Die Ladenhüterin (Sayaka Murata)

Wenn der Geschichten-Express an mir vorbei braust, dann springe ich meist unmittelbar auf. Will eine Neuerscheinung, die mir reizvoll erscheint jetzt gleich, sofort erleben. Will unter den ersten sein, die diskutieren und schwärmen. Manchmal aber lässt mich der Neuerscheinungszug am Bahnhof zurück und bald schon gerät er mit seiner kostbaren Fracht außer Sicht. Da braucht es für mich einen Mahner und Erinnerer um nochmals zu einem Text zurück zu finden, der schon ein paar Tage älter ist. Sind doch mittlerweile längst wieder neue Züge durch meinen Bahnhof gefahren, beladen mit verlockender Fracht. Diese hier ist so eine Geschichte, eine die ich beinahe aus den Augen verloren hätte, aber nur beinahe, zum Glück:

Die Ladenhüterin von Sayaka Murata

Keiko Furukura fällt aus dem Rahmen. Soviel steht fest. Menschen irritierten sie. Schon immer. Noch immer. Sie war die, die als Kind in der Grundschule einen Streit zwischen zwei Mitschülern mit dem Spaten geschlichtet hatte. Blut war geflossen. Einer jungen Lehrerin, die während dem Unterricht einen hysterischen Anfall erlitten hatte, zog sie kurzerhand den Rock herunter. Ständig hatte es wegen ihr Klassenkonferenzen gegeben und die Mutter musste sich verbeugend entschuldigen. Ausreden, aber bitte kreative, für dieses ihr Verhalten galt es zu finden. Wie wäre es mit einer chronischen Krankheit?

Es kam der Tag, vielleicht war es der an dem der Spaten zum Einsatz gekommen war, da beschloss Keiko brav zu sein. Sie wollte ja niemandem Ärger machen, schon gar nicht ihrer Mutter und so fing sie an mit dem Reden aufzuhören. Sie verhielt sich still, was anfangs große Erleichterung auslöste, unter den Erwachsenen. Zumindest bis dahin, als diese erkennen mussten, dass Keiko nicht mehr mit dem Schweigen aufhörte, nicht wollte oder konnte. Sie war und blieb ein Sonderling. Erst als sie in einem 24-Stunden-Covenience-Store als Aushilfskraft eine Anstellung fand, gelang es ihr halbwegs normal am Leben teilzuhaben. Neunzehn Jahre später, im Alter von sechsunddreißig ist sie immer noch hier, ist sie immer noch die Aushilfe und hütet den Laden in der Tagschicht, pflichtbewusst und verlässlich …

Sayaka Murata, geboren 1979 in der Präfektur Chiba, Japan, arbeitete nach Auskunft des Verlages selbst in einem Convenience Store. Darüber hinaus wurde sie mehrfach ausgezeichnet für ihre literarische Arbeit. Für “Die Ladenhüterin” erhielt die den Akutagawa-Preis, den renommiertesten Literaturpreis Japans. In wenigen Wochen wird ihr neuer Roman erscheinen “Das Seidenraupenzimmer” und diesmal zögere ich nicht. Ihn will ich eher erleben.

Wie ändert man sich, wenn andere meinen, das man das müsste? Wenn Wesen und Verhalten nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen? Man auffällig ist auf eine Art und Weise, wie andere das nicht mittragen wollen? Geht einem irgendwann die Energie aus, sich aufzulehnen? Sich zu verteidigen? Findet man einen Weg der Anpassung, der sich nicht fremd und absurd anfüllt? Wie sehr verliert man sich dabei selbst? Verbiegt man sich um zu gefallen? Um dazu zugehören? Wie geht man damit um, das andere auf das was man tut herabschauen? Kann man sich treu bleiben, trotz alldem?

Seine Bestimmung finden darf nichts damit zu tun haben, welches Ansehen (in den Augen anderer) der Beruf genießt, die Tätigkeit, zu der man sich berufen fühlt. Wie schön das zu erkennen, wie erleichternd sich dem widmen zu können was man mit jeder Faser seines Herzens gerne tut. 

