Die Kinder hören Pink Floyd (Alexander Gorkow)

“Atomkraft, Nein Danke!”, stand auf einem der vielen bunten Blechbuttons, die ich an meine Armybag gepinnt hatte. Sie war meine Schultasche. Meine Pullover strickte ich selbst, sie waren selbstverständlich aus reiner Baumwolle. Meine Haare färbte ich mit Henna (diese Sauerei!). Meine Schuhe, waren von Birkenstock, sorry für die Schleichwerbung, und ER war unsere Hymne. Er war meine Hymne. Sie waren unsere Helden, weil sie sich das trauten und wir sangen mit. Alle:

We don't need no education,
We don't need no thought control.
No dark sarcasm in the classroom.
Teacher, leave them kids alone.

Hey! Teacher! Leave them kids alone.

All in all, it's just another brick in the wall.
All in all, you're just another brick in the wall.

Aus der Feder von Roger Waters stammt ER, der Text, der diesen Song zum Welthit machte und die Band Pink Floyd zu Stars. “Another brick in the wall”. Seine Zeilen habe ich so oft wiederholt, ich kann sie immer noch auswendig und wie könnte ich da jetzt bitte dieses Buch nicht lesen wollen?

“Die Sommer in den leisen Liedern von Pink Floyd sind Bleistiftskizzen, aus denen alles hervorleuchtet. Das Gras, der Fluss, die Stimmen. Die Sommer am Niederrhein sind schwer, grün, satt und feucht.”

Textzitat Alexander Gorkow Die Kinder hören Pink Floyd

Die Kinder hören Pink Floyd von Alexander Gorkow

Gewohnt wird in Düsseldorf, ein Haus mit Garten, der Vater heißt Rudi, die Mutter Anneliese, der Sohn Alexander und die Schwester, den Namen hab ich vergessen.

Ein Haus mit Garten, den der Vater mit Gift tränkt, beständig ist er am Sprühen und der Bub, muss dann mit, muss ihm im Nebel folgen, der ihn dann umgibt und lernen. So muss das sein, der Rasen sattgrün, die Rosen leuchtend rot, die Quitten so groß wie Handbälle. Dann regnet es Lob von den Nachbarn und “Freiheit erfordert Verantwortung”, lehrt der Vater.

Frau Schwerdtfeger ist einfach überall, sie scheint einen zu wittern, auch wenn man sich ganz still verhält. In der Nachbarschaft weiß sie alles über jeden. Ihr Küchenfenster liegt halt auch strategisch günstig.

Hossa! Man liebt Schlager. Ein Herr Heck moderiert die Hitparade. Heino ist neu und noch lacht niemand über ihn, sein “Karamba, Karacho, ein Whisky” halt durch das Wohnzimmer.

Vaters Rasierwasser ist von Dunhill, der Wagen von Herrn Nietnagel, dem die Drogerie gehört, ist von Jaguar, und jagdgrün. Das Auto der Mutter ist von Renault, ein R4, und dann ist da noch Vaters Citroen DS, der gerade so in die Garage passt, eine echte Staatskarosse, eigentlich viel zu groß für die enge Einfahrt, aber seine Federung, und wie er sich in die Kurve legt, darauf gibt es ein Patent, sorgt beim Einparken immer für eine angemessen neugierige Zuschauerzahl.

Leise lache ich auf: “Es gibt Gute, Unverdächtige und Monster. Zwischen unverdächtig und gut: Julio Iglesias”, meint Gorkow. Jetzt sind wir bei Rainer Holbes Starparade.

Gerhard Klarner spricht die heute-Nachrichten im ZDF. Grüsst jeden Tag um 19 Uhr mit einem “Guten Abend” und der Vater antwortet mit “Guten Abend, Herr Klarner.” Immer. Die beiden verstehen sich und überhaupt wird es jetzt ernst. Wenn der Vater die Nachrichten schaut, hat es mucksmäuschenstill zu sein.

Geht Kind schlafen, warten die Monster unter dem Bett. Dorthin ziehen sie sich zurück und sie kennen sich aus mit Ängsten. Flüstern und wispern.

Yul Brynner ist im Kino mit Westworld, und Godzilla, weil die Filmrolle mit dem weißen Hai bei den Horstbroichs noch nicht angekommen, schöne Frauen haben dort rot leuchtende Augen, so wie Heino, der ein Nationalsozialist ist. Sagt die Schwester.

