Der Schatten der Eule (Matthew Sweeney)

Matthew Sweeney ist tot. Einer der bedeutendsten irischen Poeten und Dichter verstarb im August 2018 im Alter von 66 Jahren an einer Motoneuronenerkrankung. Ich musste erst nachschlagen was man darunter versteht, auch um nachvollziehen zu können was es bedeutet, wenn einem Menschen eine solche Diagnose gestellt wird. Sweeney erhielt die seine im Oktober 2017. Muskelschwäche und fortschreitender Muskelschwund gehören zu den Symptomen dieser neurologischen Erkrankung, bis zuletzt zumeist die Atmung versagt. Es gibt keine Heilung, maximal Linderung.

Die Zeit die es brauchte bis nach einem Anfangsverdacht die verbindliche Diagnose gestellt worden ist muss die Hölle für ihn gewesen sein. Genauso wie der sich anschließende Kampf gegen diese Krankheit, den der Literat mit seinen Waffen aufnahm. Mit Versen. Sweeney begann im September 2017 mit dieser seiner letzten Gedichtsammlung und schrieb, in den Monaten die ihm blieben um sein Leben, kann man im Vorwort von Der Schatten der Eule nachlesen.

Ein zwölfstrophiges Gedicht um eine Eule bildet den Einstieg und die Eule, respektive ihr Schatten, wird auch in den Folgeversen noch auftauchen. Dieser Nachtvogel, der sich im Verborgenen hält, der auf sich warten lässt, besucht in diesem Gedicht den Garten das Autors Nacht für Nacht, spricht wenn in seiner Nachtsprache zu ihm, die Sweeney nicht verstehen kann. Der Vogel ist das Sinnbild für das Warten, das Vakuum, für den Schwebezustand auf dem Weg zur Gewissheit, die Angst und für den Überbringer der Diagnosenachricht. Die Sweeney dann telefonisch unterwegs erreicht. Niemand sah ihm dabei in die Augen, der Neurologe der sie aussprach blieb für ihn unsichtbar. Es ist beinah so, als habe er das genauso kommen sehen …

Die Portraitmalerin (Auszug aus Der Schatten der Eule von Matthew Sweeney)

In all den Jahren hatte ich nicht so ausgesehen im Spiegel.
Picasso fiel mir ein - jene Frauen,
die er malte und allesamt liebte. 

Aber obschon er ihre Augen auf eine Seite des Gesichts verschob war das Ergebnis doch schön.
Bei keiner krabbelten Käfer aus dem Mund oder verschwanden Skorpione hinterm Hemd, wie ich es auf meinem Portrait gesehen hatte.

In Sweeneys Träume schleichen sich zunehmend düstere Bilder, von einem Galgen der auf ihn wartet, von Männern die ihn mit einem Kreuz vor der eigenen Haustür empfangen, an das er geschlagen werden soll lese ich. Ein Leuchtfeuer hüllt ihn in gleißendes Licht. Was sich anfühlt wie Röntgenstrahlen, es ist kein Licht das Wärme und Hoffnung verspricht. 

Wie er seinem inneren Martyriums Ausdruck verleiht packt mich sehr an. Die Schwingen der Eule beschatten ihn, sie kann offenbar nicht von ihm lassen, auch nicht als die schlechteste aller denkbaren Nachrichten bereits überbracht ist. Die Einsamkeit die sich auf ihn legt, die Gewissheit, dass er das letzte Stück des Weges wird alleine gehen müssen, das er längst am Abgrund steht, ein Fuß vor dem Sprung …

Der Galgen (Auszug aus Der Schatten der Eule von Matthew Sweeney) )

Ich spürte, wie die Schlinge sich um meinen Hals legte, zuzog.
Das war's dann, sagte ich zu mir selbst, wartete auf das Klicken, das die Falltür auslöste, aber nichts geschah.

Fünf, zehn Minuten wartete ich in der Stille, dann hob ich zögernd die Hand, um die Haube zu entfernen, und war allein. Schwankend stand ich am Rand einer alten Mauer über dem Fluss.

