Das Verschwinden des Josef Mengele (Olivier Guez)

*Rezensionsexemplar”

Sonntag,  24.02.2019

Wenigstens als Toter erweist er der Wissenschaft einen Dienst – so Professor Daniel Romero Munoz, Direktor der Gerichtsmedizinischen Abteilung der Medizinischen Fakultät der Universität Sao Paolo. Anhand des Schädels des KZ-Arztes Josef Mengele erklärt er heute Studenten, wie man einen Menschen anhand seiner sterblichen Überreste identifiziert. 1985 hatte man Mengeles Leichnam exhumiert und dann nicht mehr begraben, man wollte nach seiner späten Entdeckung verhindern, dass am Ende noch eine Walfahrtsstätte für Neo-Nazis aus seinem Grab entsteht. Bis vor drei Jahren wurden die Gebeine unter Ausschluß der Öffentlichkeit verwahrt, jetzt wacht Professor Munoz über die Knochen und setzt sie aus rein wissenschaftlichem Interesse ein, so sagt er. Moralische Bedenken plagten ihn nicht als er entdeckte, dass sich der Schädel Mengeles hervorragend als Studienobjekt für angehende Gerichtsmediziner eigne und ausschließlich dafür nutzt er ihn seither. (Quelle Spiegel Online, 05.04.2018)

Mir machte das beim Recherchieren eine ganz schöne Gänsehaut, und die hatte ich auch beim Hören dieses Tatsachen-Romans vom ersten Wort an:

Das Verschwinden des Josef Mengele (Olivier Guez)

22. Juni 1949. Nachdem alle Zoll- und Immigrationsformalitäten erledigt waren, betrat ein achtunddreißigjähriger, Südtiroler Mechaniker namens Gregor, der kein Wort Italienisch sprach, in Buenos Aires südamerikanischen Boden. Nach dreiwöchiger Überfahrt, über Genua hatten die Schleuer ihn wohlbehalten bis hierher gebracht, zusammen mit einem Aktenkoffer, den er hütete wie seinen Augapfel. Als Hobby-Biologe hatte er sich ausgegeben, damit sie ihn mit eben diesem Koffer ins Land ließen. Ein Koffer voll mit Forschungsergebnissen, mit menschlichem Probenmaterial, das für ihn, wäre es in die Hände der Alliierten gelangt, die sichere Hinrichtung bedeutet hätte …

Wir wissen es längst, Gregor ist in Wahrheit “Der Todesengel von Ausschwitz”, der Mörder im Arzt-Kittel Dr. Josef Mengele, der von 1943 bis 1945 dort im Lager ein riesiges Labor unterhalten hatte, welches er unaufhörlich mit menschlichem Material fütterte, das er aus den täglich heranrollenden Zügen ausselektierte. Vorwiegend Kinder, Zwillinge und Zwergwüchsige suchte er sich aus, um seine Drogen und Medikamente an ihnen auszuprobieren, sie anschließend zu obduzieren. Oft tötete er sie nur aus genau diesem Grund.  

Olivier Guez, französischer Journalist, erhielt 2017 für seinen Roman den Prix Renoudot. Seinen Erzählton zu beschreiben fällt mir ausgesprochen schwer. Sachlich distanziert ist er, zu keiner Zeit voyeuristisch und auch ungemein zynisch, wenn er über die Machenschaften der Nazis und der Mächtigen, Pèron und Mengele eingeschlossen, ihre Weltsichten und Taten berichtet. Das Blut gefriert einem nicht nur, wegen der historisch belegten Fakten, die hier eingewoben sind, sondern auch wegen dieser für mich unerhörten, unerhört guten Erzählweise. Was sich hier liest wie ein spannender Geschichts-Krimi ist leider bitterer Ernst!

Unfassbar wie eine solch wichtige Figur aus dem Räderwerk der Nazionalsozialisten nach Kriegsende einfach so in Europa unter falschem Nahmen abtauchen konnte. Das obwohl er auf der amerikanischen Kriegsverbrecherliste stand und sein Name auch schon in zahlreichen Prozeßen gefallen war. Nachdem es ihm 1949 gelungen war über eine der “Rattenrouten” nach Südamerika zu fliehen, konnte er jahrelang komplett unbehelligt in Argentinien leben, ja ihm wurde sogar 1956 von der deutschen Botschaft ein Pass mit seinem eigenen Namen ausgestellt, der es ihm ermöglichte zum Skiurlaub in die Schweiz zu reisen! Erst 1959 wurde erstmals ein deutscher Haftbefehl gegen ihn erlassen und der israelische Geheimdienst nahm seine Spur auf, verfehlte ihn dann 1962 nur knapp. Es sollte bis 1983 dauern bis der Mossad ihm erneut eine Falle stellte …

