Da sind wir (Graham Swift)

Und ist der Zirkus noch so klein, einer muss der August sein. Vielleicht ist das am Schwersten, ist das der schwerste Job, im Zirkus. Der Clown sein. Alle erwarten stets, dass man sie zum Lachen bringt. Das man lustig ist. Frohgemut und leicht muss man wirken, gleich welchen Kummer man selbst mit sich herum trägt. Vielleicht ist auch deshalb ein trauriger Clown für uns so schwer zu ertragen. Weil unsere Illusion davon, dass es einen gibt dem es immer gut geht, der in allem stets das Positive sieht, an dem tränenden Blick eines Clowns zerbricht …

“Er brauchte sich nicht in einen anderen zu verwandeln. Es warf die lähmende Frage auf, wer er überhaupt war und es gab diese einfache Antwort: Niemand. Er war ein niemand und wo? Nirgendwo.”

Textzitat Graham Swift Da sind wir

Da sind wir von Graham Swift

Brighton, im August 1959. 

Jack Robins, 28 Jahre alt. Zwölf Jahre Bühnenerfahrung. Sein Kostüm trug er wie eine zweite Haut, genauso wie seinen Spazierstock und die Steppschuhe. Hier und heute war Jack, der Conferencier der Show. Allabendlich musste er sich einen Schubs geben, um über die Linie ins Licht zu treten. Damit, wenn die Zuschauer seiner gewahr wurden, ihr Gemurmel verstummen konnte, ihre Aufmerksamkeit gleich ungeteilt den Künstlern zu teil werden konnte.

The Show must go on. Hier in Brighton und anderswo. Mit Jongleuren und Tellerdrehern, mit Bauchrednern, die ihrem Teddy die Hand in den Hintern schoben, in einem klassischen Seebad-Varieté. Jack war, stand er erst im Kreis der Scheinwerfer, der perfekte Gastgeber. Er sorgte für anhaltende Ferienlaune unter den Gästen. Machte Witze, manchmal auch schlüpfrige, zeigte eigene Nummern. 

Sein bester Freund Ronnie, mit ihm war er beim Militär gewesen, hatte sich eine Partnerin angelacht, auf Jacks Geheiß wohlgemerkt, und die beiden waren jetzt auch mit von der Partie. Nach wenig zauberhaften Zeiten öffnete sich ihnen jetzt, allen dreien, Jack, Ronnie und Eve eine Karriere. Alles hätte gut sein, hätte gut werden können,  wären da nicht ein Verlobungsring und eine ganz große Nummer dazwischen gekommen …

Graham Swift, geboren 1949 in London, wird zu den Stars der britischen Gegenwartsliteratur gerechnet. 1996 wurde er für “Letzte Runde” mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Augenzwinkernd erzählt er in seinem Roman “Da sind wir” von einer Dreiecksbeziehung, aber keineswegs so, dass er es am notwendigen Ernst mangeln lässt, auch nachdenkliche Töne vermag er bei aller Heiterkeit anzuschlagen. Gleich ob er vom Umgang mit Erfolglosigkeit, von Verlust oder schmerzhafter Veränderung erzählt, jede Situation begegnet Swift mit leichter Hand und er steuert seine Figuren umsichtig durch die Untiefen ihrer Leben.

Interessant fand ich die Blickwechsel die Swift mir bietet. Im Kern wäre seine Geschichte schnell erzählt, ihr Aufbau und ihre Erzählweise aber machen sie besonders. Immer im Spiegel zwischen Eigen-und Fremdbild, im Abgleich zu dem Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen macht, lässt er seine  Hauptfiguren agieren und so erzählt er auch. Wir sehen was wir sehen, oder zu sehen glauben …

Keep your sunny side up. Immer nur lächeln, immer vergnügt. Ein Papagei namens Pablo, ein weißes Taschentuch, gefaltet und verstaut. Nicht gewaschen, denn es enthält die Tränen und den Schmerz eines ganz bestimmten Tages. 

Verdunklung, Bombennächte und Kinderverschickung. Wie Gestirne, wie Planeten auf ihren Umlaufbahnen bewegen sich Jack, Ronnie und Evie umeinander. Swift holt weit aus, zeigt uns woher seine Helden kommen, wer sie als Kinder gewesen sind. Wer und was sie zu denen hat werden lassen, die sie heute sind. Das macht er äußerst sprachgewandt, kurzweilig und feinsinnig und Susanne Höbel ist eine einfühlsame Übersetzung ins Deutsche gelungen.

Ein Vater wird auf See vermisst und eine Mutter vermisst ihren Sohn, der des Krieges wegen in die freundlich liebevolle Obhut Fremder gegeben werden musste.

