Die Lüge (Mattias Edvardsson)

*Rezensionsexemplar*

Freitag, 28.06.2019

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht. (Altes Sprichwort)

Hat eine Lüge weniger Gewicht, wenn sie aus den richtigen Motiven heraus ausgesprochen wird? Wer entscheidet dann was die richtigen Motive sind? Macht es wirklich einen Unterschied aus wessen Mund eine Lüge kommt? Ist man per se schon glaubwürdiger als andere, wenn man einer bestimmten Berufsgruppe angehört? 

Woran sind wir bereit zu glauben? An das was uns selbst am glaubwürdigsten erscheint? Wie viel Vertrauen ist richtig? Wie viel Misstrauen notwendig? Lasst Euch mal durchrütteln von Fragen wie diesen und von einem Schrecken, der in einen Alltag einzieht, und ihn von heute auf morgen auf den Kopf stellt, aber so richtig …

“Ich habe einen seltsamen Beruf, bei dem sich Leben und Tod im Hausflur die Hand reichen”. (Textzitat)

Die Lüge (Mattias Edvardsson)

Der Tag an dem Stella, gerade eben neunzehn Jahre alt geworden, ihr Handy auf ihrem Schreibtisch vergessen hatte, war der Tag nach dem Leichenfund in ihrem Stadtteil. Ein dreißigjähriger Mann war ermordet worden, so munkelte es in der Nachbarschaft …

Neunzehn und das Handy vergessen?! Das gab nun wirklich Anlass zur Sorge, fanden die Eltern. Das ihre Tochter in der Nacht zuvor spät, erst nach zwei Uhr früh, nach Hause gekommen war und sich dann auch noch in der Waschküche zu schaffen gemacht hatte ebenfalls. Wiederholt hatte ihr Vater Wasserspülgeräusche gehört. Wollte sie eigentlich noch in der Nacht zur Rede stellen, stand dann aber doch, als er sich durchgerungen hatte aufzustehen, vor ihrer verschlossenen Schlafzimmertür und horchte in sich und in die plötzliche Stille hinein … 

“Was ich jetzt sagen werde, kann ausschlaggebend sein”. (Textzitat)

Untersuchungshaft. Hinreichender Mordverdacht. Vater und Tochter, Tochter und Vater. Die Geschichte einer fast normalen Familie mutiert zum Albtraum. Vergessen sind die Fernsehabende mit Junk-Food, Einkaufsbummel an Samstag-Nachmittagen in der Stadt, die Museums- Besuche und Waldspaziergänge. All das gehörte mit einem Schlag zu einem fernen, einem anderen Leben, zu einem Leben vor der Lüge. Zu einem Leben vor der Tat. Alles lag in Scherben, folgte keinem Sinn mehr, Nachbarn und auch Freunde und Kollegen hatte man zu erdulden, die mit dem Finger auf einen zeigten und alles zu erklären wussten. Selbstredend hatte der Jähzorn der Tochter mit fehlenden Grenzen zu tun. Glasklar war das doch, oder etwa nicht?

“Ich bin eine schlechte Mutter”. “Als Vater habe ich soviel versäumt”. 

Nichts ist wichtiger als die Familie, sie galt es jetzt zu schützen. Was aber war der Preis, den man dafür würde zahlen müssen? Wenn auch Stoßgebete nicht mehr halfen, man nicht mehr ungeschehen machen konnte, was passiert war, dann – ja dann …

Beweisstücke verschwinden. Die Indizien sind dünn, die Freundin der Tochter mit den Nerven runter, vielleicht beeinflussbar? Diese Augenzeugin – so unglaubwürdig …

Du sollst nicht schwören, und er tut es doch.

Es kann einfach sein, nur das zu glauben, was man glauben will. Es kann einfacher sein, andere der Lüge zu bezichtigen. Das was geschehen ist, wird jedoch geschehen bleiben. Das Rad der Zeit vermag niemand zurück zudrehen. Die Ratio erfasst das alles auch, nagende Zweifel aber bleiben dort zurück, wo die Fakten fehlen …

“Vielleicht ist es ja eine Art Zwangsstörung. Wenn es eine Regel gibt, muss ich sie brechen”. (Textzitat Stella)

Pfarrerstochter, das war ein Etikett mit dem man es sicher auch nicht immer leicht hatte. Mangelnde Impulskontrolle und jugendlicher Canabis-Konsum. Schuld, Schande, falsche Entscheidungen und Therapiestunden.  Schnell beginnt man als Hörer zu ahnen, dass Stella keine einfache Tochter ist, offenbar nie gewesen war …

“Jeder Mensch ist zu einem Mord fähig. Wenn ein Mensch ausreichend tief verletzt wird, gibt es keine Grenzen die er nicht übertreten könnte. Das ist nichts was ich glaube, ich weiß es”. (Textzitat)

Welche Umstände können eine Tat mildern? Den Rechtsbegriff  “mildernde Umstände” für sich selbst neu interpretieren. Wodurch verwirkt man sein Recht zu leben? Mehr Fragen als Antworten in acht Wochen auf neun Quadratmetern, inklusive Toilette und Waschbecken. Isolationshaft bedeutete, kein Internet, kein Radio, kein Fernsehen und der einzige Besucher der eigene Anwalt.

