Der Turm der blauen Pferde (Bernhard Jaumann)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 04.04.2019

“Erkennt meine Freunde, was Bilder sind: Das Auftauchen an einem anderen Ort.” (Franz Marc, Briefe hg. v. Günther Meißner)

Das wäre die perfekte Kulisse für einen Kunstkrimi, dachte ich letzten Donnerstag bei mir, wie ich so bei Nieselregen und kühlen elf Grad, staunend, mit offenem Mund und voller Erwartung vor dem Amsterdamer Rijksmuseum stehe.

Um Rembrandts berühmte Nachtwache könnte es gehen, oder nein, besser um das Selbstbildnis von van Gogh, das hier auch ausgestellt ist. Das wäre zumindest handlicher und nicht minder begehrt, würde man es an sich bringen wollen. In diesem riesigen altehrwürdigen Bau könnte man eine prima Verfolgungsjagd inszenieren …

In Gedanken schweife ich ab zu dem Krimi, den ich im Reisegepäck mit hierher gebracht habe. Auch hier geht es um einen “Alten Meister”, um Franz Marc und um ein Gemälde, das von seiner Hand erschaffen, als das DAS Schlüsselwerk des deutschen Expressionismus gilt.

Seit den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges gilt es als verschollen und Bernhard Jaumann setzt in seinem aktuellen Krimi einen neuen Ermittler auf seine Spur an.

Was ist? Seid Ihr dabei, wenn wir uns mit ihm auf die Suche machen?

Als dann, hier noch ein paar Hinweise, die sich als sachdienlich erweisen könnten:

Auf “schlappen” 2mx1,30m stapelte Marc seine blauen Pferde im Jahr 1913 kunstvoll übereinander. Der Maler dieses außergêwöhnlichen Ölgemäldes fiel selbst 1916 im Kampf und als letzter bekannter Besitzer gilt noch immer Hermann Göring. Dieser hatte das Bild, nachdem es aus der Ausstellung für “entartete Kunst” entfernt worden war, seiner eigenen Kunstsammlung hinzugefügt. Zweimal noch soll es danach in Berlin gesehen worden sein … (Bildquelle wikipedia.org)

Der Turm der blauen Pferde (Bernhard Jaumann) Ein Kunstkrimi

05. Mai 1945.

Der Zug stand jetzt schon einige Zeit auf dem Gleis. Er schien verlassen, ja aufgegeben. Die beiden Jungs hielten Ausschau nach den SS-Offizieren die ihn begleitet hatten. Es war niemand zu sehen, die Waggons geschlossen und es war still, beinahe zu still.

Neugierig näherten sich die beiden, sich vorsichtig umschauend. Was sich wohl in den Güterwaggons verbarg? Allenthalben sprach man in diesen Tagen von “Wunderwaffen”, mit denen es doch noch möglich sein sollte, den Endsieg zu erringen.

Sie kletterten in einen der Wagen und die Enttäuschung folgte prompt und auf dem Fuß. In den Kisten waren “Kunstwerke!”. Xaver spuckte das Wort förmlich aus und machte seiner Empörung lautstark Luft. Ludwig hingegen reagierte nicht, er hatte eines der Gemälde entpackt und wirkte seltsam. Seltsam entrückt. Dann ein Schlag, hart und dumpf. Ein Aufprall und sein Freund sank vor ihm leblos zu Boden …

Was für ein Prolog. Das geht ja gleich gut los, dachte ich um dann, für die nächsten einhundert Seiten mit der Geschichte und mit ihr zu hadern:

Klara Ivanovic, schwere Kindheit, beide Eltern Künstler, die sich alsbald schon nicht mehr aushalten konnten. Was hätte aus ihr auch anderes werden sollen als Kunstexpertin? Und mit ihm, Ruppert von Schleewitz, Kunstdetektiv, alter preußischer Adel.

Und dann haben wir da noch Max Müller, den Rechercheur im Team. Er hasst es in Archiven zu wühlen, drückt sich vor Dienstreisen, findet offenbar trotzdem jede Spur. “MMs” Töchter tanzen Ballet, lernen Cello und er wäre so gerne ein Vorzeigevater.

Okay, darf man das nach einhundert Seiten schon? Ich sag mal so, im echten Leben heißt es ja auch, es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck: Ich kann diese Klara Ivanovic nicht leiden. Irgendwie hält sie sich für einen Bestseller und lässt ständig den Chef raushängen, obwohl das eigentlich von Schleewitz ist. Gut, der lässt halt auch irgendwie lieber arbeiten. Und diese Klara ist gestört. Beziehungsgestört, das für mich leider nicht auf eine charmant liebenswerte Art, wenn es um Männer geht ist sie eine echte Zicke.

Diese Protagonisten konnten mich leider nicht abholen. Ich mag es halt lieber, wenn sich Figuren spannender entwickeln, Aktion und Reaktion nicht so direkt abgeleitet, so stereotyp sind. Für mich ist das essentiell um an einer Reihe dran zu bleiben. Und dies hier soll ja der Auftakt einer Reihe sein.

