„Sie erinnerte mich an irgendetwas, oder etwas gehörte für mich mit ihr zusammen. Etwas Altes, ein Gefühl von Unbehagen, das älter war als mein Körper, mein Blut, meine Erinnerungen.“ Textzitat
Haralds Mama von Johanna Frid aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
In einem Wartesaal eines sehr kleinen Flugplatzes irgendwo im Nirgendwo Nord-Schwedens sitzen zwei. Und warten. Auf ihn. Auf Harald, den Sohn und Lebensgefährten. Nach sechs Wochen Reha. Es zieht sich. Eine Verspätung ist avisiert, weil es zu viel Eis hat. Auf der Startbahn. Wegen eines Schneesturms. Da warten zwei, die überhaupt nicht miteinander können, die Mutter um die Siebzig und Haralds Freundin mit ihren Dreißig nicht mal halb so alt und diese beiden sind sich jetzt ausgeliefert. Sich und den spitzen Pfeilen, die sie gegenseitig aufeinander abfeuern. Wobei Haralds Mama offenbar deutlich mehr Munition im Köcher hat, mehr austeilt. Auch unter die Gürtellinie und wir fragen uns sehr bald schon, auf wessen Seite stehen wir?
Man wartet auf Harald, klassisch ausgebildeter Sänger, italophiler, langatmiger Vielredner, wuschelig und blond, mit einem Gemüt wie ein Golden Retriever. Weinkenner und Genussmensch, unterwegs die Welt zu retten, bevor er vielleicht, eventuell, gegebenenfalls, einen Platz auf einer Richterbank einnimmt, der meint ausgerechnet in der Autorin einer Dissertation über Gewalt seine zukünftige Lebensabschnittsgefährtin gefunden zu haben. Um genau zu sein war es ihr Vortrag, an dessen Grundlage sie drei Jahre lang gefeilt hatte, den Harald, der bei ihrer ersten Begegnung noch Jura studiert hatte, attackierte. Dabei wirkte er so, als könne er sich in die Reihen der Zuhörer nur verirrt haben, oder sei aus reiner Verwirrtheit auf dieser Konferenz für Kultur und Politik der frühen Moderne gelandet. Das meint jedenfalls die namenlos bleibende Ich-Erzählerin dieser Geschichte, die zum Zeitpunkt ihrer Rede gerade eine Reihe neurologischer Ausfälle überstanden hat, für die ihre Ärzte ihr keine organisch begründete Erklärung liefern konnten. Sie war irgendwie noch immer nicht sie selbst gewesen und auf diesen Harald denkbar unvorbereitet.
Gegensätze ziehen sich an und in diesem Fall muss das am Ende wohl auch so gewesen sein. Denn Harald startet nach seiner Argumentationsattacke bei ihrem ersten Aufeinandertreffen eine reuevolle und entwaffnend ehrliche Entschuldigung, woraufhin Wut und Verachtung seines Gegenübers erst einmal verpufft waren und es in der Folge zu einer wie auch immer gearteten Beziehung zwischen den beiden kommt. Man beschließt in Malmö zusammenzuziehen. Für ein Jahr.
Etwa ein Jahr nach dem Kennenlernen landet der bipolare Harald nach Medikamentenmissbrauch in einer Klinik, wir erfahren nach und nach aus und von dieser Zeit und jetzt sitzen sie also hier, seine Mama und seine Freundin, beide in der Annahme, er gehe mit ihnen nach Hause.
Mir schwant da was.
Johanna Frid, geboren 1988 in Stockholm, veröffentlichte 2018 ihr Romandebüt mit dem Titel Nora – Brenn Oslo Brenn, der mit dem wichtigen Dagens Nyheters Kulturpris ausgezeichnet wurde. Zuvor war 2017 ihr erster Lyrikband erschienen, mit dem sie für den Sveriges Radio Lyrikpreis nominiert worden Frid, der die Jury des Dagens Nyheter Preises Eigensinn, Intelligenz und Witz attestierte, versteht es auch mit ihrem zweiten Roman Haralds Mama Leser:innen und Kriterer:innen gleichermaßen zu begeistern, weshalb man sie als eine der spannendsten neuen Stimmen in der zeitgenössischen schwedischen Literatur handelt, so kann man es auf der Verlagsseite des Eichborn Verlages nachlesen.
