Der Distelfink (Donna Tartt)

Sonntag, 26.11.2017

Wie Mikadostäbe ragen sie in den Himmel. Armdicke Stromleitungen, gespannt zwischen stählernen Kolossen, wie Fäden von Riesenspinnen gewoben. Überlandleitungen und Masten soweit das Auge in dem enger werdenden Tal reicht. Nachdem wir unseren Mietwagen im Parkhaus untergestellt haben und ausgestiegen sind, hören wir es, dieses Sirren über unseren Köpfen. Nein, Strom fliesst nicht völlig geräuschlos und hier, hier schlägt es also, das Herz von Las Vegas –  etwa 45 Kilometer südöstlich der Stadt, am Hoover Dam.

Das kostbare Nass und der Strom, der durch die endlose Zahl an Leitungen flitzt, halten die Wüstenstadt am Leben, machen die Nacht am “Strip” oder Downtown zum Tag. Wir stehen auf der gewaltigen Staumauer, die den Colorado River aufstaut, glitzernd schickt der Lake Mead Lichtkristalle an seine Ufer, wenn kleine Boote seine sonst spiegelglatte Oberfläche kräuseln. Es ist heiß hier mitten in der Wüste Nevadas. Wie eine Reise zwischen zwei unterschiedlichen Planeten fühlt sich dieser Ausflug in den Black Canyon an, den wir von der Glitzer-Metropole aus startend unternommen haben. Las Vegas mit seinen künstlichen Welten, Vulkanen, seinem Eifelturm, mit Manhattan und Venedig im Kleinformat, haushohen Wasserspielen, exotischen Lagunen, die uns ebenso ungläubig staunen lassen wie dieses, von Menschen gemachte Mega-Bauwerk inmitten grandioser Natur. Hier also hat Theodore Decker, einen Teil seiner Kindheit verbracht, einen Teil der ihn mehr geprägt hat als ihm lieb sein kann. Wer Theo ist wollt ihr wissen? Na dann …

Der Distelfink (Donna Tartt)

Eigentümlich, das diese Tage, die an ihrem Ende lebensverändert sind, anfangen wie jeder andere Tag auch. Theo Decker, dreizehn und morgenmuffelig, war mit seiner Mutter an diesem Morgen arglos aufgebrochen. Den Abstecher ins Museum sollte am Tagesende nur er überlebt haben, weil er sich in der Ausstellung von seiner Mum entfernt hatte, als die Bombe hoch ging. Zwischen Schutt und Trümmern, Schreien und Staub, war er auf den alten Mann und das Mädchen gestoßen. Hatten das kleine Gemälde und der Ring sich später in seinem Besitz befunden, wenn auch unabsichtlich, so doch unrechtmäßig und er hatte beides behalten, beschützt, als folge er einem geheimen Ruf …

Hobart & Blackwell – “läute die grüne Glocke”. Unheimlich lag das Ladenlokal im Dunkeln, in einer alten Villa aus Sandstein.

Textzitat: “Es war eine Stille die ich kannte, so zog ein Haus sich in sich selbst zurück, wenn jemand gestorben war”.

James Hobart war es, der Theo öffnete und wenig später völlig entgeistert den Ring seines Partners anstarrte, den der Junge ihm in die geöffnete Hand gelegt hatte. Kühle, mit bauschigen Vorhängen verschattete Räume, voll mit Möbeln die ein eigenes Leben zu haben schienen, die Trauer, die dieser Ort und James Hobart ausstrahlten lasteten schwer auf Theo, verstörten ihn, rührten die Bilder des Attentats, Gedanken die er tief in sich weggeschlossen hatte wieder in ihm auf …

Nach dem Tod der Mutter war es der ungeliebte Vater, der Alkoholiker, der Ehebrecher, der Theo mit nach Las Vegas nahm. Ja ihn dorthin verschleppte, ihm eine Tür in eine Welt aus Schein, Schulden und Betrug aufstieß. Zuckerbrot und Peitsche, die Beziehung zwischen Vater und Sohn stand unter keinem guten Stern. Das Rauchen, Stehlen, Saufen und Kiffen aber lernte Theo dann nicht von seinem “Dad”, sondern von seinem neuen besten Freund, dem Ukrainer Boris, der ebenfalls mit seinem Vater in der Glitzermetropole gestrandet war – und Theo drohte im Rausch völlig abzudriften …

