Die Göttin, die von Blüten träumte (Leif Karpe)

Kein Wunder das diese Dame eine Presseschlacht auslöste die um die 700 Artikel lang andauern sollte. Die Behauptung: Ihr Schöpfer sei kein Geringerer als Leonardo Da Vinci und die Göttin Flora sei Wachs in seinen Händen gewesen. Denn aus Wachs und Walrat, dem weißen Amber des Pottwals besteht sie, diese etwa 67cm große Büste einer lächelnden Frau. Lächeln und Frau und Da Vinci, da macht es Klick bei vielen kunstbegeisterten, und sie denken gleich an die Mona Lisa. Das tat wohl auch 1909 Wilhelm Bode, der Direktor der Berliner Museen, der die Büste der Flora seinerzeit für 185.000 Goldmark erwarb im Glauben an Da Vincis Urheberschaft. Seine Freude an dem guten Stück war aber leider nur von kurzer Dauer, die englische Presse behauptete nämlich alsbald er sei einer Fälschung aufgesessen, einer die Richard Cockle Lucas 1846 angefertigt haben soll. Mittels Forensik sollte hernach beweisen werden, das doch Da Vincis Finger bei der Entstehung dieser Ikone im Spiel gewesen waren und so wurde die Büste der Flora dann zur ersten Skulptur überhaupt der man mit Röntgenstrahlen auf den Leib rückte.

Bis heute ist man sich uneins, auf welches Entstehungsjahr man die Skulptur datieren kann. Zuletzt wurde in diesem Jahr eine Studie veröffentlicht für die insgesamt neun Proben mittels dreier verschiedener Methoden untersucht worden sind und man datiert die Flora danach auf das 19. Jahrhundert, schließt damit Leonardo als erschaffenden Künstler aus. Aber wer weiß? Nicht nur Kohlenwasserstoffe sind tückisch und verändern sich mit den Jahren, Jahrzehnten. Vielleicht, ja vielleicht ist sie am Ende doch ein Rennaissance-Meisterwerk und so sieht die Dame übrigens aus:

Quelle Wikipedia

Wer sie in Natura bewundern möchte kann das im Berliner Bode-Museum tun, 1966 ist sie nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges, als Beutekunstopfer hierher zurück gekehrt und wird seit 2006 in lückenloser Folge hier ausgestellt. Also ich für meinen Teil kenne da ja jemanden, der wenn es um die Echtheit von Kunstwerken geht keine Spektrometer braucht, er hat eine ganz spezielle Gabe und mit Leif Karpe, seinem Erfinder, bin ich aufgebrochen um dem Mysterium der Flora ein für alle Mal auf den Grund zu gehen …

Ich bin nicht tot,

ich tausche nur die Räume,

ich leb’ in Euch  und geh’

durch Eure Träume.”

Michelangelo Buonarroti

Die Göttin, die von Blüten träumte von Leif Karpe

Peter kam kaum hinterher. Atemlos folgte er dem kleinen wieselflinken Mann Treppe um Treppe tiefer hinab in den Bauch des Pariser Louvre. Die spärlich beleuchteten Flure schienen kein Ende zu nehmen und es war ihm kein Rasten und kein Blick auf die Kunstwerke vergönnt die ihn im Zwielicht umgaben. Seine Auftraggeberin hatte den New Yorker Comic-Händler Peter Falcon, der lange Jahre für ein bedeutendes Auktionshaus gearbeitet hatte hierher geschickt. Es sollte die erste Etappe einer Suche werden, was er jetzt noch nicht wusste, wohl aber das die Wissenschaftlerin deren Spur er aufnehmen sollte, hier in Paris verschwunden war. Im Keller des Louvre hatte sie mittels eines Teilchenbeschleunigers an einer Datierungsmethode für Kunstwerke geforscht und ihr letztes Forschungsobjekt war die Wachsbüste der Flora gewesen, die für viele die daran glauben wollten aus der Werkstatt Leonardo Da Vincis stammte und nicht aus der eines geschickten Fälschers …

Ich bin zurück in der Welt der Kunst und Peter Falcon auch, was für eine Freude! Gute Kunstkrimis sind dünn gesät, wie gut das es da Leif Karpe gibt. Er lässt mich hier nicht nur ein zweites Mal über seine Ideen staunen, sondern sofort los googeln und Kunstwerke entdecken, von denen ich ohne ihn nie auch nur etwas geahnt hätte. Auch in diesem seinem neuesten Roman ist er mir wieder ein überaus kundiger Führer in der Welt der Kunst und das auf das Allerkurzweiligste.

