1793 (Niklas Natt och Dag)

Samstag, 11.05.2019

Das Schlagen der Kirchturmuhr höre ich kaum, ich haste eilig voran. Es ist kalt, die Straßen menschenleer, der Schlamm weicht schmatzend aus unter meinen Füßen. Mein Atem geht keuchend und ich halte mir die schmerzenden Seiten. So wie das Licht schwindet, schwindet auch meine Kraft. Ich habe die beiden vor mir aus dem Blick verloren. Die Dunkelheit hat sie verschluckt. Ich bleibe zurück, ringe um Fassung und Luft, mir zittern die Knie. Gut, sie werden Mickel Cardell schon finden, und er, er wird wissen was zu tun ist …

“List gebiert Gegenlist. Gewalt gebiert Gegengewalt”. (Textzitat)

1793 (Niklas Natt och Dag)

Das Gesicht eines Menschen wollten die beiden Kinder im Wasser der Stadtkloake, im Elendsviertel Södermalms gesehen haben. Das Gesicht eines Toten. Von Furcht und Panik erfüllt hatten sie den Stadtknecht Mickel geweckt, dem nach einer durchzechten Nacht noch der Schädel brummte und sein Arm mit dem Stumpf schmerzte.

Mühsam hatte er sich aufgerappelt, fluchend und verkatert und war ihnen hierher gefolgt. Ihn konnte man ja jederzeit rufen, so schien die vorherrschende Meinung, als Krüppel lebte er allein, da hatte er wohl auch allzeit bereit zu sein.

Bis auf die Haut durchnässt, den Kreislauf voll mit Alkohol. Eiskalt war ihm bis auf die Knochen, und so wartete er jetzt auf das Eintreffen der Stadtwache. Die Kinder hatten recht gehabt. Er hatte gerade eben die Überreste einer blonden, männlichen Leiche aus der Kloake gezogen.

Die beiden eintreffenden Wachen waren genauso besoffen wie er und das war gut so, denn der Anblick, der sich ihnen bot, war nüchtern nicht auszuhalten. Nur noch ein Rumpf, alle Gliedmaßen amputiert, mit zerstörtem Gesicht, ohne Augen, Zähne und Zunge, lag aufgedunsen vor ihnen. Über Monate musste man diesen Mann gequält haben, gut erkennbar waren die einzelnen Stümpfe nacheinander verheilt …

Philipp Schepmann ist Vollprofi im Hörbuch-Geschäft. Er betreibt ein eigenes Tonstudion, ist freier Schauspieler, Regisseur und Sprecher. Wohltönend weiß er hier auch Gesangseinlagen zum besten zu geben. Ist mit Leidenschaft bei der Sache. Dem Stoff von Niklas Natt och Dag nimmt er sich in der ungekürzten Fassung mit der Unterstützung von Sprecher-Kollege Simon Roden an. Beide gestalten ihren Vortrag lebendig, excellent betont, mit spannungssteigernden Kunstpausen, sich selbst als Sprecher soweit zurücknehmend, dass die Geschichte, ihre Figuren und der Autor wirken und glänzen können.

Simon Roden spricht die Figur des Christopher Blix und wie er dessen Wandel vom lebenslustigen Schlitzohr hin zum gebrochenen Mann gibt, das hat was und ergänzt Schepmann auf eine besondere Art!

Niklas Natt och Dag (Nacht und Tag) trägt nicht nur den Namen eines aus Östergotland stammenden Rittergeschlechtes und entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens, er schreibt auch mit offenem Visier, hart und brutal. Geboren 1979 lebt und arbeitet er als freier Journalist in Stockholm.

Sein “1793″ wurde mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet als das beste Spannungsdebüt, das kann ich gut nachvollziehen.

Natt och Dag packt einen am Kragen. Lässt einen so schnell nicht mehr aus. Seine Schilderungen sind drastisch, für allzu zartbesaitete bedeutet das schlaflose Nächte und Bilder auf der Netzhaut, die sich so schnell nicht wieder abschütteln lassen. Schonungslos zeichnet er das Handeln seiner Täter.

Sieht man davon einmal ab, findet man ein treffend gezeichnetes, historisches Sittengemälde, das er glaubwürdig mit Figuren bevölkert, die ich auf Anhieb mochte, ohne dabei Superhelden zu erschaffen, die über alles erhaben sind. Die Ecken und Kanten und ihre Fehler haben und so einiges aushalten müssen. Man fühlt, bangt und forscht gerne mit ihnen.