Als frisch, frech und unverbraucht habe ich ihren Sound empfunden, mich gefreut, wenn ich nach einer Unterbrechung wieder ins Geschehen eintauchen konnte und das Cover bestaune ich noch immer. Was sagt man dazu? Es passt und es passt auch wieder nicht zu dieser Geschichte, mich hat es jedenfalls wie magisch angezogen. Zum Glück keine Coverfalle, in die ich da getappt bin. Ganz im Gegenteil. Vom Unterhaltungswert her und auch was die Originalität angeht bin ich schwerst angetan.
Ein bissiger Text, auf den Punkt poentiert, nicht nur, aber auch wegen der handfesten Metaphern mit denen er garniert ist und für die Susanne Dahmann im Deutschenwunderbar passende Entsprechungen gefunden hat. Hier ist man kerngesund und praktisch wie ein Dosenöffner. Da schwankt man als Lesende zwischen laut auflachen und sich an den Hals fassen, weil es genau da stecken geblieben ist. Das Lachen. Da beharken sich zwei voller Eifersucht, obwohl sie im Grunde beide das Wohl eines Mannes im Blick haben. Für wen wird sich der Partner, der Sohn entscheiden? Für die alles überstrahlende, gluckende Mutterfigur oder für die Partnerin, die er gewählt hat? Die mehr eigene Leerstellen als Halt zu haben scheint.
Sie hasst Malmö und doch bleibt sie. In ihr Leben passt sie nicht, etwas verändern? Funktioniert nicht.
Diese Zwänge, dieses Drama, Eifersucht und Ablehnung, bis zuletzt teilt unsere Ich-Erzählerin ganz offen ihre Gedanken und Gefühle mit uns. Ich höre sie und kann mal verstehen, mal nicht. Woher kommt diese unbändige Wut? Das Hadern mit sich und die Sehnsucht danach gerettet zu werden? Sie fühlt sich als Pflegerin von Harald und kann sich doch nicht lösen. Was ist das Toxische an dieser Beziehung? Ist es wirklich Haralds Mama? Die Allgegenwärtige, mit der sie permanent konkurrieren muss und die sich dennoch in unangenehmen Situationen entzieht?
Mein Harald, Dein Harald, unser Harald. Dieses Tauziehen. Wer eine solche Schwiegermutter hat braucht keine Feinde. Diese Erwartungen. War das der Einstieg in seinen Abstieg gewesen? Der Beginn seiner Sucht?
Als hätte man mich mit einem Bann belegt, bin ich durch diesen Roman geeilt, keinen Satz wollte ich verpassen. Habe jede Gemeinheit gefeiert, jeder Ballwechsel ist großes Kino. Die feine Ironie und Lakonie, die die Charaktere tragen, kleiden sie so gut.
Darf man das eingedenk dessen was hier geschieht sagen? Diese Geschichte hat mir ein geradezu diebisches Vergnügen bereitet, von Beginn an bin ich förmlich durch sie hindurch geflogen. Trotz aller Tragik, aller verbalen Verletzungen. Oder vielleicht auch genau deshalb? Habe durch Rückblenden geschaut, auf das Kennenlernen der Mama, das Beeindruckenwollen, auf Dominanz und Zurückweisung. Auf das Zusammenleben mit diesem Mann, auf Kümmern und Kummer. Dieser Blick zurück reiht sich ein, in und zwischen gegenwärtiges Erleben, unterbricht immer wieder szenisch den Schlagabtausch im Wartesaal am Ende der Welt.
Ans Herz legen möchte ich Euch die sehr empfehlenswerte und ungekürzte Hörbuchfassung. Vorlesend zieht Henrike Tönnes knapp acht Stunden lang alle Register. Sie legt eine Energie in ihren Vortrag, die bemerkenswert ist und lässt den Text hell aufleuchten. Tönnes, Sprecherin, Moderatorin, ausgebildete Theaterpädagogin, die aktuell auch Kristina Hauffs Roman Schattengrünes Tal eingelesen und damit gleich zwei Neuerscheinungen am Start hat, hat mich beeindruckt. In diesem Kammerspiel, in dem die Bälle nicht nur fliegen, sondern hart geworfen werden, wirkt sie wie eine Dirigentin und wie diese Frau die Wut kriegt und streiten kann, alle Wetter!

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