Der Wassertänzer (Ta-Nehisi Coates)

*Rezensionsexemplar* 

Ostermontag, 13. April 2020

William Still, us-amerikanischer Geschäftsmann, Bürgerrechtler und Historiker, geboren 1821, gilt als der Vater der “Underground Railroad” die bis 1862 Bestand hatte. Zwischen 1810 und 1850 soll es diesem Netzwerk von Sklavereigegnern, mittels Schutzhäusern, geheimer Routen, und Helfern gelungen sein, mehr als 100.000 Sklaven zur Flucht aus den Südstaaten in den Norden der USA, nach Kanada und zu einem neuen Leben in Freiheit zu verhelfen. Ich bin diesem Netzwerk schon einmal lesend begegnet und zwar in dem gleichnamigen Roman von Colson Whitehead, der mich damals brutalst aufgerüttelt hatte.

Mit dem Held dieser Geschichte bin ich erneut mit dem Underground unterwegs, aber noch ahnen wir beide nichts davon, denn sie beginnt erst einmal hier …

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

… auf der Brücke zwischen dem Land der Lebenden und dem der Verlorenen. Mit einer Tänzerin, sie tanzte mit einem irdenen Krug auf dem Kopf, der zu ihr zu gehören schien wie eine Krone. Seine Mutter war die beste Tänzerin der Stadt und sein Vater war genau so auf sie aufmerksam geworden und ihn, Hiram Walker, gab es nur deshalb. 

Von einem Trugbild in den Abgrund gelockt. Er wollte ja atmen, aber es ging nicht. Alles was er einsaugen konnte war Wasser. Es hatte ihn von der Brücke gerissen und in den Fluss, der sich jetzt um ihn herum schloss. Ohne Ankündigung, ohne Vorbereitung. Eben noch hatte er auf dem Kutschbock gesessen, mit vor Regen triefendem Hut. Jetzt war das Wasser überall. Unter ihm, über ihm, um ihn herum … 

Ta-Nehisi Coates, ist ein us-amerikanischer Journalist und Buchautor, geboren 1975 in Baltimore. Mit seinen bislang veröffentlichten Essays, er arbeitet für die Zeitschrift The Atlantic, stieß er in den USA eine landesweite Diskussion zur Aufarbeitung der Sklaverei an. Der Wassertänzer ist sein erster Roman, er lebt mit seiner Familie in New York.

Schönheit, die in Ketten verwelkt, schreibt Coates. Er seziert nicht, er deutet vieles an, mit seinem Text von Liebe, Mut und Verzweiflung. Von Demütigungen, Unfreiheit und großen Träumen. Im direkten Vergleich zu Colson Whiteheads “Underground Railroad” ist Coates poetischer erzählend, weniger drastisch unterwegs.

Als Ich-Erzähler führt uns Hiram durch diese Geschichte, sein Auftrag ist es, den Sklaven eine Stimme zu geben, denn von ihren Herren hat man schon genug gehört. Ein blaues Licht führt ihn in Erinnerungen zurück und wir folgen ihm, wie auf einem gleißend hellen Sonnenstrahl, nach West Virginia. Mit der Klarheit eines Ertrinkenden erzählt er, von allen und von all dem. Seine Mutter hatten sie geholt und verkauft, da war er neun Jahre alt. 

Er arbeitet im Tabak und als Wasserträger für die Arbeiter auf der Plantage. Missernten lassen hier den Glanz vergangener Tage verblassen. Der Plantagen-Besitzer ist sein Vater und er holte ihn, nach dem Verkauf der Mutter, von den Feldern ins Haus. Sieben Jahre lang sollte er der Diener des eigenen Bruders sein, bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem sie beide in Fluss fielen …

“Sklaverei bedeutet tagtägliches Verlangen, bedeutet in eine Welt aus verbotenen Speisen und verlockenden Unantastbarkeit hineingeboren zu sein. Das Land um uns herum, die Kleider die man säumt, die Kekse die man backt, man vergräbt dieses Verlangen, weil man weiß wohin es führt.”

Textzitat Ta-Nehisi Coates Der Wassertänzer

Eine Rückkehr vom Tod gründet Pläne von Flucht und Freiheit, und eine bis dato nicht gekannte Entschlossenheit. Endlich die Ketten abstreifen, die sichtbaren und die unsichtbaren. Eine Geschichte wie ein breiter, dunkler Fluss. Beinahe lyrisch, episch und wehmütig erzählt.

Tabak soweit das Auge reicht. Ein Herrenhaus auf einem Hügel. Fruchtbare Erde und Wälder voll von Wild. Blühende Pfirsichbäume und ein süßer Duft, verwoben mit dem Gesang der Sklaven liegt in der Luft. Am Fuß des Hügels liegt das Labyrinth, hier leben die Verpflichteten, getrennt von den Oberen. Mit Bildern so satt und einer Melancholie die schmerzt erzählt Coates. Eindringlich formuliert er und kriecht mir unter die Haut. Er lässt mich diese mir fremde Welt sehen. Klar und deutlich.

