Fremdes Licht (Michael Stavarič)

Die Nacht ruft mich bei meinem Namen, will das ich schlafe und was mache ich? Ich lese. Immer noch. Bin gefangen in einer Welt aus klirrender Kälte und blitzendem Metall. Selbst das Licht ist kalt hier und das Gestirn am Himmel über mir, ist mir fremd. Lass mich nicht hier. Allein. Denke ich noch, als mir die Augen zufallen und mich ein Traum abholt. Grönland. Sehnsuchtsziel. Da ist es. Das Polarlicht. Es schimmert in allen Schattierungen von grün und blau. Endlich …

“Du bist eine ganze Vergangenheit und eine ganze Zukunft Elaine, lass es dir niemals nehmen, deine Geschichte so zu erzählen, wie sie wirklich passiert ist …”

Textzitat Michael Stavarič Fremdes Licht

Fremdes Licht von Michael Stavarič

Vielleicht konnte einem ja tatsächlich wieder warm werden, auch nachdem man aus dem Kryoschlaf wieder aufgewacht war und das eigene Blut wieder durch die Adern floss. Vielleicht spürte man die Kälte, die einen beim Einschlafen erfasst hatte dann nicht mehr für den Rest seines Daseins. Vielleicht. Für Elaine Duval war es so nicht. Abgestürzt auf einem Eisplaneten, als offenbar einzige Überlebende friert selbst sie, die Nachfahrin eines grönländischen Inuk. Die zum Glück von ihrem Großvater gelernt hatte, wie man sich ein Iglu baute. 

Ein Komet von der Größe Madagaskars war auf die Erde zugerast. Ein halbes Jahr war der Menschheit nach seiner Entdeckung geblieben bis zu seinem Aufschlag, bis zum Einschlag, bis zum Ende, um sich abzusetzen um nach zwei Lichtkriegen und dem Klimawandel den Planeten zu verlassen, den sie zerstört hatte. Mit unbekanntem Ziel in einem Flugschiff, in den Weltraum. In der Hoffnung, auch wenn es Jahre, vielleicht Lichtjahre dauern sollte, man würde eine neue Heimat finden, man musste …

Angelockt von bläulich schimmerndem Licht und einer Blutspur stolperte sie voran. Ein Strand, bedeckt von Schneeflocken, die nach dem Aufwirbeln in der Luft zu stehen scheinen. Dieses fremde Licht, dieses Blau, das fraglos einmal für das Leben gestanden hatte. Blau wieder der Himmel, das Meer, wie der Planet von dem Elaine gekommen war. Dieses Leuchten, es war nicht nur eine einfache Lichtbrechung. Es musste mehr sein …

Michael Stavarič, geboren 1972 in Brno, lebt als freier Schriftsteller in Wien. Dieser Mann kann schreiben! Mann oh Mann! Meinen Eindruck teilt so manche Preis-Jury. Sein aktueller Roman Fremdes Licht lässt sich nicht so einfach in die Schublade Science Fiktion stecken, das wäre viel zu kurz gesprungen und würde ihm bei weitem nicht gerecht werden.

Stavarič verheiratet hier eine dystopische im 24. Jahrhundert mit einer historischen Geschichte um 1890. Trennt seinen Roman dafür in zwei Teile, ein jeder kann für sich stehen, wird aber von einem verbindenden Element zusammengehalten, das zu entdecken mir eine Freude war. Mein verblüfftes Gesicht hätte ihr mal sehen sollen, als ich zu Teil zwei umgeblättert und mit dem Lesen desselben begonnen habe. So ein genialer Bruch ist das, nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Tonalität. Ich staune. Nicht nur deshalb, sondern auch weil Elaine da gerade eben einen Gegenstand gefunden hat, der golden schimmert und nicht nur ihr Rätsel aufgibt … Wo will diese Gesichte mit mir hin. Als wäre ich auf Glatteis geraten, rudere ich mit den Armen. Ist meine Heldin jetzt vor Einsamkeit und Kälte etwa dem Wahnsinn verfallen?

