Das Meer von Mississippi (Beth Ann Fennelly & Tom Franklin)

Eine Jahrhundertflut verdrängt dieser Tage eine Pandemie aus den Schlagzeilen. Politiker bereisen werbewirksam im Wahlkampf ein Katastrophengebiet, die Katastrophengebiete. Menschen stehen wortwörtlich vor den Trümmern ihrer Existenz. Viele von ihnen unterversichert, es fehlt am notwendigsten. Trinkwasser, Zahnbürsten, Kleidung, einem Dach über dem Kopf. Kein Strom, kein Telefonnetz, Straßen unterspült Brücken zerstört, ganze Ortslagen abgeschnitten und nur noch mit dem Hubschrauber erreichbar. Infektionskrankheiten nehmen rasch zu. In meinem Heimat-Bundesland Rheinland-Pfalz rissen vor wenigen Tagen Bäche und außer Rand und Band geratene Flüsse unzählige Menschen in den Tod, richteten Schäden in Millionenhöhe an. Die Zahl der Vermissten geht in die Tausende. Man findet ganze Familien ertrunken in ihren Fahrzeugen. Mit einer unvorstellbaren Zerstörungskraft wird eine Autobahn geflutet. Auf der A1 stehen LKWs tagelang meterhoch im Wasser.

Während Helfer Tag und Nacht arbeiten, Metereologen die Schuld beim Jetstream suchen, nehmen die Klimawandelleugner Haltung an und verweisen auf Naturkatastrophen die es ja schon immer gab. Eine wie diese hier, die sich als schlimmste der USA in die Geschichtsbücher geschrieben und die man trotzdem nahezu vergessen hat. Das obwohl sie die Landkarte der Südstaaten geographisch für immer verändert hat, als am Karfreitag des Jahres 1927 bei Greenville der Damm Mound Landing am Mississippi brach und sich eine Flutwelle mit einem Scheitelpunkt von dreißig Metern und der doppelten Wucht der Niagarafälle in das Delta dieses Fluss ergoß. Monatelange Regenfälle waren vorausgegangen.

Vier Monate lang sollte das Wasser nicht abfließen, das fast eine Million Häuser unter sich begrub, auf einer Fläche von siebzigtausend Quadratkilometern. Um sich und uns zu erinnern, hat ein namhaftes Autorenduo eine fiktive Stadt ersonnen und eine Geschichte die den historischen Hintergrund dieser Katastrophe so genau wie möglich abzubilden versucht.

Willkommen in Hobnob.

Das Meer von Mississippi von Beth Ann Fennelly und Tom Franklin

Alles beginnt mit einem Ultimatum. Ein Präsidentschaftskandidat stellt es. Eine Woche Zeit gibt er zwei Ermittlern um zwei spurlos verschwundene Prohibitionsagenten zu finden. Einer von ihnen ein Kriegshaudegen, der andere, jünger, spielt gern Gitarre, liebt den Blues, hat ihn aber nicht. Für die beiden wird es ab jetzt darum gehen, nicht selbst zum Opfer zu werden. Für den ambitionierten Kandidaten geht es um alles oder nichts. Um Glaubwürdigkeit und um den Wahlsieg. Dafür tut er alles, steht mit beiden Beinen im steigenden Wasser um zu verkünden, der Damm, die Dämme werden halten. Er verteilt Geld und Zuversicht, die man längst schon nicht mehr mit ihm teilt.

Eine illegale Brennerei, ein Netzwerk von Schmugglern und Händlern. Dammwächter, Intriganten und Ledermäntel im strömenden Regen. Eine Schießerei, Eltern die in einer Blutlache enden, zurück bleibt ein Baby. Wird gerettet von einem der offenbar ein Herz aus Gold hat.

Eine Frau mit Talent. Zum Schnapsbrennen. Ihre Destille ist ein Geheimtipp. Dixie Clay ist Anfang zwanzig als ihr erstes Kind, ein Baby noch, an Scharlach stirbt. Lange hatte sie sehnsüchtig darauf gewartet schwanger zu werden und sich aus Zeitvertreib dem Whisky verschrieben, als Erzeugerin nicht als Trinkerin. Sie findet ihre Profession, ihr Mann ist der Dealer, trickreich und mit Stil, ihr Stoff begehrt. Ein Bordell hat einen Dauerauftrag mit ihnen geschlossen und ihr Gatte liefert hier besonders gern persönlich an. Lokalpolitiker schmieren mit ihrem Hochprozentigen das Stimmvieh. Kein Wunder das die Behörden aufmerksam werden und als zwei Bundesagenten, sowie eine große Ladung Dynamit spurlos verschwinden beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel im Wettlauf gegen eine Flut, deren verheerende Folgen längst schon nicht mehr aufzuhalten sind …