Ausbruchsversuche aus dem immer gleichen Trott. Ein Hauch von Luxus, endlich umsorgt werden, wertgeschätzt. Ein Gefühl als habe man seinen Märchenprinzen getroffen. Dann eine hundertachtzig Grad Wende und die Tür, als einziger Ausweg aus dieser Abhängigkeitsspirale, öffnet sich einen Spalt breit, aber nicht zum Entkommen, nein – herein drängt sich ein lebensverändernder Moment.

Beste Freundin, was tust du nur? Eine Lüge als Liebesbeweis?

Mattias Edvardsson, lebt mit Frau und zwei Töchtern in der Nähe von  Lund/Schweden. Der Gymnasiallehrer hat Schwedisch, Literatur und Psychologie studiert und unterrichtet auch, wenn er nicht schreibt. Wenn er da nicht die besten Voraussetzungen mitbringt um einen Psychothriller zu schreiben, dachte ich und war gespannt wie er diesen aus gleich drei Blickwinkeln erzählen will. 

Er geht das ruhig an, nimmt sich die Zeit, geht intensiv mit seinen Figuren ins Detail, entwickelt sie. Lässt sie vor unseren Augen wachsen, an dieser Herausforderung, lässt das Bild das er zeichnet allmählich klarer werden. Dabei gibt er Stellas Vater Adam eine zentrale Rolle. Lässt ihn mit seinem Erleben erzählend beginnen.

Kritisch beleuchtet er zudem das schwedische Rechtssystem und insbesondere auch die schon international angeprangerten Zustände in den dortigen Untersuchungsgefängnissen. Eher romanhaft steigt man in Geschichte ein, erlebt ein Familiendrama, im Mittelteil eine coming-off-age Geschichte und landet in einem filmreifen Gerichtsmelodram. Ein jedes der drei Familienmitglieder wirft Edvardsson dabei auf seine Erinnerungen zurück, auf Erinnerungen an das Zusammenleben, das Zusammenspiel als Familie, auf Abhängigkeiten und auch auf Hilflosigkeiten, auf eigene Fehler.

Wie er jede der drei Hauptfiguren mit ihrem eigenen Erzählton und mit eigener Persönlichkeit ausstattet hat mich beeindruckt. So kann man Sarkasmus ebenso finden, wie Humor und Überzeugung die tief im Glauben verwurzelt sind und das schreit wirklich förmlich nach einer Interpretation als Hörbuch. Drei Sprecher haben sich dafür gefunden, die das sehr gut umsetzen.

Die gekürzte Hörbuch-Fassung wurde von mir abgelauscht in 11 Stunden und 6 Minuten. Wer es ungekürzt lieber mag kann dies auch das haben, und wird dann mit rund zwei Stunden mehr versorgt. Es lesen Nellie Thalbach, Anna Thalbach und Hannes Hellmann. Der den Reigen auch mit der Rolle des Vaters beginnt. Glaubwürdig und ernsthaft, wie es dem Stand der Figur gebührt. Ganz Glaubensmann und Elternteil im inneren Zwiespalt. Hellmann liest souverän und unaufgeregt den Löwenanteil der Kapitel. Für die Aufregung ist eher sie zuständig und das macht sie prima. Hörbuch-Profi Anna Thalbach. Sie gibt in einer Rolle als Zeugin vor Gericht alles. Sie weint und verzweifelt, im Stakkato springen die Sätze über ihre Lippen.

Jetzt tritt also auch Nelli Thalbach in die Fußstapfen von Oma Katharina und Mama Anna als Hörbuchsprecherin. Große Abdrücke haben die beiden Damen des Thalbach-Clans ihr da hinterlassen, dachte ich so und war gespannt wie sie das meistert und wie sie klingt. Es passt hier sehr gut und die stimmliche Verwandschaft zu ihrer Mutter kann sie nicht verleugnen. Das Talent auch nicht. So ist es am Ende die mehr als gelungene Umsetzung einer Geschichte geworden, die sich anfühlt, wie ein aufziehender Sturm.

Mit geschickt aufgebauter Handlung, einer ausgeklügelten Strategie, lässt man uns als Hörer respektive Leser bis zum letzten Satz im Epilog zappeln. Wer sind hier wirklich die Täter und wer die Opfer? Und wir, wir warten. Warten auf die Wahrheit. Auf die eine, einzig wahre …

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