Und der Fall? Tja, der Fall, der hat schon auch ein paar Längen, nachdem ein Schrauben-Millionär und Kunstsammler behauptet, er habe einem Unbekannten das Original von Marcs legendärem Gemälde abgekauft und von Schleewitz beauftragt die Echtheit mittels Herkunftsnachweis zu klären.

Ein Auftrag, der es in sich hat, hätte man hier wirklich das Original des “Turms der blauen Pferde” in Händen, wäre das eine Weltsensation und lukrativ, das Gemälde wird mit einem Markt-Wert von mindestens dreißig Millionen Euro geschätzt!

Die einen nennen es Ultimatum, die anderen Auftrag mit präziser Lieferfrist. Aber wer klaut ausgerechnet filmreif vor aller Augen eine Fälschung in einer Villa, in der es von Originalen nur so wimmelt?

Als Leser erlebt man Ausblicke ins Berchtesgadener Land und Einblicke in den Kopf eines Mörders, eines Serienmörders, der schützt was er liebt, oder zu lieben glaubt.

Mit Blut an den Händen vererbt. Original oder Fälschung? Wer fällt hier auf wen rein, oder wer ist dereinst auf wen hereingefallen? Da staunt der Laie und der Experte wundert sich, bei dem Dickicht an gefälschten “Türmen”, die man auseinander zu halten hat, da hilft auch eine Reise nach Namibia von Schleewitz und seinem Team nicht wirklich …

Was ich mochte ist, wie Jaumann diese Leidenschaft vermittelt, diesen einen Funken, der überspringt zwischen einem Kunstwerk und seinem Betrachter. Dieser eine Funke, der zu glühen beginnt, einen wärmt und eine Begeisterung weckt, die man sich vielfach rational nicht erklären kann. Aber man kann sie zulassen, sich die Seele davon reinigen lassen.  Oder auch sich aufregen, sich empören, denn das tut sie ja auch, die Kunst, polarisieren und das soll sie ja auch. Die Schönheit liegt schließlich immer im Auge des Betrachters …

Gefallen hat mir auch, wie Jaumann die Fakten, wie die Kekskrümel, in seinen Plot streut und denen er seine Detektive und damit auch uns folgen lässt. Auch die Verfahren, mit denen Experten den Echtheitsgrad von Gemälden zu ergründen suchen, sind spannend dargestellt. Unglaublich was da für ein profundes Wissen, z.B. um die historisch verbriefte Verwendung bestimmter Farbbestandteile notwendig ist, wie viel wahrhaft detektivische Detailarbeit, will man ein altes Kunstwerk bestätigen.

Erstaunlich fand ich es auch zu erfahren, dass gegen Kriegsende insgesamt drei Züge voll mit Beutekunst fünf! Tage lang im Berchtesgadener Land der Plünderung ausgesetzt waren. Unglaublich, sich das vorzustellen. Auch, das in der Folge amerikanische Offiziere jeden Haushalt durchkämmten um die Kunstwerke wieder zusammen zutragen.

Eine Lieblingsfigur habe ich dann doch auch noch gefunden, Lisa alias Esther, alias Carolin. Eigentliche Zeugin, dann als Teilzeit-Unterstützung von Ruppert angeheuert, finde ich sie herrlich undurchsichtig. Den Schädel kahl geschoren, gepierct und nicht auf den Mund gefallen, sorgt sie für Dynamik und lässt den guten von Schleewitz und sein Team schon auch mal alt aussehen. Das hat er aber auch verdient!

Bernhard Jaumann, Gymnasiallehrer und Deutscher Krimi-Preisträger, sowie Gewinner des Friedrich-Glauser Preises, – reichlich Vorschusslorbeeren gab es für seinen neuen Roman und für das Genre “Kunstkrimi”, das auch mich angelacht und angelockt hatte.

Mit Erwartungen von Lesern ist das ja so eine Sache. Meine waren hier schillernd. Ja, und auch wenn ein echter Van Gogh schon auf einem Dachboden entdeckt wurde, ich hatte mir hier eine buntere Szenerie erhofft, garniert mit der ein oder anderen wirklich exaltierten Person.

Gefunden habe ich einen solide konstruierten, kurzweiligen Krimi, der sicherlich serienreif ist, seinen Figuren viel Raum für privates lässt, meinen Geschmack aber nicht zu hundert Prozent treffen konnte. Mal sehen mit welchem Fällen von Schleewitz sonst noch so von Bernhard Jaumann betraut wird, wenn es dann am Ende doch ins Rijksmuseum geht, werde ich wohl nicht widerstehen können.

“Wie ein Mensch hat ein Bild nur dann einen Wert, wenn es keinen Preis hat.” (Textzitat)

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Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Petra
    6. April 2019

    Na, das ist ja wirklich ein Ding! Bin gespannt was Du sagen wirst. LG Petra

  2. Dorothee
    5. April 2019

    Hallo Petra! Das ist ja witzig: den Krimi hab ich grad letzte Woche gekauft!😉

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