“In mir wächst ein Mann heran, Georgi und den kann ich nicht in Ketten legen. Er weiß zu viel, hat zu viel gesehen und er muss aus mir raus, dieser Mann oder er kann nicht leben. Ich schwör dir ich fürcht’ mich vor dem was kommt. Fürcht’ mich vor meinen eigenen Händen.”

Textzitat Ta-Nehisi Coates Der Wassertänzer

Verrat. Inszenierte und befohlene Hetzjagden. Von Bluthunden gestellt, umzingelt und überstellt in einer mondlosen Nacht. Kaltes Eisen um den Hals, die Knöchel und Handgelenke, gespannt von einer Kette, verdammt zu einer dauerhaft gebückten Haltung. Flüche und Wehklagen, verbundene Augen und tastende Begutachtung auf der Haut.

Eine Grube im Erdreich und eine Falltür. Eine Dunkelheit, die die von Blindheit übertrifft. Man kaufte sich einen Sklaven auch um Experimente zu machen, Perversionen auszuleben. Für das Unvorstellbare, das Unaussprechliche findet Coates Worte. Worte, die nicht nur passend, sondern poetisch, mitfühlend und mitreißend sind. Plakativ und auf den Punkt.

“Wie lang auch immer ich ohne etwas zu essen ausgeharrt haben mochte, es war jedenfalls lang genug gewesen, dass die Hungerqualen mich verlassen hatten wie ein Besucher der nicht länger anklopft, weil er eingesehen hat, das niemand zu Hause ist.”

Textzitat Ta-Nehisi Coates Der Wassertänzer

Coates vereint eine Vielzahl von Einzelschicksalen unter dem schützenden Dach seiner Sätze, die Hiram und den Underground streifen. Er versteht es mich zu bewegen, weil er nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem Herzen hören kann. Er spannt einen epischen Bogen, auch wenn er mit seiner Geschichte in einer Generation bleibt und wir Hiram nur ein Jahr begleiten. Wie auf einem Gemälde in dunklen Farben führt er uns ein sterbendes Virginia vor Augen. Die Gier nach Tabak hat die Böden ausgelaugt, versteppt und trocken hinterlassen, die Plantagen bankrott.

Seine Figur des Hiram stattet er aus mit einer Gabe, ja mit einer mythischen Kraft, die mich an Teleportation denken lässt. Er lässt ihn Brücken erkennen, wo andere keine Wege finden. Nur lernen muss er noch ihrer Tragfähigkeit zu vertrauen und seiner Intuition, und was der Wassertanz, zu Ehren einer Göttin, die so viele über das Meer in die Unfreiheit getragen hat, wirklich vermag, kann ich nur ahnen.

Von Schaffnern und ihren Passagieren erzählt Coates, von Bluthunden auf zwei Beinen. Er lässt mich mehr über die Arbeit des Underground erfahren, als im direkten Vergleich Colson Whitehead, der über diejenigen schrieb, die das Fluchtnetzwerk in Anspruch genommen haben, weniger über die Helfer. Welche Risiken und Gefahren diese Unterstützer bereit waren auf sich zu nehmen, das hat mich tief beeindruckt. Wie mutig und uneigennützig diese “Agenten” waren. Wie viele selbst bei dieser Arbeit ihr Leben ließen, vereint unter dem gleichen Ziel, mit dem gleichen Sinn für Gerechtigkeit.

Hoffnung. Sie lehrten einander was es hieß, sich zugehörig fühlen, das Familien nicht immer und nicht nur aus Menschen des gleichen Blutes bestehen und das das “sich gewöhnen an Freiheit”, nicht so leicht ist, wie es sich zunächst anhört. Dann, wenn sich zwischen das was ist und das was war, sich das was vielleicht sein wird schiebt … 

Sabin Tambrea, geboren 1984, Schauspieler, zuletzt war er in der neuen Staffel von Babylon Berlin zu bewundern und ich verehre ihn für seine leicht introvertierte, unterkühlte und zugleich sanfte, sensible Art, mit der er seine Rollen anzulegen vermag. Im Hörbuch ist er für mich etwas ganz besonderes und er ist der Grund warum ich diesen Text unbedingt hören wollte. Etwa 17 Stunden liest Tambrea an diesem Roman von Coates und der Übersetzung von Bernhard Robben. Einfühlsam nimmt er sich zurück, um der Geschichte den Raum zu lassen, den sie braucht. Er verbindet so Text und Vortrag zu einer symbiotischen, unverbrüchlichen Einheit, erschafft ein Hör-Schauspiel.

Wie entrückt und doch stets gegenwärtig in jeder Zeile dieses Textes findet er seinen Rhythmus, hüllt mich ein mit Worten, schlägt mich mit einem Bann, mit seinem Bann … 

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