“Dont cry for me Argentina” – ich würde eher sagen “Cry out loud Argentina” – unglaublich wie sich dieses Land unter dem Regime von Juan Pèron und seiner First Lady Evita Maria Duarte Pèron, für Kriegsverbrecher und all jene geöffnet hatte, die niemand sonst mehr in seiner Gesellschaft haben wollte. Unter ihnen Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler mit denen Argentinien in der Zeit des kalten Krieges zur Supermacht entwickelt werden sollte. Pèron sammelte Mörder, Folterer und Abenteurer, knüpfte mit seinen Helfern ein Netzwerk aus korrupten Beamten und die sogenannte “Rattenroute” auf der die Schlepper die Gesuchten aus ihren Ländern schleusten. Eine regelrechte Nazi-Society konnte sich so in Buenos Aires etablieren und man sagte Pèron nach, er habe mittels des “Nazigoldes”, welches aus gestohlener jüdischer Beutekunst bestand und nach Kriegsende gen Argentinien verschifft worden sei, die Stiftung seiner Frau finanziert, die sie am Ende zur Heldin und Ikone gemacht hatte.

Als 1960 der Mossad den ehemaligen SS Offizier Eichmann aus Argentinien entführte und ihn nach Israel verschleppte, ihm dort den Prozeß machte, sorgte dies nicht nur für diplomatische Verwicklungen, plötzlich ging unter den hochrangigen Nazis im argentinischen Exil die Furcht um. Wer würde der Nächste sein, der geschnappt und an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurde und was oder vielmehr wen würde er verraten? 

Jahrelang wurde die Fahndung nach Mengele, die insbesondere der Mossad vorantrieb immer wieder unterbrochen. Der noch junge Staat Israel befand sich fast ständig im Krieg, die Kräfte seines Geheimdienstes waren so anderweitig gebunden.

Seinerzeit musste das konsequente Wegsehen Methode gehabt haben, wie sonst konnte Mengeles Ehe in Darmstadt offiziell geschieden werden, während er sich in Argentinien als Unternehmer erfolgreich einrichtete, vorbei an allen Kriegsverbrecher-Tribunalen … 

Immerhin erkannten in der Folge der Ereignisse die Universitäten Frankfurt und München Mengele seine Doktortitel ab. 

Wie sehr kann ein inneres Gefängnis einem äußeren gleich kommen?  Niemand kann wirklich wissen, was sich im Kopf von Josef Mengele abgespielt hat, ob er tatsächlich von solchen oder ähnlichen Bildern und Visionen verfolgt und geplagt wurde, wie Olivier Guez sie in seinem Roman beschreibt. Dafür aber wie Guez es schafft, mich darüber nachdenken zu lassen, wie es im Inneren dieses Verbrechers ausgesehen hat. Dafür, dass er mich Fragen stellen, weiter recherchieren läßt achte ich sein Werk.

Wie empfänglich der Ehrgeizige doch offenbar ist, für zerstörerische Ideologien. Wie kann man seine Seele verschließen und zu solchen Taten fähig werden, der steten Verleugnung anheim fallen? 

Ist es nicht eine Gnade, sterben zu dürfen ohne mit den Opfern, mit den Folgen, mit den Taten, mit seiner Schuld jemals offen konfrontiert worden zu sein? Wie profan das eigene Ende auch immer sein mag.

“Die Strafe entspricht der Schuld. Aller Lust zum Leben beraubt zum höchsten Grad von Lebensüberdruß gebracht zu werden.” Soren Kierkegaard

Burghardt Klaußner – ist die Stimme dieses Textes in der Hörbuch-Fassung und er ist eine echte Idealbesetzung! Seine Sachlichkeit und die Distanz mit der er liest, haben mich tief beeindruckt. Wenn er nüchtern vorträgt wie Mengele mit seiner Ehefrau einen unbeschwerten Sommerurlaub in Ausschwitz verbrachte, während die Gaskammern auf Hochtouren liefen und in nur acht Wochen mehr als dreihunderttausend Menschen umgebracht wurden, würde ich mir am liebsten die Ohren zuhalten!

Besonders zum Ende des Hörbuchs muss man noch einmal all seine Kraft zusammen nehmen, um die Schilderungen der Ausschwitz Überlebenden im Mengele Scheinprozeß auszuhalten. Hier habe ich einige Male auf die Pausetaste gedrückt …

Die Panick-Attacken und Fieberträume von Mengele, die Visionen mit denen Klaußner uns hier stimmlich beschwörend konfrontiert, gehen so unter die Haut, dass ich bezweifle in diesem Lese-und Hörjahr noch einmal etwas vergleichbares erleben zu können und bin mir sicher, dieser Tatsachenroman wird auf meiner persönlichen Jahres-Bestenliste ganz weit oben auftauchen.

“Nehmen wir uns in acht. Der Mensch ist ein formbares Geschöpf. Nehmen wir uns vor den Menschen in acht.” (Textzitat Guez)

 

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