Was für ein Ritt! Was für ein Abenteuer! Erst lande ich auf einem fremden, fernen Planeten im ewigen Eis. Mit einer Heldin, einer Forscherin für Gen-Rekonstruktion und Reproduktion, die sich so intensiv an die Riten, Bräuche und an die Sprache der grönländischen Inuit erinnert, das diese Gedankenblitze wie eine weitere, eigene Handlungsebene wirken. Ich blicke mit ihr auf den Weltuntergang zurück, lerne mit ihr Planeten am Geräusch unterscheiden, das sie in der Stratosphäre hinterlassen. Erkenne Pluto und Merkur, Venus und Dank Aufnahmen die gute alte Erde an ihrem Klang.

Mit geradezu melodischer Sprache und orchestral, ja episch verbindet  Michael Stavarič auch diese seine kleinen Nebenhandlungsstränge zu einem Gesamt-Satzkunstwerk und spannt einen Bilderbogen in allen Farben, die Eis und Schnee hergeben. Es erwartet einen ein Detailreichtum, eine gekonnte Mixtur aus Fakten und Fiktion, dem die umfangreichen Recherchen die diesen Roman zugrunde liegen anzumerken sind. Seinem Erzählton bin ich alsbald schon verfallen, er versteht es, meiner Sehnsucht nach Grönland neue Nahrung zu geben. Auch optisch gibt er seinem Text echte Highlights mit, so übersetzt er die Inuit Begriffe auch phonetisch, in einer Art Laut- oder Hyroglyphensprache mittels Punkten, Kreisen, Strichen.

Was für ein Gedanke, nachdem man den eignen Planeten zugrunde gerichtet hat, besteht die Chance auf einem anderen von vorne zu beginnen. Man muss ihn nur noch finden. Man kann schneller reisen als das Licht, und weiter als je zuvor. Der Kälteschlaf macht es möglich. Auch wenn man einen eingefrorenen Körper nur einmal ins Leben zurück holen kann, ist diese Vorstellung gleichermaßen faszinierend wie beängstigend.

Ich fliege durch diese 504 Seiten, lerne über die Inuit, über die Kälte. Breche auf mit einer übervollen Arche Noah. Planeten kommen und gehen, das ist das normalste der Zeit. Mehr als eine Frage aber hängt zwischen den Zeilen, daran kann man sich gedanklich abarbeiten, was ich großartig fand. Auch das Gefühl der Heimatlosigkeit stellt Stavarič einmal in einen ganz anderen Kontext. Hier verliert man schließlich einen ganzen Planeten, ist auf sich selbst zurück geworfen. 

Dann wieder unternehme ich Expeditionen in den Gebirgen der Welt lerne von einem Großvater, was es heißt Wurzeln zu haben. An das im Sitzen schlafen aber gewöhne ich mich nicht. Auch das nur vier bis fünf Stunden Schlaf den Inuit in Grönland ausreichen, man sonst als Faulpelz gilt, will mir nicht gefallen. Ich lebe ein Leben unter der Erde, nach Kriegen aus Licht und Hitze. Zwar hat es hier Städte mit jeglichem Komfort, aber keinen Himmel und keine Sterne.

Was für ein Idee, das Artensterben durch Genreproduktion zu verhindern. Dafür steht die Heldin, eine Genforscherin, die ich in Teil eins kennen lerne. Eine Maschine hat sie entwickelt, ganze sechs Stück davon, sind auf dem Flugschiff, das die Menschheit retten sollte mitgenommen worden. In meiner Vorstellung sahen diese aus, wie riesige 3-D-Drucker. Ratternd nehmen sie ihre Arbeit auf und die Dinge nehmen ihren Lauf. Was aber, wenn das was sie hier erschafft sich gegen sie wendet. Ein Eisbär wählt seine Beute ja nicht nur im Tierreich aus, sagt man doch so, oder nicht?