Alexander Gorkow, geboren am 22 August 1966 in Düsseldorf arbeitet als Schriftsteller und Journalist, seit 1993 für die Süddeutsche Zeitung. 2012 und 2018 wurde er mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Zuletzt für das beste Interview des Jahres. Dieses Interview führte er mit dem Songwriter, Sänger und Mitbegründer der Band Pink Floyd, Roger Waters, und titelte mit “Der Aktivist”. Mit seinen Romanen “Mona” und “Hotel Laguna” schrieb Gorkow sich auf die Spiegel-Bestsellerliste und wer bin ich, das ich die Empfehlung von Elke Heidenreich für seinen aktuellen Roman “Die Kinder hören Pink Floyd” ignorieren kann? Zum Glück, bin ich ihr gefolgt!

Namen sind Schall und Rauch, hier aber gegeben sie Halt und Kontur, sind griffig und erzeugen Kopfkino. Sofort. Diese Nietnagels, Horstbräuchs und die Senftlebens. Letztere still und in “gedeckten Farben”. Die Banalität des Alltags birgt Witz, Ernst und Melancholie und Gorkow bringt sie auf den Punkt, oder hinter einen Doppelpunkt. Setzt Ausrufungszeichen. Besonders hinter die politischen Ansichten eines Vaters. Den Sohn schon auch irgendwie verehrt.

Klug beobachtet und fragmentarisch erzählt Gorkow aus seiner Jugend, plus minus zehn Jahre ist er alt, wenn er von Schulhofprügeleien spricht, Inklusion ist halt nicht einfach und selbst Religionslehrern rutschte da auch schon mal die Hand aus. Der Herr Pfarrer hatte dabei aber die Rechnung ohne Alexanders Vater gemacht. Der greift das Bibelzitat “Auge um Auge” beherzt und sehr wörtlich auf, als eine flache Hand den Alexander trifft …

So schön nostalgisch ist das alles, also ich meine jetzt nicht die Lehrer und die Prügelstrafe, sondern alles andere und ich wende mich oft nach innen, erkenne Gemeinsamkeiten. Kleinigkeiten die auch in meiner Jugend stattgefunden haben. Wir sind ja fast ein Jahrgang, Gorkow und ich.

“Zufall und Pech verformten das Herz, und so sind Zufall und Pech keine Größen mehr in ihrem Leben, entscheidet die Schwester. Sie wird von nun an selbst entscheiden, sie  wird alles selbst regeln und nichts mehr geschehen lassen.”

Textzitat Alexander Gorkow Die Kinder hören Pink Floyd

Der Regenbogen des Pink Floyd Albums “Dark Side of the Moon” spiegelt sich in den Buchstaben des Covers. Schön Retro und für Fans ein Augenöffner. Die Schwester von Gorkow liebte diese Band, schrieb mehr als einen Brief an Waters, die natürlich alle unbeantwortet geblieben sind, und Alexander verehrte seine Schwester, also auch Pink Floyd. Diese Schwester, ist 6 Jahre älter als er, ein Contergan Kind mit Herzfehler, der sie oft ins Krankenhaus zwingt, eine Kämpferin, die mit ihrer Offenheit und ihrer Direktheit verblüfft und auch mir rasch ans Herz gewachsen ist.
Eine, die ihren Bruder prägt, der sich stotternd durch die Schulzeit kämpft. Spott erträgt während er an seinen Sätzen würgt. Ein Herz hat sie, das sie auf der Zunge trägt, in dem die Klappen nicht sitzen, eines das Professoren bewundern, dafür dass es überhaupt schlägt und sie prophezeien, das wird es aber nicht lange tun.

Gorkows Pointen landen immer auf dem Punkt, und seine Ausdrücke erst! Ich mach mal ein Beispiel: Unser Held hat zwei Onkel und der Vater sagt, der eine ist “weltläufig” und der andere “weniger ergiebig”. Man schmunzelt und hat sofort ein Bild im Kopf. So präzise und stimmig ist Gorkows Erzählen, davor verneige ich mich.

Überhaupt bin ich von der Sprache, die er eingesetzt hat schwer beeindruckt. Sie macht es möglich, dass man ein Dauerlächeln im Gesicht hat, aber auch mal ein Trächen wegblinzelt, dass man permanent zustimmend nickt, sich berührt erinnert. Einfach schön!

Ich war mit Alexander Gorkow auf einer wunderbaren Zeitreise und zu einer solchen möchte ich Euch gern einladen. Was lässt sich retten ins Erwachsenenalter? Was davon zerlegt die Zeit, wenn die Jugend erst hinter uns liegt? Welche Idole haben noch Bestand?

“Einem Monster kann man nicht kündigen. Es entscheidet immer das Monster, wie es weitergeht”, sagt Alexander. Eine letzte Begegnung mit Roger Waters, ein Interview, ein Briefwechsel. Pink Floyd ist tot, es lebe Pink Floyd!

Mein Dank geht an den Verlag Kiepenheuer & Witsch für dieses Rezensionsexemplar.

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