwilderter Hektar Land, einst Viehweide, am Rand einer Müllkippe der Besserungsanstalt “Nickel-Academy”. Aus ihm sollte jetzt also die Lunch-Plaza eines Büroviertel werden, so der Wille der Stadtplaner. Wasserspiele und Musikpavillon inklusive. Nicht alle Pläne erfüllen sich, oder Komplikationen verzögern die Verwirklichung, wie in diesem Fall, als man die Leichen bei Erdarbeiten entdeckte. In Kartoffelsäcken verschnürt, anonym begraben – nein, verscharrt …

Die Nickel Boys (Colson Whitehead)

Tallahassee, Florida, in den 1960ziger Jahren.

Alles begann mit einem schwarzen Textmarker und mit Mr. Hill, der in diesem Schuljahr als Lehrer an Elwoods College gekommen war, als dieser in die elfte Klasse versetzt wurde. Es war üblich, das die afroamerikanischen Schüler die gebrauchten Schulbücher der weißen Vorgängerjahrgänge übernahmen und immer waren die Bücher an zahlreichen Stellen mit Bosheiten, ja manchmal sogar mit Todesdrohungen übersät. Mr. Hill forderte in einer ersten Amtshandlung alle seine Schüler auf, diese gemeinen Kritzeleien zu schwärzen. Verboten fühlte sich das an und irgendwie auch gut –

Während die Schüler seiner Aufforderung nachkamen erzählte er von sich. Von der “Bewegung” von Verhaftungen wegen Landfriedensbruch, weil er als Afroamerikaner wiederholt in einem Diner an einer Theke Platz genommen und vergeblich auf Bedienung gehofft und gewartet hatte …

Wenn man es genau nahm, hatte es für Elwood schon vor der Begegnung mit Mr. Hill und seinem schwarzen Textmarker begonnen. Nämlich mit dieser einen Schallplatte, die sich fortan nahezu unaufhörlich auf seinem Plattenteller drehte. Eingebrannt war in ihre Rillen eine Rede von Dr. Martin Luther King, seine Worte riefen nach Elwood und ließen ihn, den ruhigen, besonnenen Jungen innerlich keine Ruhe mehr finden. Es drängte ihn danach etwas zu unternehmen, sich stark zu machen für die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß. Wir schreiben das Jahr 1963.

“Es gibt Leute, die einen betrügen, die einem mit einem Lächeln Leere servieren, und andere, die einem die Selbstachtung rauben. Man darf nicht vergessen, wer man ist”. (Textzitat)

Elwood hatte so gehandelt, wie er es immer tat. Als er bemerkt hatte, wie die beiden großen Jungs Corey in der Toilette an die Wand gedrängt hatten, hatte er eingegriffen. Dafür, für seinen Gerechtigkeitssinn, sollte er mit Blut und Schmerzen bezahlen. In der Nacht holten sie ihn, um ihm mit dem Liederriemen beizubringen, das hier nur die Hausväter die Macht und das Recht hatten dazwischen zu gehen. Sie holten ihn nicht allein. Bei dem Jungen, der vor ihm an der Reihe war, hatte er bei siebzig Schlägen aufgehört zu zählen und zu überlegen, wie viele es wohl für ihn werden würden. Ganz fest im Sinn hielt er den Rat seines Hausgenossen Turner, nur ja still zu halten. Sie hätten dem Riemen eine Kerbe beigebracht, die ihm sonst das Fleisch abreiße. Und es wurden mehr, viel mehr Schläge als bei seinem Vorgänger und nur eine gnädige Ohnmacht entriss ihn der Gegenwart …

Den neuen Roman des 1969 in New York geborenen Colson Whitehead, habe ich mit Spannung erwartet. Würde er noch einmal an seine 2017 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Geschichte Unterground Railroad heranreichen können? Ich mache es kurz: Yes, he can! Und doch macht er es diesmal auch anders. Macht uns zu Mitwissern, Mitverschwörern in einem System von Gewalt, Tyrannei und Bestrafung. 

Beinahe distanziert wirft er einen Blick auf das Geschehen,  sachlich und sehr präzise, erzählt er am Beispiel des sanften, gelehrigen und wissbegierigen Elwood wie Willkür und Grausamkeit als Mittel zum Zweck und im Namen der Gerechtigkeit ausgeübt werden. Wo uns die Worte fehlen, findet sie Whitehead. Zum Glück! Er hebt den Teppich an, unter den man all das zu kehren versucht, von dem man weiß, es ist nicht recht. Einmal mehr formuliert er einen Schrei nach Freiheit. Denn das Land der unbegrenzten Möglichkeiten begrenzte die Möglichkeiten für diejenigen, die die falsche Hautfarbe hatten. 

Nur wer die richtige Hautfarbe hatte, durfte im Kino Marlon Brando sehen, im Bus mitfahren, im Restaurant bedient werden. Alltagsrassismus in Reinkultur, lesen mit der Faust in der Tasche, mit Wut im Herzen!

