Ein Krimi tarnt sich. Zunächst. So wird Simone Meier, Autorin von Die Entflammten, auf dem Buchrücken dieser Neuerscheinung zitiert. Tarnt sich, als melancholischer Familienroman einer lebensmüden Buchhändlerin, um sich dann nach und nach zu einem fiebrigen Rausch zu entfalten, meint sie.
Mit Büchern handeln, da find‘ ich mich wieder, das habe ich selbst schon gemacht und melancholisch, da steh‘ ich drauf, dachte ich mir und entschied mich zu prüfen, ob sich eine Geschichte tarnen kann, wie das geht und als ich einsteige läuft der Countdown von Amanda bereits.
Noch fünf Tage von Andrea Fischer Schulthess
Amanda hat sich entschieden. Entschieden, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Genauer, in fünf Tagen. Bis dahin will sie sich erinnern. An Gutes, an Vergangenes, sich einigeln. Ihre Mutter und Großmutter hatten es auch getan, sich umgebracht und sie allein gelassen. Sie, die ewige Aussenseiterin, als die sie sich schon fühlt, so lange sie fühlen kann und die schon als Kind, geplagt von üblen Wach-Träumen, ihre Beerdigung geplant hat. Immer schon lebte sie mehr im Gestern denn in der Gegenwart. Bis jetzt. Bis heute.
Da klingelt nämlich ihr Telefon und eine ihr unbekannte Frau Elvira Herrmann, nicht das der Name eine Rolle spielt, offenbart ihr aufgebracht, dass ihre Tochter schwanger sei und zwar von ihrem Sohn dem Benjamin. Das es da Redebedarf gebe und er die Verantwortung übernehme müsse. Nicht für das Ungeborene, das gehöre „weggemacht“, sondern bewusst müsse ihm gefälligst sein, was er da angerichtet habe.
Kurz nach dem Telefonat sitzt die Fremde auch schon auf Amandas Sofa und ich setze mich ihr abwartend gegenüber. Gemeinsam mit Amanda.
Es dauert wiederum nicht lange, da kriecht die schwangere Freundin des Sohnes bei Ihnen unter. Stress zu Hause, ihre Eltern machen ihr zu viel Druck, der Pfarrer geht täglich ein und aus, einer Abtreibung wegen und dann stürzt Amandas Großvater Alois und seine Hüfte ist im Eimer. Amanda nimmt ihn bei sich auf. Zumindest bis zur OP, dann mal sehen. Mal sehen, ob sie ihre Frist wird verschieben müssen. Ob sie wird am Leben bleiben müssen. Erst einmal.
Mit Wodka, Bier und Pillen. So geht es einigermaßen. Der Opa, nicht gut dran, schenkt ihr mit ernstem Gesicht einen Schlüssel. Es sei Zeit, meint er. Zeitlebens hat er ihn an einer Kette getragen. Also geht es ab in den Keller. Denn Amandas Sohn ist sich sicher. Nur hier kann der Schlüssel passen und seinem Vater, offiziell ist der auf Dienstreise, stellt derweil seine Geliebte, die er seit drei Jahren im Geheimen unterhält, ein Ultimatum.
Da braut sie einiges für uns zusammen die
Andrea Fischer Schulthess, geboren am 4. Oktober 1969 in Zürich, wo sie auch mit ihrer Familie lebt. Studiert hat sie zunächst Zoologie, absolvierte danach die Ringier Journalistenschule. Ihren Debütroman veröffentlichte sie 2016 im Salis Verlag. Seit 2019 hat sie die künstlerische Leitung des Millers Theaters Zürich übernommen, wo sie auch selbst regelmäßig auftritt. Bei Pendragon, lieben Dank für dieses Besprechungsexemplar, ist am 03.09.25 dieser ihr zweiter Roman erschienen.
Kennt Ihr das? Man fängt eine Geschichte an und es klemmt irgendwie, dabei möchte man sie doch mögen. Diese Hauptfigur. Man kommt ihr nicht nah, obwohl man den Eindruck hat, dass die Autorin förmlich danach zu flehen scheint. So beladen hat sie sie. Dann ist da die Grundstimmung, die das eigene innere Stimmungsbarometer noch mehr fallen lässt und trotzdem bleibt man dran. Warum, kann man nicht wirklich benennen.
So ist es mir in diesem Fall ergangen. Die Farben des Covers, dunkel und gedeckt, ohne jegliches Leuchten, sprechen ungesagt aus, wie es um diese Heldin steht. Es zeigt einen Ausschnitt des Gemäldes Le Sommeil, Der Schlaf, von Felix Edouard Valloton, aus dem Jahr 1908, by the way, das Original ist in einem Genfer Museum zu bewundern.