Leif Karpe, wurde 1968 im Schwarzwald geboren, wuchs lt. Verlagsangaben im Ruhrgebiet und in Brasilien auf. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet er als Kameramann für Dokumentationen und Spielfilme mit dem Schwerpunkt Kunst. 2020 veröffentlichte er seinen ersten Roman Der Mann, der in die Bilder fiel und schenkte einem Helden das Leben, der mich nach der ersten Begegnung auf eine zweite hat hoffen lassen. Mit ihm saß ich einst in einem Café am Montmarte, wurde verfolgt, getäuscht, betört und betrogen, verlor einen Freund. Peter Falcon, er ist gemeint, versprach sich nach einem spektakulären Ritt in Fall eins Abstand und Abkehr von der Kunst und dem Handel mit ihr, der mehr und mehr zu einem Zirkus verkommen war, um jetzt ein weiteres Mal als Experte nachgefragt zu werden. Einen wie ihn gibt es halt nicht ein zweites Mal. Er hat eine Gabe und die lässt Kunstwerke zu ihm sprechen, dergestalt das er Visionen hat und in Zeit und Raum abzutauchen vermag. Genau dahin nimmt er mich, sein Fangirl mit und Leif Karpe baut die Kulissen dafür und was für welche. Zwischen all der etwas anspruchsvolleren Kost in die ich schon auch gerne meine Nase reinstecke, ist ein gut gemachter Kriminalfall für mich wie eine Belohnung. Dieser hier war meine Urlaubslektüre. Ideal deshalb, weil auf Reisen gehen kann man mit ihr auch vom Sessel aus und man kommt an Stellen, wo das echte Leben mich zumindest nicht hinlässt.

Als da wäre der Pariser Louvre bei Nacht mit mir allein in den Gängen, eine Taschenlampe huscht vor mir über die blanken Böden. Dann Berlin mit seiner Museumsinsel, Florenz und eine Villa in Privatbesitz, eine Künstlerwerkstatt inklusive. Ich begegne nicht nur Pablo Picasso wie einem alten Freund, sondern auch Herman Melville, sowie weiteren mysteriösen, verwegenen und auch verdrehten Gestalten, weswegen und weil mir die Besetzung dieses Kunststückes gut gefällt.

Da brat mir doch einer einen Storch, was dieser Autor so alles miteinander verbindet. Er paart Fakten mit Fiktion, das es sich anfühlt als gönne man sich etwas ganz besonderes im Genre Krimi und so ist es auch. Wieder hab ich wie nebenbei viel gelernt, durfte heuer exotische Schauplätze in vollen Zügen genießen, Zeitreisen unternehmen, knisternde Bossa Nova Platten hören und dazu tanzen.

Stimmung kann er nämlich auch der Herr Karpe und bildhaft eh, schließlich kann er von berufswegen her ja eben solche perfekt einfangen. Bei seinen Geschichten läuft bei mir automatisch schon zu Beginn ein innerer Film los. Diesmal werde ich wieder hereingelegt. Schändlich hintergangen sogar.

Ein Raub. Ein Komplott? Peter Falcon zweifelt und ich überlege wann er vom Antihelden zum Looser geworden ist. Da kenne ich ihn ganz anders. Da muss doch noch was kommen. Tut es diesmal aber leider nicht so wirklich. Nicht nur nicht, weil mir auf der Suche nach dem Geheimnis der Flora der Überraschungseffekt gefehlt hat, durch den sich der erste Fall von und für Peter Falcon mit Alleinstellungsmerkmal ausgezeichnet hat, der Kunstermittler meines Vertrauens scheint sich jetzt seiner Visionskraft sogar zu schämen. Setzte er sie in Fall eins noch charmant und als Trumpfkarte ein, versteckt er sie jetzt eher und hakt seine Begegnungen der besonderen Art diesmal wie gehetzt und für mich leider zu belehrend ab. Sowas von schade fand ich auch die nicht wenigen Wortfehler und Buchstabenpatzer im Text, die mich immer wieder stolpern ließen und meine Lesefreude ausgebremst haben.

Auch das Ding mit den Bienen, die Brücke die Karpe schlägt, lassen wir die lehrreiche Materialkunde mal beiseite, wirkte auf mich zu konstruiert und es fehlte mir die verbindende Eleganz aus Fall eins. So fällt mein Fazit leider gemischt aus, Punktabzüge vergebe ich auch für Cover und Ausstattung von Band zwei. Der für mich in Summe leider nicht an den ersten heranreicht. Ich hoffe also auf ein drittes Abenteuer und bin gespannt um welches Kunstwerk es dann gehen wird.

Mein Dank geht an den Verlag Nagel & Kimche und an die Agentur Kirchner für dieses Besprechungsexemplar.

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