Wusstet ihr, dass die Aphaenogaster Treatae, eine Ameisenart, nach ihrer Entdeckerin, der Botanikerin Mary Treat benannt wurde? Treat, die 1830 als Tochter des Methodistenpredigers Isaac Davis geboren wurde und mit dem Arzt Dr. Joseph Burrell Treat verheiratet war, mit dem sie nach Vineland/New Jersey zog, korrespondierte seinerzeit mit Charles Darwin und beobachtete in dessen Auftrag heimische Pflanzenarten. Die fleischfressenden Pflanzen unter ihnen hatten beider Interesse in besonderem Maße geweckt.
Eben diese Mary Treat stand Pate für eine Romanfigur der Bestsellerautorin Barbara Kingsolver, die bereits 2018, also einige Jahre vor ihrer umjubelten Romanadaption des David Copperfield, diese Geschichte geschrieben hat. Mit Die Unbehausten übersetzte Dirk van Gusteren ihren Originalromantitel Unsheltered ins Deutsche, mit einer wie ich finde kreativen Wortschöpfung und bringt mit seiner Übersetzungsarbeit auf den Punkt, wenn die Autorin ihren Protagonisten das Dach über dem Kopf wegreisst.
Die Unbehausten von Barbara Kingsolver
Das einfachste sei ein Abriss. Das Haus eine Ruine. So die Diagnose. Eine Katastrophe. Der Anbau, in dem sich alle notwendigen Räumlichkeiten wie Küche und Bad befanden hatte kein Fundament? Der herbeigerufene Bauunternehmer nahm kein Blatt vor den Mund. Nach dem Tod ihrer Mutter ein weiterer Schlag in die Magengrube und der sollte nicht der letzte bleiben. Als wolle das Schicksal sie zu einer Kraftprobe herausfordern, folgt am gleichen Tag und auf den sachlich abgeklärten Unternehmer ein folgenschwerer Anruf.
Die Lebenspartnerin von Willas Sohn war tot. Selbstmord. Es gab offenbar ein Problem mit ihren Antidepressiva und Barbara Kingsolver packt das Thema Medikamenten Missbrauch auch in diesem Roman geschickt in die Handlung. Bei ihrem Demon Copperhead war es die Oxycontin-Krise im ländlichen Amerika. Das und die Frage wie schnell es gehen kann ohne ein soziales Netz abzustürzen. Diesmal droht ihrer Hauptfigur nebst Familie die Obdachlosigkeit und das hier:
Überschuldung, denn Bildung kostet, das trifft im Roman einen jungen Witwer und Havard-Absolventen, der sobald er im Beruf angekommen ist einen hohen Studienkredit zu bedienen hat.
Die Rede ist von Willas Sohn, Zeke, der nach dem Tod seiner Frau mit Kleinkind alleine da steht. In Boston keine bezahlbare Wohnung mehr findet, weil sie bislang vom Einkommen seiner Frau gelebt hatten. Die Eltern wollen helfen, aber sein Vater hat gerade seine Professur verloren, nur widerstrebend kommt Zeke trotzdem nach Hause. Nach Jersey. In ein Haus das als Ruine buchstäblich auf der Kippe steht.
Barbara Ellen Kingsolver, geboren am 08. April 1955 in Annapolis/Maryland, amerikanische Bestsellerautorin, u.a. ausgezeichnet mit dem Womens Prize for Fiction und 2023 mit dem Pulitzer Prize für ihren Demon Copperhead, studierte Klavier und Biologie und letzteres spürt man in dieser Geschichte ganz besonders. Ihre liebevollen Beschreibungen von Flora und Fauna, ihre genaue Beobachtungsgabe und die Leidenschaft, die sie ihrer Forscherin Mary zuschreibt, macht diese zu eine meiner Lieblingsfiguren der letzten Zeit.
Ein Haus und seine Bewohner, zu unterschiedlichen Zeiten.
Einmal 2016 mit Willa Knox, freie Journalistin und ihrem „umwerfend“ attraktiven Mann, dem Politikwissenschaftler Ianos, Grieche, Tochter Antigone „Tig“ und Sohn Zeke mit Enkel Aldus „Dusty“, sowie Nick, dem pflegebedürftigen Schwiegervater Willas. 150 Jahre zuvor lebten hier Thatcher Greenwood, Lehrer mit Ehefrau Rose, nebst deren blitzgescheiter, rebellischer Schwester Polly und seiner strengen Schwiegermutter Aurelia.
Bereits vor über hundert Jahren waren diese vier Wände offenbar bereits marode bis auf die Grundmauern. Darauf stößt Willa bei ihrer verzweifelten Suche nach einer Lösung das Haus, ihr Haus, zu halten. Darauf und auf die damalige Nachbarin ihrer Vorbewohner, der Greenwoods, die Naturforscherin Mary Treat nebst umtriebigem Ehemann. Dem man nachsagt er sei mit einer Suffragette durchgebrannt.