So hat Jean Michael “Mickel” Cardell seine eigene Unterarm-Amputation bei vollem Bewusstsein miterlebt und er schildert sie so klar und kühl als beträfe sie einen anderen. Als einfacher Unteroffizier bei der Artillerie hat ihn der Krieg als verstümmelten Soldaten wieder hergegeben, die Anstellung als Häscher und Stadtknecht hatte man ihm wie ein Almosen angetragen. Bei der Stadtwache versammelte man sie, diejenigen mit denen man sonst nichts mehr anzufangen wusste. Zu seinen Aufgaben gehörte es jetzt, Landstreicher und Huren ins Zuchthaus zu bringen. Was er zumeist nicht über sich brachte, Armut war schließlich nicht strafbar …

Integer und versehrt, tapfer und frei von Ekel hat Cardell noch die Kraft die Cecil Winge, dem Zweiten im Bunde, mittlerweile fehlt. Der dreißigjährige Jurist Cecil Winge, arbeitet im Indebetou, der Polizeikammer, als Ermittler für besondere Verbrechen, ist ein dem Tod geweihter Tuberkulose-Kranker. Kombinieren kann er wie Sherlock Holmes und bei aller Vernunft und Klarheit die er im Angesicht des eigenen Ablebens spiegelt, spürt man seine Lebenssehnsucht noch immer, mit Cardell zusammen bildet er ein starkes Gespann. Die Grausamkeit und die Schläue des Täters wirken wie ein Klebstoff für die Freundschaft der beiden ungleichen Männer, die von einer Sackgasse in die nächste zu stolpern scheinen. In Nächten in denen sie Exhumierungen vornehmen und Verwesungsgestank aushalten müssen.

Und während die Kunde von Marie-Antoinettes Enthauptung auch in Stockholm die Runde macht tappen Winge und Cardell immer noch Dunkeln …

Kalte Hände und wild schlagende Herzen. Phantomschmerzen, fehlende Glieder. Im Kerzenlicht tanzen unheimliche Schatten. Sturzbesoffene Henker arbeiten sich mit zahlreichen Fehlversuchen an ihren Delinquenten ab. Das ist wirklich übel!

Natt och Dag schreibt so szenisch, das man meinen könnte man stehe mitten drin in seiner Geschichte, riecht, schmeckt und fühlt mit den Figuren. Als watete man durch den Dreck, durch Abwässer, zwischen Kadavern hindurch, als stehe man selbst unter den Zuschauern mit eingezogenem Kopf und gesenktem Blick auf dem Richtplatz.

Die Schönheit Stockholms, das was Architekten schon damals bewirken durften, wie die Mauern der Steinhäuser golden in der Sonne schimmerten, auch das lässt uns der Autor erlesen. Er erzählt von Lebenslust, Unbeschwertheit, zwanglosen Festen und Trinkgelagen ebenso leicht wie von schweren Martyrien, Machthunger, Blutdurst und abgelegenen Gutshäusern, in denen ein Schrecken wohnt, dem man keinen Namen zu geben weiß, und er lässt ihn von Höllenhunden bewachen …

Düster, dunkel und geheimnisvoll. Nicht selten habe ich der Rohheit wegen an “Das Parfüm” von Patrick Sueskind bzw. der historischen Stimmigkeit wegen an “Der Name der Rose” von Umberto Eco denken müssen. Hier ist es Winge der vorangeht, kombiniert und die Puzzleteile zusammenfügt, der ergänzt wird von Cardell, der neugierig die richtigen Fragen zu stellen weiß.

Lautlos gleiten Paddel in spiegelglattes Wasser, das ein Ruderboot trägt, an dicken Schiffsbäuchen entlang, die mit duftenden Gewürzen und Kaffee gefüllt sind. Zwischen Armenhäusern und Bordellen, dem Pranger und Kaufmannswohlstand hindurch. Im Hafen zwischen Werftanlagen und Handelskoggen in salziger Brise sucht man nach Tätern und findet Feinde auf beiden Seiten des Gesetzes.

Abgezockt und abgestürzt, abgeführt und niedergeknüppelt. Tote, erbarmungslose Augen begegnen verzweifelten Blicken. Hier erfahre ich erstmals wo der Begriff Stiefellecker herkommen muss. Oh Mann! Mich würgt es und ich fluche laut. Wer die Schulden eines Menschen besaß, der besaß den Menschen. Leibeigentum und Unterwerfung, Willkür und die Lust an der Bestrafung. Im besten Fall zum Frondienst genötigt, im schlimmsten Fall – ich will es gar nicht wissen …

Schäumende Wut steigt in mir auf, während ich die Hand vor den Mund schlage, auf die Pausetaste drücke! Dann wieder balle ich die Fäuste, recke sie, schimpfe laut! Dieser Unmensch, dieses Ungeheuer musste doch zur Strecke zu bringen sein!

Über alle schockierenden Details hinaus finde ich es bemerkenswert wie der Autor es schafft, die Stimmung immer wieder umschlagen zu lassen. Er lässt sich Zeit seine Geschichte zu entwickeln, beweist damit eindrücklich, das es gelingen kann Spannung und Wendungsreichtum mit einem historischen Roman zu verheiraten, so das weder das eine noch das andere zu kurz kommt.

So lässt er mich zu Atem kommen, wenn ich schon meine, das kann ich nicht aushalten, bringt seiner Geschichte einen geschickten Bruch bei, leitet mich um zu einem neuen Handlungsstrang, zu einem anderen Beteiligten im Kreis, oder er wartet auf mit einer Wendung, schürt so meine Neugier, wie es wohl weitergehen mag und am Ende höre ich mich wie Mickel Cardell tonlos fragen: “Was, was haben Sie getan Cecil Winge …?”

“Das Schicksal hat sie mir in den Weg gestellt gerade als meine Reise sich dem Ende zuneigte”. (Textzitat)

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