Das Wohlbefinden (Ulla Lenze)

Das Quartier der Arbeiterheilstätten Beelitz vor den Toren Berlins wirbt heute mit dem Motto <Ihr neues Zuhause in der Natur>. Erholten sich hier einst Lungenkranke, kann man jetzt in der teilweise sanierten historischen Kulisse wohnen. Es gibt einen Baumkronen- und einen Barfußpfad, einen weitläufigen Park mit Imbissbuden und Spielplätzen. Es werden Führungen angeboten.

Die Autorin Ulla Lenze war mehrfach hier unterwegs, ließ sich inspirieren von diesem Ort, seiner wechselvollen Geschichte und nimmt uns in ihrem aktuellen Roman, auf dem Areal, das die Landesversicherungsanstalt Berlin, von 1898 bis final 1930, mit und durch ein ehrgeiziges Projekt erschlossen hat, in Empfang.

Am 17.08.2024 ist diese Geschichte, noch dazu ganz wunderschön gestaltet, beim Klett Cotta Verlag erschienen, lieben Dank für das Besprechungsexempar. Ein Wende-Schutzumschlag, der sich auffalten lässt, umhüllt das Buch und sein Innenleben zeigt herrliche Aufnahmen der Heilstätten und kleine sachkundige Artikelschnippsel. Hüpft gerne auf mein Profil bei Facebook oder Instagram für einen kleinen Film dazu.

Unterirdische Tunnel, sechzig Gebäude verteilt auf rund zweihundert Hektar. Eine Chirurgie, eine Psychiatrie, ein abgeschottetes Sanatorium für an Tuberkulose Erkrankte, zogen auf dem Gelände ein und wurden wie eine autarke Kleinstadt betrieben. Das Wohlbefinden der Patienten im Blick, fuhren hier wenn, von Beginn an Elektrofahrzeuge. Das Adolf Hitler mit einer Beinverletzung, die er im Ersten Weltkrieg davon getragen hat hier versorgt worden ist, betont man lieber nicht. Euthanasie-Gerüchte und die um andere grausame Menschenversuche aus der Zeit ab 1945, als die Sowjets die Anlage übernahmen, und zunächst als Militärhospital betrieben, halten sich dagegen bis heute hartnäckig, bleiben aber ohne Beweis.

Bis 1994 blieben die Beelitzer Heilanstalten das größte sowjetrussische Krankenhaus im Ausland. Erich Honecker ließ sich hier 1990 behandeln als er an Krebs erkrankte. Als die Sowjets gehen, hier Tische, Stühle, stehen und liegen lassen wird das Areal zu Brandenburgs bekanntestem Lost Place. Heute hat man sich dem Verfall angenommen, man kann in historischer Kulisse übernachten, Gruselfaktor inklusive.

Das Wohlbefinden von Ulla Lenze

Berlin 2020.

In zwei Wochen muss Vanessa aus ihrer Wohnung raus. Kündigung wegen Eigenbedarf. Eine neue Bleibe zu finden ist denkbar schwierig. Beständig findet sich Vanessa in Bewerberschlangen wieder, hat ihre Suche jetzt auch auf Berlins Außenbezirke ausgedehnt. Ist heute in Beelitz. Der Makler schwärmt gerade von der  historischen Bedeutung dieses Quartiers, den ehemaligen Heilstätten und von den umfangreichen Sanierungsmassnahmen. Welcher Teufel sie geritten hat, weiß sie jetzt auch nicht mehr so genau, aber sie hatte ihre Ur-Oma ins Spiel gebracht, als könne sie ihre Eintrittskarte in diese schöne neue Wohnungswelt sein. Johanna Schellmann, war eine nicht ganz unumstrittene Autorin ihrer Zeit gewesen und hatte auch in den Heilstätten recherchiert, dort eine lebensveränderte Begegnung erlebt. War auf Anna Brenner getroffen.

Anna, die tot gewesen war und zurückgekommen ist. Heilige, Wahnsinnige, Wiedergängerin. Anna, kann die Toten beschwören, damit sie sagen, was sie uns noch sagen wollen. “Mann” glaubt ihr nicht. Will sie in eine Nervenheilanstalt verlegen. Weil das, weil sie, unheimlich ist. Andere aber zieht sie an, wie das Licht die Motten. Einen Münchner Arzt von zweifelhaftem Ruf beispielsweise.

Ulla Lenze, geboren am 18. September 1973 in Mönchengladbach, studierte Schulmusik und Philosophie in Köln, lebte für längere Zeit in Indien, wohin sie auch 2014 eine Delegation des Bundespräsidenten Steinmeier begleitete. Sie war Stadtschreiberin in Damaskus und Bonn und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht.

Zuletzt 2020 Der Empfänger, ein Spionageroman nach ebenfalls historischem Vorbild, den ich bereits und gern gelesen habe. Ihr kennt das, ein Klick auf das Cover führt Euch in meinen Beitrag dazu:

Ich mag die ernste Klarheit mit der Ulla Lenze schreibt. Die Leichtigkeit mit der ihre Texte trotz ihres Anspruchs zu schweben scheinen. Wo andere nur sperrig können, ist ihr Schreiben zugänglich und mit Genuß lesbar.

Gleich dreifach hat mich diese neue Geschichte von ihr getriggert. Ein Hauch von Manns Zauberberg wehte mich an, Simone Scharberts atemberaubender Text Rosa in grau flammte wieder in mir auf und Cal Flyn mit ihren Verlassenen Orten hätte an den Beelitzer Heilstätten vor ihrer Neuerschließung ihre Freude gehabt. Bäume wachsen aus Gebäuden, die Natur ist zurück, dort wo der Mensch verschwunden ist.