Wegen eines Irrtums landet Whitheads Hauptfigur im Nickel, einer staatlichen Besserungsanstalt. Nichts hatten sein Chef, seine Großmutter, bei der er allein aufwächst und sein Anwalt mehr ausrichten können. Denn an seine Unschuld wollte die Gerichtsbarkeit nicht glauben, konnte man nicht glauben, er hatte die falsche Hautfarbe dafür. 

Geschunden und geschlagen, in Eisenkästen eingesperrt der Hitze ausgesetzt, in denen man sich dehydriert zu  Tode schwitzte. Über die Prügelstrafe hinaus gab es noch so viel mehr Strafmethoden, die es auszuhalten galt. Sadistisch muten Hausväter und Aufseher an. 

Für staatliche Inspektionen wurde eilig alles herausgeputzt und die Jungen hatten Tage lang zu schuften. Schadhafte Dächer wurden endlich ausgebessert, so das es in die Schlafsäle nicht mehr hineinregnen konnte, ein vor zwei Jahren angeschaffter Warmwasserboiler wurde jetzt endlich installiert. Selbst der Unterricht verbesserte sich, man speiste die afroamerikanischen Jungen nicht mehr länger mit Bilderbüchern für dreijährige ab. Es gab neue Kleidung, sie durften zum Friseur, Lebensmittel wurden nicht mehr länger durch die Wärter gegen Entgelt verschoben, sondern sie landeten wie eigentlich vorgesehen auf den Tellern der Jungs. Es gab Eiscreme und Burger, sogar ein reichliches Frühstück. Eine schöne, heile Anstaltswelt war es, die so vermittelt wurde. 

Wie schafft man das, die Hand zu lieben, die einen schlägt? Hier bin ich auch ihm wiederbegegnet, Dr. Martin Luther King. Seiner Botschaft, seiner Bewegung. Zum Jahresbeginn hatte ich hier auf dem Blog eine seiner bedeutendsten Reden vorgestellt. Wie er Güte, Gewaltlosigkeit und Liebe dem Hass, der Gewalt und dem Misstrauen entgegenhielt, dies aufrechten Hauptes. Wie er jedem seinen Wert bewusst machte, die Bedeutung von Wertschätzung im Miteinander zu stärken versuchte. All diese Werte vereinen sich auch in Whiteheads Protagonist Elwood Curtis, der mich mit seinen sechzehn Jahren und seiner Haltung uneingeschränkt für sich eingenommen hat. 

So ist eine Geschichte entstanden, über Gewalt, Engstirnigkeit und Verbohrtheit, aber auch über Freundschaft, Zusammenhalt und Mut. Mich hat sehr beeindruckt, wie Whitehead dabei die Balance hält, nicht abdrifftet in eine Gewaltorgie, nicht im Detail die Bestrafungsszenen seziert. Nein, er kann das besser, er deutet an. In Halbsätzen, in Nebensätzen, die uns, seine Leser im Kopf weiter arbeiten lassen. Seine Hauptsätze hingegen haben eine solche Wucht, dass man einen jeden von ihnen zum Zitat machen könnte.  Er schont uns nicht, lässt uns auf unserer Schmerzgrenze balancieren, weil das gesagt werden muss, was gesagt werden muss, wenn es sich ändern, wenn es aufhören soll.

Auch seiner Hauptfigur, die ein loyaler Freund stützt, genügt es nicht dieser Drangsal zu entkommen, in ihm reift ein unglaublicher Plan und in meinen Augen brennen die Tränen, als ich gewahr werde, dass er bereit ist dafür sein Leben zu geben …

Whiteheads Geschichte ist fiktiv, die Charaktere hat er erfunden und doch existierte es eine solche Einrichtung jenseits von Romanseiten. Er lehnt sich u.a. an, an die erschütternden Ergebnisse die ein Team von Archäologie-Studenten in der Tampa Bay Times 2014 von Friedhofsausgrabungen auf dem Anstaltsgelände der Dozier School for Boys in Marianna, Florida veröffentlichte. Erst 2011 war diese Demütigungs- und Foltereinrichtung geschlossen worden. In diesem Zusammenhang stieß Whitehead auch auf eine Website die Überlebende des “Doziers” betreiben. Er verarbeitet Zitate der Insassen in seinem Roman ebenso, wenn auch leicht abgewandelt, wie die Darstellung der Pflichten, die man den Jungen auferlegte. Eines der Original-Zitate, die für mich die Schrecken zusammen gefaßt auf den Punkt bringen ist dieses:

“Das Schlimmste, was mir während meiner Einzelhaft widerfahren ist, widerfährt mir täglich. Das Aufwachen”. (Zitat Danny Johnson, aus Burried Alive: Stories From Inside Solitary Confinement)

Danny Johnson verbrachte siebenundzwanzig Jahre im Dozier in Einzelhaft.

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