Das kann uns keiner nehmen (Matthias Politycki)

Samstag, 18.04.2020

Der Kilimandscharo. UNSESCO-Weltnaturerbe. Im Nordosten Tansanias gelegen. 5.895 Meter hoch ist dieses Bergmassiv, aus dem sich der Kibo der höchste Berg Afrikas erhebt. Meine erste Assoziation, wenn ich seinen Namen höre, ist immer Ernest Hemingways “Schnee am Kilimandscharo” und die Verfilmung seines Romans mit Gregory Peck und Ava Gardner. Kaum zu glauben, das die aus dem Jahr 1952 ist, oder? Hörend zurück hierher bin ich gereist und wieder habe ich einen Schriftsteller begleitet. Diesmal heißt er Hans, nicht Harry, stammt aus Hamburg, ist 63 Jahre alt und hat er noch eine Rechnung mit einem afrikanischen Berg offen …

“Das ist Afrika dachte ich und wurde schon wieder wehmütig. Der Tod steht im Raum und es wird nochmal getanzt.”

Textzitat Matthias Politycki Das kann uns keiner nehmen

Das kann uns keiner nehmen (Matthias Politycki)

Zwei Männer, eine Krater-Serpentine, zwei Lebensgeschichten.

Hatten der “Ur-Bayer” Charlie und der “Saupreiß” Hans beide zu Beginn ihres Trips noch erwartet, jenseits dieses begehrten Gipfels ungestört ein Nacht-Lager aufschlagen zu können, so wurden sie jetzt, samt ihrer Bergführer eines besseren belehrt. Ihr gegenseitiges Taxieren und ihren verbalen Schlagabtausch unterbrach ein unerwartet einsetzender Schneefall, der das Innere des Kilimandscharo rasch in eine Schneekugel verwandelte und ihre beiden Führer gemahnten zu Aufbruch und Eile. Das sei kein gutes Zeichen, und das sich verdichtende Schneetreiben sicher nur der Anfang. Der Anfang wovon? Die Götter seien mächtig hier, im Herzen des Berges, und man dürfe sie nicht unterschätzen. Das Haus vieler Götter sei er und vielleicht hätten sie ja den Gott der Massai beim Aufstieg erzürnt. Seine “Strafe” waren minus 20 Grad und eine harte Nacht, die den Gipfelstürmern alles abverlangen sollte …

Matthias Politycki, geboren am 20.05.1955 in Karlsruhe. Er gelte als der “Weltreisende” unter den deutschen Schriftstellern kann man über ihn lesen. Zahlreiche veröffentliche Erzählungen, Essays, Gedichte und Romane gehen auf sein Konto. Ich begegne ihm in dieser Geschichte zum ersten Mal und ich sage es gleich vorweg, es war mir ein Vergnügen!

Seine Reise-Erfahrungen spiegeln sich für mich in jeder Zeile und nicht nur die angenehmen offenbar. Er schreibt über Stille, die nur unterbrochen wird von Gipfeljubel, von Reisedurchfall, Infektionen, Fieber und über Lebensrucksäcke die vollgepackt sind bis zum Rand mit Gepäck das kein Träger entlastend schultern kann. 

Über eine Flucht nach vorne, die Flucht nach Afrika, nach einem Karriere-Ende und einem Job auf einem Wertstoffhof. Gelobtes Land, Heimathafen, Abenteuerland. Idealisiert und durch die rosarote Brille betrachtet, liebevoll und mit viel Humor.

Die Angst vorm Sterben, wie schreibt man über sie, ohne Schwermut, augenzwinkernd und ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben? Politycki kann das und ich mochte es, wenn wir schon beim “mit ohne” sind, ohne Einschränkung. Er balanciert auf einem schmalen Grad, versteht es das Gleichgewicht perfekt zu halten und genau dieser Ton ist es auch, der mir hier am besten gefallen hat. 

Nicht mehr viel Zeit hat er, die Show, die sein Charlie hier abzieht hat offenbar einen ernsten Hintergrund. Sieben Immodium bleiben wirkungslos, den Flüssigkeitsverlust gleicht er am liebsten mit Bier aus, ganz der Bayer halt, und seine demonstrativ gute Laune, seine teils derben Späße scheinen bei näherer Betrachtung seine Strategie gegen die Verzweiflung zu sein. Hansi dämmert, dass er da jemanden vor sich hat, der am Abgrund steht, der bevor er den letzten Schritt macht noch etwas erleben will und ausgerechnet ihn hat er sich zum Teilen dieses Lebensabschnitt-Abenteuers ausgesucht?

Serengeti kann doch jeder, sagt der Charlie. Er hingegen empfiehlt Sansibar als Anschlußprogramm und schleppt den Hansi mit, der sich erpresst fühlt und dem auch im Rückblick nicht klar ist, warum er sich eingelassen hat, auf die Tour und auf den Charlie. Auf zwei klapprigen Motorrädern, ein abenteuerlich Trip wird das, durch ein Sansibar abseits ausgetretener Pfade über Wurzelwerk und zu einsamen Buchten, wo einem die Stille in den Ohren weh tut. Zu verwunschenen, abgelegenen, einsamen Orten.

Menschen nehmen wie sie sind, das kann der Charlie, der Hans halt nicht und er ist schon eine echte Nummer, geradeaus und mehr als direkt, mit abgelaufenem Pass, wie man erfährt. Weil zurück nach Deutschland will und braucht er ja nimmer. Was ist wahr, was gelogen und was erfunden, von dem was der Charlie uns da erzählt. Auf wen ist unser Schriftsteller da wirklich gestoßen? Wer ist dieser Mann, dieser Mensch und spielt das wirklich eine Rolle? 

