Das Floss der Medusa (Franzobel)

Samstag, 30.09.2017

Wo kein Brot da kein Gesetz” (Text-Zitat)

Einer spontanen Eingebung war Viktor gefolgt. Der Langeweile und der Behütetheit seines Elternhauses hatte er entkommen wollen. Ein Abenteuer erleben! Die Heuer als Kombüsenjunge auf einem Großsegler konnte ja wohl so schwer nicht sein! Als er jetzt aber in die wütend blitzenden Augen des Kochs sah, der sein Handgelenk eisern umklammert hielt und laut schimpfend seine Handfläche auf die glühend heiße Herdplatte drückte, änderte er seine Meinung. Wo war er hier nur hingeraten? Was würde er noch erdulden müssen? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Seine Schreie vermischten sich mit dem Zischen von verbrannter Haut und ihm wurde schwarz vor Augen …

Das schlimmste Schiffsunglück des 19. Jahrhunderts. Aufgebrochen war die Fregatte Medusa zusammen mit drei weiteren Schiffen in La Rochelle/Frankreich. Sie sollte der neuen Kolonie im Senegal frisches Blut, frische Soldaten bringen. Am 3. Juli 1816 aber lief die Medusa, vom Kurs abgekommen, auf der berüchtigten Arguin Sandbank, 100 Kilometer vor der Küste Westafrikas, auf Grund und drohte auseinander zu brechen. Die mitgeführten Rettungsboote fassten von den 400 Menschen an Bord nur 250. 147 wurden auf ein provisorisch gezimmertes Floß verfrachtet und sahen sich alsbald sich selbst überlassen. Einige wenige blieben an Bord der gestrandeten Medusa zurück. Auf dem Floß der Medusa überlebten am Ende nur 15 Menschen. Zwei von ihnen, darunter der zweite Schiffsarzt Savigny, schrieben sich danach das Erlebte von der Seele. Die französische Regierung war an diesen Schilderungen aber nicht nur nicht interessiert, sie verbot damals die Veröffentlichung und drängte den Arzt gar zu einem Widerruf.

Dem jungen französichen Maler Théodore Géricault aber war der Bericht schon in die Hände gefallen. Er verstand es dem “Vorfall” eine Gestalt zu geben. Er verewigte die Tragödie in einem bis heute berühmten Gemälde, mit einer Wucht und Größe (7,16 x 4,91m), das den sprachlosen Besuchern des Louvre in Paris damals wie heute eine Gänsehaut macht. Es ist also so konsequent wie unausweichlich, dass der Leser von Franzobels Roman heute ebenso auf einen Ausschnitt von Géricaults Gemälde schaut, wenn er das Buch in der Hand hält:

(Quelle eingefügtes Gemälde Wikipedia)

Bereits am Morgen des 3. Tages nach der Havarie der Medusa, wachten auf ihrem eilig gezimmerten Floß nur noch etwa die Hälfte der Menschen auf, die geglaubt hatten hier eine Zuflucht gefunden zu haben. Das Floß, nach der blutigen Meuterei des Vortages jetzt ohne Segel, Ruder und Kompaß, umkreisten zahlreiche Haie, offenbar in Erwartung noch fetterer Beute. So schutzlos ausgeliefert an Wetter, Gezeiten, HUNGER und DURST, brachen sich die niederen Instinkte Bahn. Recht und Ordnung, Moral und Anstand, Rücksicht und Empathie schienen zu einem anderen, einem längst gelebten Leben zu gehören. Hier erfuhr jeder seine eigene Wahrheit, eine Wahrheit jenseits aller Vorstellung …

Ignoranz, Arroganz, ein Ehrgeiz der keine Grenzen kannte und maßlose Selbstüberschätzung hatten zig Menschen in den Abgrund gerissen. Doch der glühende Hass der Überlebenden auf die Verantwortlichen war jeden Tag ein wenig mehr zurückgewichen, setzten sich doch mehr und mehr die vielen Toten in ihren “Brot-Träumen” fest …

Das Floss der Medusa (Franzobel)

Franzobel, österreichischer Erfolgsautor, hat sich für mich mit diesem Roman völlig verdient auf die Short-List des deutschen Buch-Preises 2017 geschrieben. Gründlich recherchierend, hat er nicht nur die Grundbegriffe historischer Seefahrt gelernt, er reiste in den Senegal, erreichte tatsächlich auch persönlich das Wrack der Medusa. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlte dort zu stehen …

Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal erreicht er mit der von ihm gewählten Erzählweise. Lässig, teils flappsig aber nie despektierlich, setzt er treffsicher Akzente. Ein etwaiges Auflachen bleibt mir als Leser sofort wieder im Hals stecken, vergegenwärtige ich mir, dass das Geschilderte keine Erfindung, sondern historisch von Überlebenden verbrieft  ist. Stilistisch sehr besonders, setzt Franzobel einen Erzähler ein, der polarisiert. Es wird derzeit viel diskutiert, ob dieser Erzähler mit der Modernität seiner Sprache notwendig gewesen sei, oder ob er gar im historischen Kontext störe. Nachdem etwas Zeit zum Leseerlebnis verstrichen ist, bin ich mir mittlerweile sicher, diese Ereignisse konnte man nur von “außen betrachtend”, mit dem nötigen Abstand erzählen. Abstand der so auch durch die Erzählform hergestellt wird. Von “innen berichtend” kann man es auch heute noch nicht gut aushalten. Darf man aber so unerhört formulieren, so überzeichnen, wenn man über solche Schrecken schreibt? Das muss am Ende jeder Leser für sich selbst entscheiden. Bei mir hat Franzobel damit eine Verstärkung der geschilderten Skrupellosigkeit, eine Verdeutlichung der Charaktereigenschaften der Figuren erreicht, die tief geht. Nach Tagen irrlichtern die Bilder die er erschafft noch in meinem Kopf umher …

Er malt mit Worten eine Kulisse, ebenso satt und von epischer Wucht, wie das Gemälde von Géricault. Er breitet einen Schiffsalltag vor uns aus, eine Zweiklassen-Gesellschaft, der/die erschütternder nicht sein könnte. Erzählt die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln, macht so deutlich, es gibt immer mehr als nur eine Wahrheit. Den Schwerpunkt im Handlungsstrang legt er dabei auf die 13 Tage der Floß-Odysee. Die Leidenswege, die andere Überlebende dieses Schiffsunglücks erfahren und die unterschiedlicher nicht sein könnten, erleben wir nur am Rande. Die Schrecken, die teils in ihnen hausen, erahnen wir aber sehr wohl. Gnadenlos hält dabei Franzobel seine Stablampe auf den fratzenhaften Wahnsinn, die Abgründe menschlichen Handelns. Er gönnt uns auch dann als Leser keine Verschnaufpause, wenn wir es nicht mehr gut aushalten können. Auspeitschungen, beinahe Vergewaltigungen, Verwesungsgestank, Leichenfresser, Pissetrinker und Säuberungsaktionen mutet er uns dabei zu. Wie seinen Figuren ergeht es uns, wir müssen da durch und wir wollen es auch!

Eine unsichtbare Kraft, die Hoffnung als Treibstoff allen Lebens, peitscht die Gestrandeten voran, erhält ihren Lebenswillen, läßt sie Ekel, Grausamkeiten, Demütigungen und körperliche Qualen ertragen.

Als Leser wissen wir schon zu Beginn, was hier geschehen wird und trotzdem oder gerade deshalb, kleben wir wie die Fliegen gebannt an jeder Zeile. Die Frage nach dem WIE es dazu kommen konnte, wo doch diese Tragödie mit Weitblick und Umsicht zu verhindern gewesen wäre, verstärkt zwar die Dramatik, spielt aber schon bald keine Rolle mehr. Andere Fragestellungen drängen sich auf:

Wie weit gehen wir um unser eigenes Überleben zu sichern? Heute wie damals? Der Mensch als Tier? Ist Wahrheit wirklich nur das was nützt?

Zum ersten Mal ist es mir schwer gefallen eine Rezension zu schreiben, X-Mal habe ich sie korrgiert. Ich habe das Gefühl, weder diesem Roman noch den Ereignissen mit meinen Worten gerecht werden zu können. Was ich aber tun kann ist, denen die noch unentschlossen sind, Mut zu machen diese unglaubliche Geschichte selbst zu lesen und zu erleben, was sie mit uns macht …

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