Trotzdem sich Lenze auch diesmal wieder Vergangenem widmet, ist ihr aktueller Roman gegenwärtig. Als gute Beobachterin öffnet sie unsere Augen für Vergessenes. Verwebt das Gestern mit dem Heute. Entpackt behutsam ein historisches Erbe. Dafür setzt sie drei Erzählstränge ein und als Bindeglied eine schreibende Urgroßmutter.

Zur Blütezeit der Heilstätten sind wir an diesem geschichtsträchtigen Ort unterwegs. Lenze erweckt ihn für uns zum Leben, durch ihre Seiten höre ich Taft rascheln, spüre Seide, leise Stimmen und erholsame Stille. Zwischen gutbetuchten Besuchern und unterernährten Industriearbeitenden, die für die Rückführung ins Arbeitsleben mit fünf Mahlzeiten am Tag aufgepäppelt werden, begegnen wir Ärzten die unermüdlich gegen die Tuberkulose kämpfen, an der gestorben wird wie die Fliegen.

Bei Ulla Lenze forscht der Ehemann der Heldin bereits 1908 mit Schimmelbakterien, ich erfahre und bestaune die Tatsache, dass man im Ersten Weltkrieg bei Verletzten entzündete Wunden wirksam mit verschimmelten Brotscheiben behandelt habe. 

Wir begleiten Vanessas Urgroßmutter auf einem Rundgang, auf auch im Winter eisfreien Gehwegen, einem unterirdischen wärmendem Tunnelsystem sei Dank. Erleben erholsame Spaziergänge, Liegekuren, die Seele gehalten in schwebender Richtungslosigkeit, auf dass sie ins Gleichgewicht gelange, behalten das Wohlbefinden der Pfleglinge stets im Blick. In der Ruhe sich selbst heilen, ganz Körper sein. Das soll man hier. Einer Sechzig-Stunden-Woche, die noch vor kurzem eine Achtzig-Stunden-Woche war entkommen, die Welt abschütteln. Ein Klima erleben, aus körperlicher Ertüchtigung und Disziplin, die auch darauf achtete, welche Gesprächsthemen erlaubt und zielführend waren. 

Beethoven und Ektoplasma. Thomas Mann und ein Geisterbaron, schwebende Gegenstände, Séancen und Parapsychologie. Was unglaublich klingt ist historisch belegt, Ulla Lenze verzweigt in einen weiteren Erzählstrang, verfolgt einen gänzlich anderen Ansatz, der sich mit Spiritualität, mit Heilung und Therapie durch Hypnose beschäftigt. Ihr Albert Freiherr von Schrenck-Notzing ist keine ersonnene Romanfigur, sondern genauso existent gewesen wie die Beelitzer Heilstätten und Thomas Manns literarische Ausflüge und Beschreibungen von okkulten Erlebnissen. Mann begleitete einst den Münchner Arzt Schrenck-Notzing, der als Pionier auf dem Gebiet der Psychotherapie gilt und der, wie sich herausstellen sollte bei den Fotobeweisen seiner Hypnoseshows am Ende doch nachgeholfen hat.

Lenze lässt ihre Figur Vanessa 2020, zwischen den Corona- Lockdowns, als Rechercheurin auftreten und ich folge ihr gebannt, google meinerseits parallel. Spannend und äußerst unterhaltsam vereinnahmt mich dieses Erzählen mehr und mehr. Wer hätte sich so etwas auch ausdenken können? Das Leben schreibt einfach die besten Geschichten, aber entdecken, sammeln und inszenieren, Fakten mit Fiktion verbinden, darin liegt die Kunst und wie Ulla Lenze das vermag, das muss man erst einmal schaffen!

Diesen Roman fand ich schlicht wunderbar! In seiner Präzision und Gestrigkeit, die ich von allem am liebsten mochte, unterhält er lehrreich und mit einer Eloquenz die ihresgleichen sucht. Einzutauchen in die Zeit um 1900, habe Gedankenausflüge unternommen zu Robert Koch, der 1882 den Tuberkelbazillus entdeckte, zu Sir Alexander Fleming, der herausfand, dass Schimmelpilze der Gattung Penicillium Bakterien wirksam abtöten konnten.

Willkommen in dieser besonderen Romanwelt, die sicher auch im Gedenken an das von der damaligen Presse so beschriebene “Blumenmedium” Anna Rothe, die 1902 in der spiritistischen Szene des Berlins der Kaiserzeit ein Star gewesen ist und an die Schriftstellerin Gabriele Reuter, die als weiblicher Fontane gehandelt wurde, die 1931 mit ihrem Erstlingsroman “Aus guter Familie”, über eine typische höhere Tochter, dem S. Fischer Verlag den ersten Bestseller bescherte, gelesen werden darf. 

Was für eine Figurenzeichnung Ulla Lenze da gelungen ist! Jeder Federstrich sitzt. In ihrer Geschichte, die informativ ein Kapitel der deutschen Medizingeschichte aufschlägt, die einem Sittengemälde gleich, die damalige Gesellschaft einfängt, ihre Empfänglichkeit für Okultes, die die Schere beschreibt, die zwischen denen, die Arbeit vergaben und denen die von ihr leben mussten aufging. Die uns erzählt, wie es war in dieser Zeit als Frau zu schreiben. Wie schwer es war, seine Stimme und Gehör zu finden, angesichts einer solchen Töchtererziehung.

Für alle, die gerne lesen was in der Vergangenheit wurzelt, ist dieser Roman eine Empfehlung und wer Ulla Lenze noch nicht kennt, sollte das zwingend ändern. Ich jedenfalls freue mich jetzt schon auf ihren nächsten Streich. Auf die Leichtigkeit, mit der sie dann wieder ernst wird!

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