Nichts scheint zu passen und doch passt alles. Zufälle gibt es nicht und auch die Begegnung dieser beiden Männer scheint vorherbestimmt. Romanautor Hans ohne aktuelles Buchprojekt, sein Verleger würde ihm sicher nach seiner Rückkehr klar machen, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht sinnhaft sei, beginnt Charlies Sprüche zu notieren. Was hat das mit seiner offenen Rechnung auf sich? Ich will das jetzt wissen! Den Ausverkauf Afrikas an die Chinesen thematisiert Politycki gleich mit und bringt noch so manch anderen Seitenhieb auf Kriege, Politik und Verhältnisse auf dem schwarzen Kontinent mit unter.

Das schwarze Herz Afrikas schlagen hören und das eigene klopfend bis zum Hals spüren. Im Herzen des Sturms, im Herzen eines Bürgerkrieges zwischen Tutsis und Hutus. 

Reisen erweitert den Horizont, das ist hier wörtlich zu nehmen. Reisen verbindet Gefährten, kann aber auch trennen, weil man unterwegs erkennt, was unter Belastung nicht zusammenpasst. Redegewandt und sehr unterhaltsam, dabei weit entfernt von platt, schreibt Politycki über die Reisebekanntschaft zweier ungleicher Männer, die sich gefunden haben, ohne auf der Suche nacheinander gewesen zu sein. Über ihr verstrichenes Leben und die Idee von dem was vor ihnen liegt, wie immer das auch aussehen mag. Was immer sie erwarten mag, im Diesseits oder Jenseits. 

Tage wie gelöscht, mit der Geschichte von Hans wartet Politycki bis fast zuletzt und als er sie aufrollt, klebe ich atemlos am Text. Eine Geschichte, die dramaturgisch excellent aufbereitetet ist, die Herz hat, die wie das Leben selbst ist, unberechenbar und unvorhersehbar. 

Freundschaften schließen kann man in jedem Alter, auch noch mit über sechzig, wie die beiden Anti-Helden hier beweisen und mir gefällt dieser Gedanke. Dieser Gedanke, an alterslose Freundschaften ist so wunderbar versöhnlich, eingedenk der Beziehungs-Knüppel die einem das Leben so zwischen die Beine zu werfen vermag.

Polityckis Geschichte hat mich gefesselt, ich bin beiden Männern gerne nach und durch Afrika gefolgt. Durch ihre Lebensgeschichten, an Tagen, die zu besonderen werden, die man sein Lebtag nicht mehr vergisst. Habe mit ihnen die Gespenster ihrer Vergangenheit gejagt, zu verscheuchen versucht. Habe Zustände in den besten Krankenhäusern des Landes betrachtet und erlebt, habe mich erschrocken. Habe Glück erlebt, mich erinnert mit fiebrigem Herzen. 

Das kann uns keiner nehmen – ist die Erinnerung an eine Reise nach Afrika, die Erinnerung an das Überwinden körperlicher Grenzen, die man für sich als gesetzt geglaubt hat. Erzählt von einer Freundschaft, die man nicht nur nicht erwartet hat, sondern mit der nicht zu rechnen gewesen ist.

Das kann uns keiner nehmen – jeder kann diesen Satz für sich selbst beenden und mir kann keiner nehmen, dass diese Hörbuch es geschafft hat, das ich das für mich selbst auch getan habe …

It’s better to be happy oder problem finished. Politycki bringt es auch in Englisch auf den Punkt und findet in diesem Sprecher einen, der diese Geschichte auch punktgenau vorlesend in Szene zu setzen vermag:

Wolfram Koch, geboren am 10.02.1962 in Paris ist deutscher Schauspieler, Ermittler im Frankfurter-Tatort und auch als Hörbuchsprecher kein Unbekannter.

Welch Wohltat ihn endlich wieder einmal auf den Ohren zu haben! Seine Interpretation von Ian McGuires Nordwasser hallt noch immer in mir nach und seine Stimme gehört auch zu einem meiner Lieblings-Roman-Kommissare, zu Joona Linna aus der Reihe des schwedischen Autoren-Duos Lars Kepler. Kochs stimmlich meisterhaftes Wettrennen gegen die Uhr und gegen Keplers Sandmann werde ich in meinem Krimi-Hörleben wohl nicht mehr vergessen … Jetzt also bin ich mit ihm in Afrika, auf dem Berg, der für mich wohl ein Sehnsuchtsziel bleiben wird und ich lausche seinem Bayrisch mit Hingabe, sehr charmant!

Ich bin eindeutig verliebt in seine Satz-Pausen und zwar immer schon. Weil in ihnen das Gewicht des Gesagten so schön nachklingen kann. Er kann spannend und nachdenklich. Ist immer mehr als angemessen im Ton und seine Stimme, weich und mit herrlichem Crisp, ist voll einfach mein Ding. Volltreffer, Herr Koch. Knicks und Verbeugung dafür!

Mein Dank geht an den Verlag @steinbach sprechende bücher für dieses Hör-Exemplar.

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2 Kommentare

  1. Petra
    21. April 2020

    Liebe Dorothee, was mich freut. Eine Nebenwirkung hat dieser Titel allerdings, er ist nur was, wenn man gegen die Schilderung von Auswirkungen bakterieller Infektionen “immun” ist und es geht auch um ein kaputtes Knie … LG von Petra

  2. Dorothee
    18. April 2020

    Liebe Petra! Klingt toll! Die Liste Deiner Empfehlungen ist schon wieder auf 6 Bücher angewachsen…das wird wieder teuer! 🤣
    Liebe Grüße- Dorothee

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