Beth Ann Fennelly, geboren 1971 in New Jersey und Tom Franklin, geboren 1963 in Dickinson Alabama sind seid 1998 ein Ehepaar und leben mit ihren Kindern in Oxford, Mississippi. Fennelly, die einen Studiengang für kreatives Schreiben an der Universität von Mississippi leitet und Franklin der für sein Schreiben bereits mehrfach ausgezeichnet worden ist, unter anderem 2019 mit dem Deutschen Krimipreis für Krumme Type, krumme Type (den ich Klasse fand!) haben sich diesmal also auch schreibend zusammengetan.

Was spannend klingt ist es leider für mich nicht durchgängig gewesen. Diese Geschichte hatte ich mir ausgesucht lange bevor eine Flut im echten Leben mein Bundesland zerriss, Menschen um ihr Leben und ihr Hab und Gut gebracht hat. Bevor diese Jahrhundertkatastrophe mir den Klimawandel, das wie schutzlos wir Menschlein Naturgewalten ausgeliefert sind, aber auch die Auswirkungen fehlgeleiteter städteplanerischer Entwicklung überdeutlich vor Augen führte.

Mich hatte vor allem der historische Kontext interessiert in den dieser Roman, der für mich kein Krimi ist, gestellt wurde. Vergessene Geschichten ziehen mich magisch an und die, die das Leben schreibt ebenso. Tom Franklin als Autor war für mich ein Garant dafür, das wenn es um die Südstaaten geht der richtige Ton getroffen wird, hier kennt er sich aus und ein Krimi aus seiner Feder ist immer mehr als nur ein Krimi. Vielleicht hat diesem hier die Schreibgemeinschaft mit seiner Frau nicht gut getan. Als eher tröge habe ich ihn anfangs empfunden, einen ansteigenden Spannungsbogen vermisst. Die historische Flut spielte für mich eine viel zu sehr untergeordnete Rolle, dabei hätte sie als Dirigent alles geboten um diese Geschichte zu einer zu machen, die einen packt und nicht mehr los lässt.

Das erste Drittel des Romans erlebe ich als schleppend, Franklin und Fennelly kreisen sehr um ihre Figuren, die Figurenzeichnung gelingt Ihnen dabei sehr gut, sie statten sie u.a. mit gelben oder rosa Anzügen aus wie Al Capone, aber es passiert halt wenig. 

Im Mittelteil durfte ich das finden was ich mag, schriftstellerisches Handwerk, hatte das Wetter auf der Haut, konnte die dramatische Szenerie förmlich spüren. Als das Tempo anzog, eine Tarnung aufflog und die Natur zeigt wer das Sagen hat und die Protagonisten auf ihre Plätze verweist.

Da ließen die Autoren mich im letzten Drittel auf einen Showdown hoffen, der dann verrutscht weil sie ihm eine rosarote Brille auf setzen. Der Schluß schrammt so leider am Kitsch vorbei, garniert mit Romantik, verzuckert mir die liebe Liebe hier zu sehr die Handlungsränder.

Sabboteure, Rassismus, blubbernder Schlamm, Geysire und Lecks in Deichen. Regenwürmer ohne Zahl hervorquellend aus dem Erdreich. Ein Fluss der zum Meer wird. Unterspülte Straßen, die Grundstimmung ist schwül und bedrückend und gut, wie gemalt und wie gemacht für Popcornkino oder einen Schmöker.

Als einen solchen ordne ich diesen Roman für mich ein. Er liest sich süffig, um im Bild des Schwarzgebrannten zu bleiben und betrachtet man ihn durch diese Brille. Ich aber komme nicht umhin es schade zu finden, das die Chance vertan wurde einen Genremix abzuliefern, der an Franklins “Krumme Typen” heranreicht, und dem es gelingt neben einer spannenden Rahmenhandlung auch sozialkritisch Missstände dieser Zeit ausreichend zu thematisieren. Das hatte ich mir erwartet. Das durfte ich mir von einem Autor wie Tom Franklin einer ist erwarten.

Übersetzt hat Eva Bonné, die stellenweise Begriffe verwendet wie z.B. Jobprofil, die für mich nicht in das Jahr 1927 passen und auf mich wie ein Fremdkörper im Text wirkten. Für die szenischen Beschreibungen des Autoren Duos hingegen findet sie einen getragenen und stimmigen Ton.

Mein Dank geht an den Verlag Heyne Hardcore für das Rezensionsexemplar.

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