Matthew Sweeney wurde 1952 geboren, im County Donegal, Irland. Übersetzt hat für ihn mehr als einmal und auch diesmal Jan Wagner, der sich mit seinem lyrischen Werk u.a. den Georg-Büchner-Preis erschrieben hat. Der Schatten der Eule ist zweisprachig aufgelegt und so kann, wer des Englischen mächtig ist, die Wort und Satzentsprechungen die Wagner für Sweeneys Gedichte findet gleich selbst verproben.

Diese Gedichte, die surreal anmuten, eingedenk der Gestalten, die hier eine Rolle spielen, die melancholisch sind, weil sie den Schmerz ihres Dichters abbilden, aber auch seinen leisen Humor und sein großes erzählerisches Talent. Denn größtenteils wirken seine Verse auf mich wie kleine poetische Geschichten. Sie folgen keinem strengen Maß. Warum auch muss man Verse messen? Diese hier sind outstanding, haben keine Konkurrenz. Man findet leicht einen Zugang zu ihnen und zu dem Menschen der sie uns geschenkt hat.

Jan Wagners Übersetzung immer wieder mit dem englischen Original auf der linken Seite des aufgeschlagenen Buches abgleichend taste ich mich behutsam voran. Vers um Vers, bin erstaunt wie viel ich im Englischen verstehe. Wie gierig ich den Sound Sweeneys aufsauge. Mit Schmetterlingen tanze, vom Klingeln eines Eiswagen verfolgt werde, im Wechsel Pflaumensake und Medoc trinke, Dubrovnik besuche. Es gibt Dinge die einem niemand mehr nehmen kann.

Ist es das was wir am Ende sortieren? Unsere Erinnerungen und Eindrücke? Auf der Suche nach dem was bleibt? Zwischen Flügelschlägen und losen Federn, zwischen “Huhu Rufen” und rastlosem Warten?

Ich will ich selbst sein bis zur letzten Minute,” schreibt Sweeney in Der Schlauch, als die Zwangsernährung auf ihn wartet und selbst der Schleim in seinen Lungen, der ihm den Atem nimmt, findet in einem Gedicht Niederschlag, als seine Träume zu Alpträumen werden. Die Feinde nicht mehr Freunde sind und die schaurige Gestalten bevölkern. Träume, die kräftezehrend und nervenaufreibend sind. Die der Blues etwas verblassen lässt. Der ein Freund ist. Zum Glück ist er das.

In diesen finsteren Tagen, in denen ein Despot die Welt drangsaliert, uns Frieden und Zuversicht raubt, eine Zeitenwende aufzwingt, habe ich nach passender Lektüre gesucht. Nichts Helles kann mich aufheitern, nichts Spannendes fesseln. Der Griff zur Lyrik war schon mehr als einmal heilsam oder tröstlich für mich, und so bin ich bei Matthew Sweeneys kämpferischer Traurigkeit hängen geblieben. In ihr habe ich verweilt, die Welt in ihr gesehen, wie sie ist. Wenn sie sich entschieden hat mit uns Schlitten zu fahren. Mein Lieblingsgedicht aus dieser Sammlung ist dieses hier und in ehrenvollem Gedenken an Matthew Sweeney möchte ich damit enden, Danke für diesen Abschied:

Der Schnee (Gedicht von Matthew Sweeney)

Der Schnee fällt und fällt, aber hier kann er nicht bleiben.

Den ganzen Tag haben die Böen ihre weißen Wirbelschauer gebracht,

die zu Schneematsch werden, dann Regen, sobald sie den Boden berühren.

Der letzte versuchte es auf andere Art - er gab vor, Hagelkörner zu sein,

aber auch diese schmolzen binnen Minuten. 

Es muss ein Ärgernis für den Schnee sein zu wissen,

dass ich im Haus bin und keinerlei Absicht hege, herauszukommen,

damit er mich niederschlägt, sich dann daranmacht , mich zu bedecken,

bis ich reif bin für das andere Begräbnis, nach welchem der Schnee die zur Ruhe

gekommene Erde zu verzieren verspricht, sofern ich ihm jetzt vergebe.

Als wäre es so einfach, sage ich, woraufhin der Schnee sich davon stiehlt.

Mein Dank geht an den Verlag Hanser Berlin für dieses Rezensionsexemplar.

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