Das wirkliche Leben (Adeline Dieudonné)

Kürzlich habe ich gelesen, das etwa zwei Wochen nach dem Corona-Lockdown in Deutschland, die Anzahl an Polizeieinsätzen aufgrund häuslicher Gewalt sprunghaft angestiegen sei. In meinem beruflichen Alltag war seinerzeit auch eine gesunkene Reizschwelle zu spüren, die die Angst der ersten Tage abgelöst hatte. Die Aggressivität nahm zu, es gab Rangeleien, Beinahe-Prügeleien unter Kunden, getroffene Massnahmen wurden laut in Frage und an den Pranger gestellt. Zum Glück waren meine Kollegen/innen und auch ich “nur” verbal betroffen. Ich mochte mir gar nicht vorstellen müssen, wie es in den Familien, in die diese Väter und Mütter nach Hause zurück gekehrt sind, zugegangen ist. Ob es da vielleicht Kinder gab, die einen solchen Zorn auch aushalten mussten. Eine Autorin, die sich mit dem Thema häusliche Gewalt auf eine sehr eigenwillige Art, fast schon in der Manier eines Quentin Tarantino auseinandersetzt und die aktuell in aller Munde ist, legt einen Roman vor der polarisiert, also einen der mich gereizt hat …

Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné

Das Zimmer der Kadaver war tabu. Das vierte Schlafzimmer im Haus war angefüllt mit ausgestopften Tieren und Schädeln. Von der Großwildjagd in Afrika und wo auch immer auf der Welt, die der Vater mit finanziellem und körperlichem Aufwand bestritt, waren ein ausgestopfter Löwe und als Prunkstück seiner Sammlung ein Elefantenstoßzahn hier eingezogen. Ihr Vater, selbst ein Koloss, war auf zahlreichen Fotos an den Wänden zu bestaunen, dies stets in Siegerpose und mit einem Fuß auf einem toten Tier. War es seltsam, dass ihr ausgerechnet die präparierte Hyäne in der Ecke eine Gänsehaut machte? Ihre gelben Augen und dieser Ausdruck, manchmal meinte sie, sie könne sie sogar in ihrem Kopf hören …

“Es heißt, das die Stille, die auf Mozart folgt, immer noch Mozart ist. Aber niemand sagt etwas über die Stille die auf einen Schuss folgt …”

Textzitat Adeline Dieudonné Das wirkliche Leben

Dies war eine Hetzjagd und kein Tier war die Beute, sondern sie und sie hatte nur fünf Minuten Vorsprung. Fünf Minuten. Mit der Stoppuhr abgemessen. Mit dieser Zahl im Kopf hastete sie durch die Dunkelheit vorwärts, immer tiefer in den Wald hinein. Die Nacht war pechschwarz, Äste rissen an ihrer Kleidung, sie knickte mit dem Fuß weg, rutschte, stürzte, spürte den Aufschlag im Rücken. Das musste ein Steinbrocken sein, da unter ihr, eine ihrer Rippen gab nach. Sie konnte kaum noch atmen. Mit den Händen hatte sie versuchte den Sturz abzumildern, hatte sie sich blutig aufgerissen, war keuchend liegen geblieben und jetzt lauschte sie. Viel zu laut war sie gewesen, inklusive dem Schmerzensschrei. Ihre Blutstropfen hinterließen eine eigene Fährte und da: An dem Baumstamm dicht bei ihr konnte sie den schemenhaften Umriss eines Mannes sehen, sein Gesicht unter der Kapuze verborgen, machte er einen Schritt aus dem Schatten heraus …

Adeline Dieudonné, geboren 1982 in Brüssel, wo sie auch gemeinsam mit ihrem beiden Kindern lebt, erschrieb sich im französischen Sprachraum mit dieser Coming-Off-Age-Geschichte einen Sensationserfolg. Mit 14! Literaturpreisen wurde sie ausgezeichnet, stand monatelang in Frankreich auf der Bestenliste. Bislang ist ihr Roman in 20 Sprachen übersetzt worden, die ins Deutsche übernahm Sina de Malafosse ganz ausgezeichnet.

Dieudonné habe Horror- und Schockelemente in ihrem Roman verarbeitet, der im Kern vom Aufwachsen erzählt. Wie verträgt sich das, wenn das keine reine Phantasie-Geschichte ist? Kann man das mit Anspruch machen?Für welche Zielgruppe schreibt man da? Hat man überhaupt eine im Blick? Diese Fragen haben mich in den Roman gelockt und Antworten darauf habe ich für mich folgende gefunden:

Sprachlich nutzt die Autorin gerne Metaphern, entlehnt sie aus dem Tierreich, aus dem Bereich der Jagd und des Horrors. Ja, stimmt. Für zartbesaitete ist dieser Roman daher wohl wirklich eher nicht der Geeignete. Das obwohl die Autorin nie überzieht (mein Eindruck). Aber sie überzeichnet ihre Figuren, sie karikiert, diejenigen und dasjenige, das nur mit einer solchen Feder gezeichnet zu ertragen ist. Gewalt in Familien. Unglaublich spannend spitzt sie die Geschichte zu. Für Spannungsleser passt sie deshalb ebenso gut, wie für solche wie mich, die gerne über Gegenwartsliteratur nachdenken. Trotz der jugendlichen Heldin, ist das aber keinesfalls ein Jugendbuch. Dieudonnés namenlos bleibendes ich-erzählendes Mädchen begleiten wir drei Jahre lang. Als ich ihr begegne ist sie zehn.