Der Unfalltod des Vater, nur zwei Jahre nach dem Tod der Mutter führten Theo, jetzt fünfzehn, panisch vor Angst im Heim zu landen, zurück nach New York. Entwurzelt und Halt suchend kam Theo bei James Hobart unter, wurde diesem mit nur siebzehn Jahren zu einer Art Geschäftspartner und nach und nach wurde der Verkauf von gefälschten antiquarischen Möbeln sein Spezialgebiet. Schnelle Bargeldgeschäfte, um den Laden aus den roten Zahlen zu bringen und um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, sowie die Ahnungslosigkeit von Hobart ließen ihn immer dreister werden, alles war irgendwie so leicht. Bis zu diesem verhängnisvollen Tag, bis zu diesem einen Kunden, der nicht nur von seinen Gaunereien zu wissen scheint, sondern auch von Theos größtem, verborgenen Schatz, dem Gemälde, “seinem” Distelfink …

Erst trat dieser Erpresser auf den Plan – dann war er wie zufällig Boris wieder begegnet in den Straßen von Manhattan. Zufall? Das Geständnis, das Boris ihm dann nach einigen Wiedersehens-Wodkas gemacht hatte ließ in Theodore mehr als einen Zweifel an “zufällig” aufkommen …

Donna Tartt schrieb sich mit ihrem ersten Roman Die geheime Geschichte unter die wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen Amerikas. Mehr als zehn Jahre später erschien dieser Roman hier. Für ihren Distelfink wurde sie 2014 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Soviel schon mal vorweg – sprachlich hervorragend, behutsam übersetzt – in seiner Wortwahl ein Genuß …

Namensgebend für den Roman ist das Gemälde “Der Distelfink”, des Delfter Malers Carel Fabritius, der es bereits 1654 erschuf. Klein ist es tatsächlich auch, mit seinen 34×23 cm, Öl auf Holz. Zu bewundern ist das Original heute in der Königlichen Gemäldesammlung Mauritshuis in Den Haag. Von Januar 2013 bis Januar 2014 war das Gemälde auf Wanderschaft und wurde in drei amerikanischen Museen gezeigt. Hier hakt Tartts Roman ein. Es ist dieses Kunstwerk, das sie nach einem Bombenanschlag im Metropolitan Museum in New York in die Hände ihres Roman-Helden spielt. Das kleine Gemälde “überlebte” seinerzeit auch eine Explosion unbeschadet, die einer Pulvermühle, ganz im Gegensatz zu seinem Schöpfer Fabritius, der dabei umkam.

 (Bild-und Textquelle: Wikipedia)

Dieser Symbolik bedient sich Tartt, wenn sie über den Wandel und die Vergänglichkeit schreibt, das kleine wertvolle Bildnis klebt an Theo und Theo an ihm, weil es sonst nichts von Bestand mehr in seinem Leben zu geben scheint. Es verkörperlicht für ihn gar die einzige noch verbliebene Erinnerung an seine Mutter, die dieses kleine Gemälde so verehrte.

Dieser Roman und ich, wir haben da so unsere Probleme. Erst haben wir einen zweiten Anlauf gebraucht. Bei Hörbuch Kapitel 60 von insgesamt 390, in der ungekürzten Fassung sind das 33h und 26 min Hörzeit, hatte ich damals, vor einem Jahr, aufgegeben. War einfach nicht in die Geschichte hinein gekommen. Genau hier habe ich jetzt wieder aufgesetzt und bei Kapitel 65 meine Lieblingsstelle entdeckt und meine Lieblingsfigur kennengelernt. Hier treffen Theo und James Hobart in dem alten Haus im Village erstmals aufeinander. Atmosphärisch dicht und episch beschreibt Donna Tartt diesen Laden und die Stimmung, die nach dem Tod des einstigen Geschäftspartners von Hobart hier eingezogen ist. So wurde dann schnell die Werkstatt hinter dem Laden, genannt “die Klinik”, auch mein Lieblingsplatz. Komplett vollgestellt und doch behaglich ging ich hier bei Hobie in eine Restauratorenlehre. Hier warteten teils “verkrüppelte” Stühle darauf geheilt zu werden. Beinbrüche wollten gerichtet, Narben und Schrunden mit Wachs und Politur versorgt werden. Dann dieser geduldige, schrullige, wunderbar zugewandte Hobie! Ein echter Holzwurm mit Seele!