Ich mag dieses Motiv, aber die Geschichte, die sich für mich wie ein schwarzes Loch anfühlt, da bin ich nicht sicher, ob das auch für sie gilt. Auf Seite 57 von 266, denke ich über einen Abbruch nach. Tue es nicht. Das war echt seltsam mit mir und dieser Amanda. Beinahe würde ich es eine Hass-Liebe nennen. Diese Protagonistin. Sie tat mir halt nicht leid. Was sie wahrscheinlich aber sollte. Warum sonst betont man als Erzählerin so ausgeprägt wie schwer sie es hat? Immer schon hatte und wiederholt das hartnäckig? Ist es Absicht, das sie mir fremd bleibt?
Denn genauso scheint sich diese Amanda zu fühlen. Da gibt es keine Bindung, die ihr noch etwas bedeutet. Nicht die zu ihrem Mann, die zu ihrem Sohn, dem Großvater, obwohl da war mal was und die Sache mit ihrer Mutter, deren Freitod, der Selbstmord ihrer Oma, scheinen mir der Schlüssel.
Alle Fäden, die sie mit anderen verbunden haben und auch jetzt verbinden könnten wurden durch diese Suizide gelöst. Wie bei einer Marionette, der man den Führungsdraht durchgeschnitten hat.
Wollte ich wissen, ob jemand oder etwas in der Lage ist, diese Fäden wieder zusammenzuknüpfen? Habe ich deshalb weitergelesen? Was dabei entdeckt?
Erst einmal mehr Fragen als Antworten, jede Menge davon und mehr Psycho als Krimi. Viel Kreisen um den eigenen Bauchnabel, also nicht um meinen, sondern um den der Heldin. Da ist viel Drama, Baby und die Haltung von Amandas Ehemann zum angedachten Schwangerschaftsabbruch bei der Freundin seines Sohnes. Ohne Worte!
Der Text arbeitet auf Amandas selbst gesetzte Deadline hin. Mit Tabletten, welcher Art auch immer, die sie über einen Dealer bezieht und Alkohol dämpft sie ihre Angst. Doch wovor hat sie Angst? Für mich blieb das unkonkret, was vielleicht ja normal ist und genau das Problem. Weil sich, wenn man nicht benennen kann was da in einem vorgeht, auch keine Lösung andenken lässt. Allerdings hatte ich erwartet, dass man diese Heldin professionell unterstützt, schließlich will sie ja schon sterben seit sie acht Jahre alt ist, wie wir zu Beginn schon erfahren.
Was findet sich stattdessen? Chats aus einem Suizidforum im Netz werden eingestreut. Kann sich hier für Amanda noch etwas klären, oder klärt man hier lediglich rein technische Fragen? Empfindet sie so etwas wie die Sorge um die, die sie hinterlassen wird? Kann sie das überhaupt spüren? Online, in dieen Chats, lernt sie jemanden kennen, der ihr zum Flucht- und Bezugspunkt wird.
Das kein Leben linear verläuft, dass psychische Erkrankungen tückisch sind, weil wir die Qual Betroffener oft nicht sehen oder zu spät, das wir immer noch dazu neigen zu empfehlen, „nimm dich zusammen“, wenn wir ehrlich sind, ist dem so. Wie hoch ist die Dunkelziffer derer, die lange vor uns verborgen einem hohen inneren Druck standhalten, dass wir, wenn er sich entlädt, komplett fassungslos sind? Es nicht früher bemerkt zu haben. All das versucht dieser Roman zu fassen, manchmal erhaschern wir einen Zipfel davon, dann entschlüpft es uns wieder.
Weit über die Hälfte des Textes hinaus habe ich gebraucht um hineinzufinden. Dann aber zieht er urplötzlich tatsächlich mächtig an der Leine. Man braucht also etwas Atem und Geduld bis es los geht.
Arg wird es dann und richtig, richtig böse und dieses dicke Ende sorgt dafür, dass die Autorin mehr als gut die Kurve kriegt. Wer sich also die Zeit nimmt, sich mit ihr in Ruhe vorzutasten, der erlebt sein blaues Wunder. Versprochen.
Potzbitz, Donnerwetter und Respekt, liebe Andrea Fischer Schulthess. Dieser Roman ist fürwahr eine Wundertüte. So wie er meine Geduld während seiner ersten hundert Seiten auf die Probe stellt, verblüfft er mich in seiner zweiten Hälfte.
Tusch und Trommelwirbel für diesen Twist, dieses furiose Finale. Das alles auf den Kopf stellt und ich weiß jetzt, wie sich ein Krimi tarnen lässt. Diese Autorin macht uns zu fassungslos staunenden Zeugen einer Tat, die alles andere als vorhersehbar ist. Setzt uns in eine Gefühlsachterbahn und löst die Bremse. In rasender Fahrt geht es ab da talwärts. Kein Wort mehr jetzt von mir, nur soviel, schnallt Euch besser an!

Schreibe den ersten Kommentar