Kann eine Beziehung ein Schutzraum sein? Aber gehört dann nicht auch gegenseitiger Respekt dazu? Bitte, JA! Mich macht das, was Keiko sich hier an Land zieht sprachlos. Lest oder hört selbst, was sie sich da gibt. Das ihr, wo sie immer so ausgesucht höflich, so freundlich ist. Alles stets ordentlich und aufgefüllt hält, den Tee kalt und die Würstchen heiß, den Morgen-Appell im Chor mit singt, die Firmen-Philosophie hoch hält. Denn das gibt ihr Halt und ihrem Tag Struktur. Kein Grund das zu belächeln.

Acht Chefs hat sie schon kommen und gehen sehen, als Veteranin gilt sie hier. Verpeilt auf eine liebenswerte Art ist sie, japanisch korrekt und zurückhaltend, diszipliniert und mit einem besonderen Humor ausgestattet. Ich mochte sie gleich, ihre Verdrehtheit, sie ist so ehrlich, trägt das Herz auf Zunge, unabsichtlich und nie verletzend. Ich habe gerne mit ihr den Laden aufgeräumt, Schilder aufgestellt und kassiert.

Akzeptanz und das Erfüllen gesellschaftlicher Normen scheinen in Japan eine große Rolle zu spielen. Die Heldin in dieser Geschichte nimmt uns mit, um uns zu erzählen wie es ihr damit ergangen ist. Ihre Autorin hat oder hatte hauptberuflich die gleiche Heimat, vielleicht ist sie ihr deshalb so griffig gelungen diese Erzählung. In ihrer Knappheit ist sie ausgeprägt aussagekräftig, sie macht mich betroffen und lässt mich gleichzeitig häufigst beifällig nicken, auflachen, den Kopf schütteln. Ich entdecke viel Vertrautes, bisweilen abstruses. Aber auch tröstlich versöhnendes. Wie schön!

Ein Leben gelebt wie in einer Kapsel, mit Tunnelblick. Ein Leben gelebt wie in einem Mikrokosmos, wie in einer Blase. Aus der hoffentlich keiner die Luft heraus lässt. Undenkbar was dann geschehen könnte. Hinter der Fassade dieser Beherrschtheit lauert, so glaube ich ein ganz schöner Druck …

Vielleicht kann er ja doch helfen. Eine lustlose neue männliche Aushilfe bringt Keiko und den Laden aus dem Tritt. Ein Außenseiter ist er, und Keiko erkennt, er steht am Rand der Norm, genauso wie sie. Sie, die zu diesem Store gehört wie eine Ware, die man ganz hinten im Regal vergessen hat …

Bettina Storm, geboren 1984 in Leverkusen, hat einen Bachelor of Arts im Fach Schauspiel und einen Master of Arts im Fach Sprecherziehung. Sie lebt heute in Köln. Die ungekürzte Hörbuch-Fassung von Muratas Roman liest sie in ca. 190 Minuten. Klar, präzise und mit einer der Nüchternheit des Textes angepassten Sachlichkeit, die mir sehr gefallen hat. Ihre Art zu betonen passt sehr gut zur Übersetzung von Ursula Gräfe, zur wunderbaren Figurenzeichnung von Murata. Sie überzeichnet nie, lässt die Geschichte nie ins Skurrile oder satirische abrutschen. Gerne, auf ein Wiederhören.

Danke, Arigatōgozaimashita, Aufbau Audio, für dieses Hör-Exemplar.

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2 Kommentare

  1. Petra
    13. Juni 2020

    Lieben Dank, Mikka. Ja, dieser Schauplatz übt auch auf mich einen ganz besonderen Reiz aus.”Groove” mich gerade ein wenig ein und erlausche gerade noch einen japanischen Roman. Diesmal von einem Autoren. LG von Petra

  2. Mikka Gottstein
    13. Juni 2020

    Hallo,

    das klingt wunderbar, sehr schöne Rezension! Ich habe ein Faible für Bücher japanischer Autorinnen, bisher haben sie mich immer auf leise Art und Weise überzeugt und begeistert.

    LG,
    Mikka

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