Sanft und zartfühlend kann Dieudonnè auch, sehr bildhaft und empathisch schreibt sie. Dann z.B. wenn dieses Ungeheuer von einem Vater “mein Schatz” zu seiner Tochter sagt und das offenbar auch einmal ehrlich meint, fühlt sich das für die Kleine so an, als würden Glühwürmchen aus ihren Gedanken hinunter zu ihrem Herzen wandern und dort leuchtend aufgehen. 

Bon jour tristesse! Schon so manche unscheinbare Reihenhaussiedlung hat grausiges verborgen. Hier beginnt direkt dahinter ein Wald, den alle “das Galgenwäldchen” nennen und auch die zu Beginn dieses Beitrages geschilderte Szene der Hetzjagd spielt dort. Man kommt nicht weit rum in der Geschichte. Bleibt hier im Viertel ist aber dafür mittendrin statt nur dabei. Wird verstrickt, ist betroffen, erschrocken, nein geschockt. War ich. Angesichts dessen, was sich hinter einer gut geschützten Fassade abspielt.

Kummer erstickt von Furcht und Hormone in Aufruhr. Eine ängstliche, beinahe durchsichtige Mutter, die von ihrer Tochter als Amöbe wahrgenommen wird und die in ständiger Angst vor ihrem Ehemann lebt. Eine kindliche Heldin, die zum Teenager heranwächst, mit Klugheit, mit einer Neugier und einer Lust auf das Leben gesegnet, dass es mir eine Freude war, sie kennen zu lernen.

Der Traum von einer Zeitreise, von einer Umkehr der Ereignisse, von einer Verschiebung des Raumzeitkontinuums, ich habe ihn gern mit ihr geträumt. Was so rührend wie schmerzlich beginnt, erfährt eine Zuspitzung, die vielleicht vorhersehbar ist, das werfen Kritiker ihr vor, die ich aber so nicht wahrhaben wollte. Beim Erwachen dieser Wehrhaftigkeit dabei zu sein, war für mich Gänsehaut pur.

Mit dieser Geschichte im Ohr kann man eine Nacht durchwachen. Denn beginnt man sie vor dem zu Bett gehen, ist an Schlaf erst einmal nicht mehr zu denken. Grausig geht es hier zu, man möchte sich abwenden und kann doch nicht. Jemand muss dem Ganzen doch Einhalt gebieten?! 

Mit angehaltenem Atem bin ich der kleinen Heldin durch ihre Tage gefolgt, nachdem der Unfall des Eismannes alles verändert hatte. Sie hat Schuld auf sich geladen. Meint sie. Denn sie war es gewesen, die die Sahne bestellt hatte. Bei dem alten Mann in seinem Eiswagen und dann war der Spender explodiert. Ihr Bruder Gilles, der neben ihr stand, hatte sich von diesem Anblick nie mehr erholt, es hatte ihm Stimme und Sprache geraubt und nicht nur das. Sein Milchzahnlächeln verschwand, in der Folge quälte er seinen Chinchilla zu Tode, was nur seine Schwester ahnte, nein wusste und selbst als in ihrem Viertel danach alle Katzen verschwanden schwieg sie …

Dieudonnè hat eine Geschichte geschrieben, in der man sofort drin ist, für die man keinen Anlauf braucht, jetzt ist es an Euch zu entscheiden, ob ihr zur Fraktion Pro oder Contra gehört. Ich für meinen Teil gehöre zur Fraktion Pro, auch dank dieser Vorleserin wollte da dran bleiben, ganz unbedingt:

Camilla Renschke, geboren am 15. März 1980 in Köln, deutsche Schauspielerin, ist mir im Hörbuch bislang noch nicht über den Weg gelaufen, ihr Gesicht allerdings ist mir vertraut, aus so einigen Fernsehproduktionen. In rund 5 Stunden liest sie mir diese ungekürzte Hörbuch-Fassung vor, mit jugendlicher Stimme, anfangs noch sanft und einfühlsam und dann mit einer Wucht, einer Stärke, die der der Heldin in nichts nachsteht. Man glaubt ihr. Jedes Wort, das ihr Adeline Dieudonné in den Mund legt. Jedes einzelne, das die Ich-Erzählerin im Verlauf der Geschichte formt, denkt und ausspricht, uns entgegen schleudert. Gleich ob verletzlich, abgeklärt oder voll von Zorn, denn die Wut wächst, wird sie doch genährt, wie ein Ungeheuer von einem Ungeheuer …

Mein Dank geht an den Verlag DAV für dieses Rezensionsexemplar.

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