Die Bretter, die die Welt bedeuten. Zauberstäbe, solche die auch wirklich funktionieren gibt es nicht. Leider. Und da Zauberer auch kein anerkannter Ausbildungsberuf ist, respektive in den 1950zigern war, trifft Ronnie das Unverständnis seiner Mutter mit voller Wucht.

Da helfen auch keine dampfenden Teetassen, oder ein Kostüm aus Nichts und Federn, mit langen weißen Handschuhe und eine Tiara.

Vielleicht aber eine Erbschaft, Hokuspokus-Wörter und eine banale Zeitungsannonce, sie führt zwei Menschen zusammen. Auf der Bühne war man ein anderer. Aus Ronnie & Evie werden auf der Bühne Pablo & Eve. Jeden Abend zersägt werden ist irgendwie auch ein Knochenjob, aber ein total angesagter seinerzeit.

Ich stehe hier hinter dem Vorhang, am Bühnenrand und darf quasi als V.I.P. die Verwandlung dieser drei jeden Tag miterleben. In einer Welt aus Schein und Oberflächlichkeit, Glitzer, Glamour und Ablenkung verbergen sich diese drei Figuren, die Swift mir reihum näher bringt, die er Schicht um Schicht für mich herausarbeitet. Bis ihre Verbindung zueinander für mich klar wird.

Evie – Muse, Quelle der Inspiration, Ehefrau, Revuetänzerin und klug kalkulierende Geschäftsfrau.

Jack – Frauenschwarm, begabter Schauspieler mit erstaunlichem Tiefgang, Varietékünstler, bemerkenswert treuer Ehemann. 

Ronnie – Zauberlehrling, Zauberstabschwenker, Meister der Illusion, Verlobter. Zwei Kindheiten, eine davon verdrängt, ein Vater auf dem Meeresgrund. Handelsmarine.

Was wäre die Show ohne ihn? Die Show das war er. Ein Bummel auf der Strandpromenade. Ich ergattere Freikarten. Ein Hauch von Ferien liegt in der Luft. 

Ein Balanceakt auf dem schmalen Grad zwischen Zauberei und Magie. Ich betrete eine Welt die anderen Gesetzen folgt. Es geht um eine Nummer, um DIE eine Nummer, die sie unvergesslich, ja unsterblich machen würde …

Dem Papagei auf dem Cover bin ich auch begegnet. Gleich zweifach. Er steht für das was man verliert. Für das was fortan fehlt und für das was man nicht vergessen kann. 

Jeder hütet mindestens ein Geheimnis. Diese drei hier hüten auch eines und Mr. Swift webt seinen Plot geschickt um ES herum, spart das Beste auf bis zum Schluß. Ablenkung, Tusch – was er dann aus dem Hut zieht ist mehr, weit mehr als das sprichwörtliche Kaninchen …

Das ist magisch. Ich sitze im abgedunkelten Zuschauerraum. Schaue auf die Bühne. In ihrer Mitte steht ein von einem Scheinwerfer erhellte kleiner Tisch. Darauf ein Glas Wasser. Die Spannung im Saal, man kann sie mit Händen greifen. Ich merke, wie auch ich die Luft anhalte. Ihr wollt wissen, was als nächstes geschieht? Na, dann, warten in der ungekürzten Lesung 5 Stunden und 41 zauberhafte Minuten auf Euch, Euer Conferencier ist …

Ulrich Noethen, geboren 1959, Schauspieler, Hörbuchsprecher, 2017 ausgezeichnet mit dem Deutschen Hörbuchpreis, entführt in diese Welt des Varietés und er ist ihr Direktor, nicht nur stimmlich. Er nahm mich bei der Hand wie ein Kind, das sich mit großen Augen staunend um- und zu ihm aufschaut. Er kennt sich hier aus. Er kennt die Figuren besser, als sie sich selbst kennen, habe ich bisweilen den Eindruck.

Meister der Satzpausen, Herr über das stimmliche Feingefühl. Mit seiner Art des Vortrages hat er mir ein großes Hörvergnügen beschert. Profi durch und durch ist er eine passgenaue Besetzung und harmoniert ganz wunderbar mit diesem Text. Manchmal meinte ich ihn mit Frack und Zylinder vor mir zu sehen. Wie ein wahrer Zirkusdirektor, aufrecht und stattlich, ein Herr und Kavalier alter Schule. Seit dem ersten Lockdown, vor bald einem Jahr, war ich in keinem Theater, in keiner Show mehr. Hier durfte ich in Gedanken Platz nehmen. Gänzlich angst- und virenfrei. Dankeschön dafür. Ich verneige mich!

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