Das Leben des Vernon Subutex 1 (Virginie Despentes)

Donnerstag, 16.05.2019

“Wenn dir das Leben Zitronen gibt, dann mache Limonade daraus”. An schlauen Sprüchen mangelt es ja wirklich nicht, wenn man auf der Schnauze liegt, es mit sich selber gerade nicht aushalten kann. In einem Songtext der Deutschrock-Band Silly, heißt es “wer den Job verliert, dessen Party ist gelaufen”. Und je nach Lebensalter, steckt da mehr Wahrheit drin, als uns allen lieb ist.

Viele Fälle von Arbeitslosigkeit, die diejenigen treffen, die jenseits der Fünfzig sind, sind vielfach nicht selbst verschuldet, sondern verursacht durch Firmenpleiten im Mittelstand. Wenn kleinen Familienbetrieben die Luft ausgeht, stehen deren langjährige Mitarbeiter von Heute auf Morgen auf der Straße. Andere wirft ein Schicksalsschlag aus der Bahn von dem sie sich nicht mehr erholen, die trotz Sozialstaat in der Obdachlosigkeit landen, weil sie sich das Ehrgefühl niemandem auf der Tasche liegen zu wollen, erhalten wollen …

Von einem solchen Schicksal erzählt eine Geschichte in drei Teilen, die gefühlt mittlerweile jeder kennt und um die ich bislang herumgeschlichen bin, wie die Katze um den heißen Brei  ..

Das Leben des Vernon Subutex (Virginie Despentes)

Seinen Plattenladen “Revolver” hatte die CD und nicht er auf dem Gewissen. 2006 war Vernon Subutex Pleite und musste den Laden, den er von seinem Chef übernommen hatte, weil dieser lieber in Australien ein Restaurant eröffnen wollte, endgültig schließen. Er vertickte bei E-Bay was sich zu Geld machen ließ und hielt sich so erst einmal knapp zwei Jahre entspannt über Wasser.

Das Verständnis der jungen Frau, die bei der Arbeitsvermittlung für ihn zuständig war, hielt sich danach allerdings in engen Grenzen. Wer Wein, Weib und Gesang den Vorzug vor einer ernsthaften Beschäftigung gab, der verdiente keine Stütze. Zumal dann nicht, wenn man in den vergangenen zwei Jahren jeglichem Vermittlungsversuch widerstanden hatte. Das war deutlich, konsequent strich sie Vernon die Mittel, Wohngeld inklusive.

So tun als ob nichts wäre. Das war Vernon zum Grundsatz geworden, immer schön die Fassade aufrecht erhalten. Als ihn sein Vermieter aus seiner Wohnung warf, Zwangsräumung, bastelte er an einer Legende, gab sich als Reisender aus, der lange in Kanada gewesen war um jetzt, zurück in der Heimat, erst einmal auf der Schlafcouch von Freunden unterzukommen.

Das Leben aber teilte fortan noch weitere “Schwarze-Peter-Karten” an ihn aus und Vernon steckte ein. Einen Freund holte der Krebs, ein anderer ertrank nach dem Genuss von Champagner und zahlreichen Pillen in einer Hotelbadewanne. Daran hatte Subutex schwer zu knabbern, die “schwarze Serie” nannte er diese Kette von rasch aufeinander folgenden Todesfällen …

“Ab einem bestimmten Alter trennt man sich nicht mehr von den Toten, man bleibt in ihrer Zeit, in ihrer Gesellschaft.” (Textzitat)

In der Welt des Rocks war er zu Hause, Status-Symbole aber waren nie sein Ding gewesen. Über die passenden Schuhe zu einem Outfit oder über eine hippe Armbanduhr hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.

Von schönen Frauen umschwirrt, von Drogen-Dealern umlagert, die einem Annehmlichkeiten bescheren wollten, von denen andere nur träumten, das war schon eher nach seinem Geschmack. Darauf verzichtete er, mittellos wie er nun war nur äußerst ungern …

Virginie Despentes’ Trilogie über das Leben ihres Antihelden Vernon Subutex lag in Frankreich Monate lang auf den Bestseller-Tischen. Man vergleicht sie mit Balzac, feiert sie. In Deutschland räumt sie mittlerweile ebenso die Herzen der Literatur-Fans ab, was mich dann doch neugierig machte.

Wie kommt man eigentlich auf solch einen kuriosen Namen für eine Romanfigur dachte ich noch so bei mir, da stolperte ich auch schon bei meiner Recherche über den Begriff. Es ist der Handelsname für eine Heroin-Ersatzdroge mit dem Wirkstoff Buprenorphin. Das paßt, denn in der Welt von Vernon alias Monsieur Revolver, spielen Sex, Drugs und Rock ‘n Roll eine nicht gerade untergeordnete Rolle.

Facettenreich und bunt schillernd wie ein Rausch ist dann auch dieser Roman, auch schon mal roh und recht drastisch die Ausdrucksweise der gefeierten Autorin. Episodenhaft gewährt sie uns Einblicke in das/die Leben ihrer Protagonisten. Sie thematisiert die Generation Social Media jenseits der Dreißig, Fake-Kampagnen die einem den Atem stocken lassen, den Werteverfall in unserer Gesellschaft. Kaum zu glauben, dass es zahlende Auftraggeber gibt, die hinter solchen Machenschaften stecken, die immer schön aus der Deckung agieren, am Ende mit makellos strahlend weißer Weste da stehen und solche, die diese Aufträge ohne jegliche Skrupel ausführen.