Schon heute beschäftigt sich die Robotik mit der Möglichkeit Geist und Erinnerungen eines Menschen aufnehmen zu können. Der Traum vom ewigen Leben, in einem Avatar, losgelöst von einem Körper, der dem Altern und dem Zerfall ausgesetzt ist. Ethische Fragen verpackt in ein Science-Fiktion-Szenario, grandios. Es treibt mich weiter durch die Seiten. 

Ich lande auf der Fram mitten in der Nordatlantik-Expedition von Fridtjof Nansen im Jahr 1892. Unser Schiff friert mit der Besatzung im Winter vor Grönland fest. Schreibe Logbuch mit dem Kapitän, lerne eine Inuk kennen. Mit ihr besuche ich Chicago 1893, wo die Welt anlässlich einer Ausstellung zu Gast ist, sie segelt mit der Mannschaft der Fram hierher, reiste mit einem eisernen Ross weiter. Nicht jedoch ohne zuvor eine schamanische Spezialausbildung erhalten zu haben und die hat es in sich kann ich Euch sagen!

Was die Herren Thomas Alva Edison, Nikola Tesla, die Macht der Blitze und ein geschichtlich verbriefter Serienmörder namens Henry Howard Holmes  für eine Rolle spielen, das findet mal schön selbst heraus.

Den Takt der Tage bestimmen Wetter und Jahreszeiten. Zeit, die man messen muss, spielt keine Rolle. Die Kälte quillt hier aus jeder Pore des Papiers, sie ist allgegenwärtig, ich blinzle, weil auch ich fürchte, meine Wimpern könnten schon fest gefroren sein. Jeder Moment ist hier durchdrungen von ihr. Sie ist lebensbedrohlich, in dem was sie erschafft grausam und doch auch so wunderschön, so bizarr.

“Wohin ich auch blickte, ich konnte mich nicht sattsehen an den Rillen und Furchen, die manchen Nächten überdeutlich im Eis hervortraten, es war ein lebendiger, uns gewogener Organismus.”

Textzitat Michael Stavarič Fremdes Licht

Ein Roman wie ein Kammerspiel, verortet im Reich des Frostes, aus dem alle Farbe gewichen ist, und doch schimmert er, zart wie Schneekristalle. In all dem Eis sind so viele Erinnerungen konserviert. Denn tragen wir nicht unsere Vergangenheit immer bei uns, auch wenn wir in die Zukunft reisen? Gleich ob sie uns gefällt oder nicht, sie hat uns hierher gebracht, hat uns zu denen werden lassen, die wir sind. Ein Füllhorn, sprachlich und inhaltlich reich, ist dieser Roman. Reich durchwirkt mit Wissen der unterschiedlichsten Gebiete, erweiterte und Quellenhinweise gibt es im Anhang inklusive.

Eine Geschichte mit reichlich Fleisch an den Knochen, eine wahre Wundertüte, so wie ich das gerne mag! Faszinierend und haltet genug Post Its bereit. Denn es wird viele Stellen geben, die ihr Euch markieren mögt. Lesend tastete ich mich an eine Kultur heran, an ein Land, das ich nur zu gerne auch einmal bereisen würde. Grönland und seine Inuit erleben. Vielleicht begegnen wir uns ja, eines noch fernen Tages …

Mein Dank geht an den Luchterhand Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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2 Kommentare

  1. Petra
    3. August 2020

    Liebe Julia, sehr gerne! Ich freue mich sehr über Deine Begeisterung und wünsche Dir auch bei den nächsten Seiten noch beste Unterhaltung. LG von Petra

  2. Julia
    1. August 2020

    Liebe Petra, ich bin erst auf Seite 50 und jetzt schon hin und weg von der Struktur der Geschichte und der Sprache. Er hat den Dreh raus, das muss man diesem Autoren wirklich lassen. Dieses Gefühl für Sprache und das Heranführen an ein mir völlig fremdes Volk, den Inuit. Auch seine Idee Vergangenheit mit Gegenwart zu verknüpfen gefällt mir wirklich sehr. Kein Abschnitt ist langweilig, nichts wirkt aufgesetzt oder konstruiert. Ich bin begeistert und überzeugt, dass dies ein absoluter Favorit von mir wird! Danke für den super Tipp!

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