das kleingedruckte (Linda Vilhjálmsdóttir)

Gedichte aus dem Isländischen

Island. Ein Eiland erschaffen aus Feuer und Eis. Seine grandiose Natur, die spektakuläre Landschaft, zieht Menschen aus aller Welt an und mich. Hier steht man auf dem Þingvellir Feld, wo sich schon immer die Kontinentalplatten trafen, und am Anfang aller Anfänge auch die Wikinger. In dieser archaischen Gegend fällt es leicht sich vorzustellen wie alles begann und entstand. Die Besiedlung Islands, seine politische Grundstruktur. Welche Rolle den Frauen hierbei zugekommen ist, darüber hat eine von ihnen auf eine ganz besondere Art und Weise nachgedacht, und deshalb möchte ich Euch sie heute vorstellen:

Linda Vilhjálmsdóttir, geboren 1. Juni 1958, in Reykjavik/ Island, veröffentlichte 1990 ihren ersten Lyrikband. Die Krankenpflegerin Vilhjálmsdóttir schrieb neben Theaterstücken und einem autobiographischen Roman sieben weitere Gedichtbände. Zuletzt 2020 den poetischen Zyklus über das Leben unter Corona-Bedingungen mit dem Titel “stillleben”. Die isländische Dichterin wurde mit zahlreichen Preisen für ihr literarisches Schaffen ausgezeichnet und ihr schriftstellerisches Wirken findet auch über die Grenzen Islands hinaus Anerkennung.

Übersetzt haben “das kleingedruckte” für sie sehr behutsam Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Diejenigen, die des Isländischen mächtig sind, können direkt vergleichen, denn dieser Band des Elif Verlages ist zweisprachig gestaltet.

In Island wird wieder viel gelesen, titelte der Focus, da waren die Isländer 2011 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, kein Gastland war bislang kleiner, aber an ihren grandiosen Pavillon erinnere ich mich heute noch mit Freuden. Die Finanzkrise, ihre Staatskrise aus dem Jahr 2008, waren die Isländer da noch am Verdauen, es regte sich ein erster touristischer Boom und das einst reiche Land, das jetzt am Boden lag, wurde in der Folge förmlich überrannt. Bei der Fußball EM in Frankreich 2016 war es dann endgültig um uns geschehen. Die Isländer hatten die Herzen der Europäer erobert. Wir klatschten, skandierten laut, hatten Gänsehaut und ein Huh!! ging um die Welt!

Es hat viele Monate Dunkelheit soweit oben in der Nähe des Nordpols, Elfen und Trolle auch und Literatur die von hierher kommt hat immer einen besonderen Ton. Genau dafür wird sie von ihren Fans geliebt. Gleich ob Krimi oder Gegenwartsliteratur. Aber Lyrik aus Island? Der Gedanke daran war mir so fern, wie mir die Sprache der Isländer fremd ist, und ich habe mich gefragt wie eine Übersetzung von Gedichten ins Deutsche da wohl gelingen mag? Kann man den Rhythmus dieser Sprache, ihre Melodie erhalten, wenn es um Verse geht? Kommt es nicht genau auch darauf bei einem Gedicht an? Auf die Sprachmelodie?

Was erwartet mich hier? Eisblau und klar liegt der Schutzumschlag in meiner Hand. Zwei Blasen, zwei Löcher, gewähren mir einen ersten Einblick auf das Kleingedruckte im Hintergrund, auf seinen festen Einband.

Gespannt erobere ich mir sein Inneres, so wie dereinst die Vikinger ferne Gestade, ich fühlte mich wie ein Entdecker, meine Neugier war geweckt.

Dieses schmale Buch ist erst einmal eine haptische Freude. Schöner und passender hätte man die rauen und kurz gefassten Sätze dieser Dichterin nicht einrahmen können. Die kühle Farbe des Einbandes klärt auch was man hier als Leser*in erwarten darf: Keine Verse die wohlgeformt sind, man wird vielmehr von einem Mini-Versepos überrumpelt.

Von Zeilen die von Kontrasten leben, so wie das Land aus dem diese Dichterin stammt. Eis und Feuer machen etwa 95% seiner Landfläche unbewohnbar. Es hat bizarre Formen und eine beeindruckende Weite. Klare Kanten und wuchtige Worte findet Linda Vilhjálmsdóttir, für ihre Frauen, für die Frauen ihrer Familie, für sich selbst. Für Natur und Politik. Für das was die Geschlechter trennt.

Ausbalancieren, das ist etwas für andere Lyriker*innen. Vilhjálmsdóttir spielt lieber mit der Unwucht. Bleibt rau. Bei ihrem Versmaß ebenso wie inhaltlich. Mit Sicherheit polarisiert sie, auch mich hat sie herausgefordert. So minimalistisch hatte ich mir ihr Schreiben nicht vorgestellt. Verse, die komplett kleingeschrieben sind und die ohne Satzzeichen auskommen, einzig die Zeilenumbrüche leiten mich, und ich staune. Nicht schlecht.

Erst habe ich alles einmal chronologisch hintereinander weggelesen, dann bin ich zurückgekehrt. Zu meinen post-its, zu den Textpassagen, die sofort bei mir hängengeblieben waren. Zu denen, die ich als am Drängendsten, am Druckvollsten empfunden hatte, um sie noch einmal zu lesen.

Passagen wie diese …:

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
das es mit der scham ein ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

(Linda Vilhjálmsdóttir "das kleingedruckte")

Liebe Island-Fans, liebe Fans des Besonderen, des Ungewöhnlichen, lasst Euch ein auf diesen Ton und entdeckt ein Stück Lyrik wie man es nicht oft zwischen zwei Buchdeckeln findet. Regt Euch auf, reibt Euch daran, begeistert Euch. So wie ich! Meine Freude hatte ich auch daran durch die gegenübergestellten isländischen Zeilen zu stolpern und Worte zu entdecken, die ich tatsächlich auch verstanden habe. Also einzelne davon und ich las auch mal laut. Also die deutschen Verse. Denn dann klingen sie noch einmal länger nach …

ich wünschte ich hätte dich gesehen
ohne mich in das bild von dir einzumischen

dich gesehen während du lebtest
so wie ich dich sehe

seit ich mich versöhnt habe mit dem bild von mir
so wie ich wirklich bin

wünschte du hättest dich sehen können
mama

wie ich dich jetzt sehe
im milderen licht des selbstvertrauens

(Linda Vilhjálmsdóttir "das kleingedruckte")

Mein Dank geht an den Elif Verlag für dieses wunderbare Besprechungsexemplar.

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