Mary, eigenbrötlerisch und unangepasst, mit ihrer Leidenschaft für Taranteln und fleischfressende Pflanzen, ihre Spezialität die Venusfliegenfalle, war mit keinem geringeren als Charles Darwin im engen Austausch gewesen, dessen Theorien, wir wissen das, zu seiner Zeit verteufelt wurden.
Bei Barbara Kingsolver bröckeln nicht nur Putz und Fassaden, sondern auch die Gewissheiten. Dieses Amerika, wir befinden uns im gegenwärtigen Erzählstrang ein Jahr vor der ersten Amtszeit von Donald Trump, ist kaputt. Kaputt nach zwei schweren Stürmen der Hurrikanklasse und auch sonst. Ist die Welt eher anderswo in Ordnung. Sinnbildlich für den Zerfall stehen dieses Haus und Willas Schwiegervater, der für den republikanischen Präsidentschaftkandidaten schwärmt, den sie das „Megafon“ nennen. Nur zu gern wiederholt er dessen Parolen. Auch laut und öffentlich zum Leidwesen von Willa.
Im zweiten Erzählstrang holt die Autorin thematisch anders aus. Fanatismus der religiösen Art erschüttert hier Überzeugungen. Die Wissenschaft konkurriert mit dem Glauben in einer Welt der Umbrüche. Bildungsfernheit sorgt für Furcht vor wissenschaftlicher Erkenntnis. Charles Darwin wird als ketzerisch eingeordenet, diejenigen die seiner Lehre zusprechen verdammt. Thatcher Greenwood als Lehrkraft soll gar eliminiert werden, wenn es nach den Schulverantwortlichen geht. Man führt ihn in einem Disput vor.
Pflanzenpressen, Sümpfe, Wälder, bäuchlings im Gras liegen und Spinnen einsammeln oder Ameisen beobachten, wie sie Nester plündern.
Der historische Ast des Jahres 1870 in dieser Geschichte hat mir sehr gefallen. So gerne war ich mit Mary Treat draußen unterwegs. Habe voller Neugier die Welt mit ihren Augen betrachtet. So unbefangen, so fokussiert. So neugierig ist sie und wie sie brennt für das was sie tut. Egal was „Mann“ über sie denkt.
Die Verbindung, die Kingsolver mit Willa aus der Gegenwart in die Vergangenheit herstellt, die mochte ich auch. Ihr Mehrgenerationenhaushalt und die unterschiedlichen Meinungen die hier aufeinanderprallen. Ein irgendwie unfreiwillig wirkender Humor, der aus Alltagsbegebenheiten heraus aufblitzt, durchlüftet den Roman wohltuend, weil ernst genug ist, was sich da politisch zusammenbraut.
Lebensechte Figuren, die unterschiedlichsten Charaktere, finden sich in beiden Zeitsträngen, augenzwinkernd und gesellschaftskritisch, schon fast ein wenig hellseherisch, liest oder hört sich dieser Roman von Kingsolver famos gut. In Amerika ist er der Vorgänger ihres Demon Copperhead bei uns sein Nachfolger. Ich mochte beide.
Man kocht gemeinsam, streitet, pflegt und liebt einander in Die Unbehausten, derweil „das Megafon“, ein Prophet der Maßlosigkeit, wie ihn Barbara Kingsolver nennt, die Präsidentschaftsvorwahlen gewinnt. Während einige Lesende Längen im Mittelteil beklagen und für eine Kürzung votieren, bin ich Kingsolver gerne dabei gefolgt, wie sie sich Zeit nimmt um ihre Figuren auszugestalten. Ihre Lebensumstände, ihre Haltung darzustellen. Zugegeben, das treibt den Plott nicht immer, lässt uns aber um die Ecke schauen. So erfahren wir u.a. was Willas Tochte nach Kuba getrieben und dort hat bleiben lassen. Warum sie am Ende wieder nach Hause gefunden hat. Dazwischen gibt es immer wieder Rückblenden und der Kampf von Thatcher Greenwood und Mary Treat, zwei Helden mit Botanisiertrommel, wird fortgesetzt. Beide stehen auf gegen Ignoranz, Ablehnung und für die Wissenschaft, das in einem Jahrhundert in dem die Engstirnigkeit derer, die die Macht in Händen halten schon fast weh tut. Für mich war das ein sattes Mittendrin statt nur dabei. 624 Seiten oder 16 Stunden und 21 Hörminuten lang.
Wer sich für die ungekürzte Hörbuchfassung entscheidet, so wie ich, der trifft auf Vera Telz. Lebendig und empathisch bleibt sie eng bei den Figuren und gestaltet ihre Lesung kurzweilig, weswegen ich sie gerne empfehle. Wer noch Hörstoff sucht für eine längere Fahrt in die Ferien, hier ist er. Eine gute Zeit Euch.

Schreibe den ersten Kommentar