Figuren zeichnet sie, die beim Einkaufen im Gedränge des Supermarktes davon fantasieren, wie sie alles niederschießen, was ihnen an Migranten vor die Füße kommt. Die klar nach rechts gerückt sind in ihren Ansichten, die weder die mittlerweile vorherrschenden jüdischen noch muslimischen Anteile der französischen Bevölkerung gut heißen und annehmen können.

Heftig fand ich das Frauenbild was hier gezeichnet wird. Jede kann man haben, sie werden taxiert, eingeordnet, begehrt oder verstoßen, willig und willfährig gehören sie wahlweise auf den Küchentisch oder ins Bett. Die Männer hingegen, in ihren eigenen Augen ohne Fehl und Tadel, allen voran Vernon, beziehungsgestört, der seltsam über den Dingen zu stehen scheint, was auch immer passiert. Lebenskünstler sagt man da wohl. Die Macht ist mit ihnen, mit diesen Männern, diesen Platzhirschen, die vom Erfolg verwöhnt in der Filmindustrie oder sonst wo ihren Platz gefunden haben. Die Frauen hingegen agieren teilweise so, als hätten sie persönlich den Lockruf der Sirenen erfunden.

Day Trader im Drogenrausch, unstillbar scheint ihr Verlangen nach Ruhm, Frauen und Geld, machen Vernon zum Musik-Guru am Plattenteller, er untermalt ihre orgiastischen Partys. Bis zu dem Tag, an dem sie ihn vor Eifersucht glühend wieder vor die Tür setzen.

Töchter von Uni-Professoren, die in den heiligen Krieg abdriften. Der Vater im Schock. Kerle die ihre Frauen verprügeln und das für unvermeidlich halten. Irrtümer werden mit Faustschlägen korrigiert. Wir erleben eine Wut, die alles verbrennt.

Selbstmörder, die sich mit einer Mischung von Batteriesäure und Heroin abschließen, damit auch wirklich nichts und niemand mehr ihren Tod aufhalten kann. Mütter, die sich davon nie mehr erholen.

Die Freunde von Vernon lässt Despentes auftauchen wie Geister aus den Schatten. Nicht alle haben die gemeinsamen wilden Jahre unbeschadet überstanden. Da halfen auch kein Rock-Entzug oder die Flucht in ein bürgerliches Leben, sie sind für immer gezeichnet vom Drogenkonsum und ihren exzessiven Ausflügen.

Keine ihrer der Figuren nimmt ein Blatt vor den Mund, diese derben, ungeschönten Wahrheiten und die dazugehörige Sprache, die Despentes ihnen in den Mund legt, sind schon eine Hausnummer! Sie nutzt dieses Stilmittel geschickt um deren Charakterzüge zu konturieren.

Im Grunde ist ihr Roman nicht nur die Geschichte des Lebens von Vernon Subutex. Er ist ein Rundumschlag, erwischt alle, die sich in der Peripherie seines Lebens aufhalten, ihn streifen, ihm eine neue Richtung geben. Dabei werden eine Vielzahl gesellschaftlich brisanter Themen abgearbeitet. Antisemitismus, Nationalsozialismus, die Debatte um Integration und den Islam um nur einige zu nennen. Das Bild einer Gesellschaft im Wandel, im Herzen von Europa.

Ob er mir gefallen hat dieser Roman? Strukturell, ja. Die Komplexität, die Vielzahl der Themen die geschickt eingesponnen sind – haben mich ebenfalls beeindruckt. Die Lebens-Geschichte von Sophie als Nebenhandlung, fand ich am eindringlichsten. Ihre Verzweiflung und Machtlosigkeit im Kampf gegen das verhasste weiße Pulver, geht an die Nieren. Auf die Episoden der Damen beim Pornodreh hingegen, hätte ich gut verzichten können. Ebenso auf die ständigen Wiederholungen von “wer wie oft, wie lange, mit wem und warum”. Sex, Drugs and Rock’n Roll halt.

Ob er mir sympathisch ist dieser Vernon? – Ich bin unentschieden. Unsympathisch ist er mir auch nicht, seine Verletzlichkeit hat mich gerührt. Seine Überheblichkeit hat mich aufgebracht. Seine Gelassenheit habe ich bewundert. Wie schlau, wie geschickt er anfangs agiert, das nötigte mir dann doch auch Respekt ab. Als er dann so richtig auf dem Boden aufschlägt, hatte ich tatsächlich kurz auch Mitleid mit ihm, hätte ihm anschließend für seine Antriebslosigkeit aber wieder am liebsten in den Allerwertesten getreten. Der Kerl macht mich verrückt, der Roman lässt mich nicht los. Das hat sie ja gut hingekriegt, die Madame Despentes.

Will ich wissen wie es mit Vernon weitergeht? Auf jeden Fall – jetzt aber brauche ich erst einmal eine Pause von dieser Achterbahn-Fahrt, dieser Abwärts-Spirale.

Es liest in der Hörbuch-Fassung Johann von Bülow – nein, er zelebriert diesen Text! Gibt diesem Kaleidoskop einen Klang. Hut ab! Er flucht, wütet und spuckt. Lebhaft, ja verächtlich schleudert er uns die Weltsichten von Subutex’ Freunden entgegen. Mal ironisch, mal sarkastisch, mal spöttisch, mal kühl, nein cool oder arrogant intoniert er. Sogar “stutenbissig” kann er und wie! Seine “Kreischalarme” unter Freundinnen sind genial. Zickenterror, Lästerschwestern, Futterneider und Womanizer – er wechselt in den Rollen souverän und glaubwürdig. Das finde ich brilliant!

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