Das Gemälde (Susan Hill)

Mein letzter Museumsbesuch? Ach, ist das lange her … ! Zuletzt durfte ich in Amsterdam Rembrandts frisch restaurierte Nachtwache bestaunen. Nicht nur auf diesem Gemälde versammeln sich zahlreiche Personen und nicht wenige von ihnen schienen mich nicht aus dem Auge zu lassen. 

Wie schafft ein Maler das? Dass wir als Betrachter den Eindruck haben genau uns, mich haben die dargestellten Figuren im Blick? Sie folgen uns, können durch uns hindurch sehen, in uns hinein .. 

Das Gemälde von Susan Hill

Eine Hand auf seiner Schulter. Eine warnende, nein, eine flehende Stimme in seinem Ohr. Der Mann der ihn ansprach, in der Schlange vor der Kasse nach der Auktion, klang verzweifelt. Dieses Gemälde mit der venezianischen Szene, das er soeben ersteigert habe, dürfe er keinesfalls behalten. ER habe den Auftrag es für seinen Klienten zurück zubringen. Der Preis spiele dabei keine Rolle, aber würde er es behalten, bald schon würde es ihn reuen …

Ein Abend am Kamin. Ein Mentor und ein Student, ein knisterndes Feuer, vielleicht ein Whisky zuviel, auf jeden Fall sitzen beide bei einer Geschichte und vor einem Gemälde, das offenbar seine ganz eigene hat und wie es scheint auch ein Eigenleben …

Ein Sturz auf glattem Pflaster um Mitternacht. Gepolter und ein Schrei. Ein Gesicht, erhellt von dem Widerschein einer Kerze in einem fernen Fenster und dieser Mann, er hatte ihn erst kurz zuvor gesehen, er war sich sicher, auf diesem Gemälde aus dem späten 18. Jahrhundert. Was ganz und gar unmöglich war …

Susan Hill, geboren 1942, in Yorkshire, hat es wieder getan, sie hat mich begeistert, und ich muss tatsächlich sagen ihre Gespenstergeschichten haben es mir besonders angetan. Wie ihr Verlag verrät, bin ich damit nicht alleine. Diese Geschichten machten sie zu einer der populärsten Autorinnen Großbritanniens.

Es dauerte nur wenige Sätze lang, da war ich drin, mittendrin in dieser Geschichte, sie hat mich gepackt am Schlafittchen und ich wollte sie nicht mehr aus der Hand legen. So soll es sein, nichts weniger hatte ich mir erwartet, nachdem sie mich mit “Die kleine Hand” schon so vereinnahmt hatte.

Auch diesmal spielt Hill mit meinem Schaudern. Stellt auf den Kopf was ich für möglich halte und was nicht. So wie sie es bei Oliver, dem Helden in dieser Geschichte tut, der seinem alten Professor Theo Parmitter eine Last abnehmen soll an der dieser schon so viele Jahre trägt, und die unzweifelhaft mit dem Gemälde einer venezianischen Szene zu tun hat.

Unglaubliches mischt sich mit dem Unfassbaren. Was unbegreiflich scheint will begriffen werden. Die Zeit gibt es nicht. Grenzen verschwimmen. Zwischen jetzt und gestern.

“The man in the picture” heißt die Geschichte im Original, die Susanne Aeckerle für uns übersetzt hat und dieser Mann da im Bild, fällt nicht aus dem Rahmen, er tritt aus dem Bild heraus und begegnet einem pragmatischen Mann, als Vision, als Fata Morgana, in seinen Träumen? Die plötzlich wüst und von einer Angst besetzt werden, die sich beinahe mit Händen greifen, aber nicht begreifen lässt. 

Leben erwacht wo keines ist. Leben versiegt. Eiskalte Finger klettern meine Wirbelsäule hinauf, ich habe Schauer auf der Haut, während Albträume ihre Träumer durch die Nacht jagen.

Cambridge, ein Universitätscampus, ein Spaziergänger bei Nacht, Kunstauktionen und ein Junge, dem früh die Mutter verstirbt, der der  Kunst verfällt, zum Sammler, zum Kenner wird. 

Wie leicht man Bedenken oftmals ab tut, wie viel gescheiter es wäre auf seine innere Stimme, auf seinen Bauch zu hören. 

“Schweigen. Ich fragte mich, wie dieses große Haus so still sein konnte. Meiner Erfahrung nach sind alte Häuser nie so, sie sprechen, in ihnen gibt es Bewegung und leise Stimmen und gelegentliche Schritte, wir haben ein Eigenleben, aber dieses Haus hatte keines.”

Textzitat Susan Hill Das Gemälde

Schwere, dunkelrote Vorhänge sperren die Nacht aus, ein von Ölgemälden flankiertes weitläufiges Treppenhaus mündet in einen Salon. Selbstredend folgt man einem beflissenen Butler hierher und trägt ein Dinner Jacket.

Ihre Ladyschaft, die Gräfin von Hawdon bittet um einen Termin, da kann ein Gentleman wie Dr. Parmitter nicht ablehnen und was sie von “seinem” Gemälde zu erzählen weiß, verschreckt und fasziniert ihn gleichermaßen, fordert seinen Glauben heraus.

Ein Brief, sein Verfasser anonym, sein Inhalt voller Hass, so glühend als müsse er sich durch den Boden des Schubfaches brennen indem er fortan verwahrt wird.

“Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.”

Ein plötzlicher Todesfall und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Wahnsinn …

Wartende Gondeln auf übervollen Kanälen. Brennende Fackeln, ihr Schein und Schimmern auf dunklem Wasser. Masken, überall Masken, Lachen und Gedränge, ein Feuerwerk, Kaskaden aus Licht und Funken und Furcht. Entsetzen und große Furcht …

Ach, dieses Ende! Auch diesmal lässt mir Susan Hill den Zweifel, ich beende “Das Gemälde” beindruckt. Besonders weil sie es wieder einmal schafft mit nur wenigen Sätzen eine Stimmung zu erzeugen, die mich von Beginn an so dermaßen neugierig macht, das die Seiten nur so dahin fliegen. Wie schon in “Die kleine Hand” wechselt sie auch hier stimmungsvoll den Schauplatz und entführt mich diesmal nach Venedig, mit ihrer jungen Gräfin besuche ich in einer vor Hitze fiebernden Nacht einen Maskenball, in der Gewissheit, was hier geschieht kann nicht gut gehen und auch ein zweites Mal, viele Jahre später komme ich wieder hierher …

Traut euch, es lohnt sich, mir fehlt in meiner Sammlung jetzt nur noch “Die Frau in Schwarz”. Dieser Hills Gothic-Roman bildet auch die Basis eines Theaterstückes, das seit nunmehr über 30 Jahren im Londoner Westend aufgeführt wird und 2012 mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Mein Dank geht an den Kampa Verlag, der mir dieses Besprechungsexemplar, aus der schönen Gatsby Reihe, zur Verfügung gestellt hat.

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