Hatte ich damals also zu früh aufgegeben? War es einfach nur der falsche Moment, die falsche Stimmung gewesen für mich und diese Geschichte?

Wie um mich zu verhöhnen, brachte mich der Roman nach den vorgenannten Lieblingsszenen dann aber gleich wieder aus dem Tritt. Puh, diese überbordende Detailfülle!

Die ausführlich geschilderten Drogen-und Alkohlexzesse waren mir einfach “too much”, wo würde das denn bitte hinführen? Und ja, ich war mindestens genauso genervt wie Theo im Roman von der Hochzeitstisch-Beraterin bei Tiffanys. Wollte am Ende des Tages nicht mehr wissen, ob der Teller mit dem blauen oder dem goldenen Rand die bessere Wahl wäre und welcher wieviel kosten solle. Wäre ich nicht beim Hören am Auto fahren gewesen – ich hätte mir auch einen Schnaps gegönnt um das auszuhalten. Boah, dieses Society-Geschnatter, sogar der Kühlschrankinhalt eines Glamour-Girls wird da zum Thema. Da fühlte ich mich fast, als hätte man mich zu “lebenslangem” Hören verurteilt. Diese Sequenzen waren mir lästig, wie ein Kaugummi am Schuh. Dann aber, haut Frau Tartt so richtig einen raus und holt mich doch wieder ab. Nein, ich verrate jetzt nicht, was es war, nur soviel, ein längerer Atem bei diesem Roman lohnt sich – das dicke Ende kommt nach …

Ein Roman wie eine Beichte, verpackt in einen Kunstkrimi – oder umgekehrt? Eine Geschichte über Liebe, Treue, Täuschung und Verrat, gelesen wollen 1.022 Seiten erobert werden. Mich hat es ordentlich hin und her geworfen zwischen Unverständnis, Empathie und Verstörtheit. Immer noch bin ich unentschieden, ob ich diesen Theodore Decker wirklich leiden mag. Er bleibt mir eine Figur, die ich nicht einordnen kann. Mit Oberflächlichkeit, fragwürdiger Moral und in permanenter Betäubtheit, enttäuscht und betrügt er alle auf seinem Weg. Vielleicht nicht absichtlich, sondern eher zwangsläufig. Gut, auch wenn ihn dieser Anschlag früh aus seiner Kindheit vertrieben hat, muss ich da trotzdem für seine Verdrehtheit und seine unzähligen Abstürze anhaltend Verständnis haben? Nein, muss ich nicht. Aber genau dafür, das der Roman diese Frage aufwirft, mich in diesen inneren Widerstreit bringt, davor habe ich Respekt. Donna Tartt schafft es, das ich heute noch, zwei Wochen nach der letzten gehörten Silbe grübele. Darüber und über die Frage die sich auch ihr Theo stellt – was ist das Richtige im eigenen Leben und wie weiß man das es das Richtige ist?

HörbuchFassung:

Matthias Koeberlin, geboren 1974 in Mainz. Als Schauspieler ausgezeichnet mit dem deutschen Fernsehpreis 2007 und als Hörbuchsprecher 2008 mit dem deutschen Hörbuchpreis, ist für mich die Idealbesetzung für diesen Stoff. Dies ist mein erstes Hörbuch von ihm, aber sicher nicht mein letztes. Bravurös hält er mich hier in den Längen bei der Stange. Gestaltet die Dialoge lebendig, bleibt sensibel bei Theo, der als Junge nach dem Verlust der Mutter trauert. Er unterstreicht die Borniertheit der New Yorker Society Ladies auf das Herrlichste.

Charmant verdreht er dem Ukrainer Boris schonmal das Wort, absolut umwerfend aber – seine Stimmlage, wenn er “meinen” Hobie liest. Wunderbar, wie er mit wärmender Tonalität diese Figur anlegt. So samtig, so wohltönend – da könnt ich schnurren wie ein Kätzchen … Bravo, Herr Koeberlin!

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