An der Grasnarbe (Mirjam Wittig)

Reicht es die Tapete zu wechseln um sein Leben wieder klar zu sehen?
Eröffnet die Einfachheit der Dinge einen Horizont den man bisher nicht gesehen hat? Vielleicht. Auf jeden Fall hilft es zu sprechen. Wenn jemand zuhört. Und es ist immer hilfreich zuzuhören, wenn die Natur zu uns zu sprechen versucht. Zu uns, die wir ihre Sprache offenbar verlernt haben. Wir, die wir uns in eine Sprachlosigkeit ergeben haben, die sicherstellt, dass wir unsere Komfortzone nicht verlassen müssen …

An der Grasnarbe von Mirjam Wittig

Noa war geflohen. Ausgerechnet sie, die anderen Flüchtenden hatte helfen wollen. Mit Sprachkursen und Freiwilligendienst. Geflohen vor ihrer Angst, die sich zu einer Störung ausgewachsen hatte. Gelandet ist sie in einer Bergerie in Frankreich, zwischen Wolle, Lämmern, Wurzelgemüse und in einem baufälligen Haus, mit undichtem Dach, am Ende eines Winters. Bei den Auswanderern Ella, Gregor und ihrer Tochter Jade, die mit altklugem Blick sehr genau betrachtet, welchen Weg die Eltern da für sie vorgezeichnet haben. Eltern, die für mich kurz vor der Kapitulation stehen, ohne es sich einzugestehen. Die sich soviel vorgenommen hatten. Und auch wieder nicht. Weil sie mit wenig hatten zufrieden sein und zurecht kommen wollen …

Jetzt kocht sie also ein, die Noa, statt als Restaurateurin für alte Artefakte mit Pinselstrichen die Zeit aufzufrischen, rafft Steine vom Acker bis ihr die Knochen schmerzen und hütet Schafe. Bietet auf dem Markt feil, was Küche und Keller hergeben und kämpft. Mit Schuldgefühlen, Scham und Widersprüchen, so wie ihre Gastfamilie mit den Unbilden des Wetters, der Trockenheit und Märzstürmen, die sich mehr und mehr zur Existenzbedrohung auswachsen …

“Die Hitze setzte uns an seidenen Fäden in die flirrende Luft.”

Textzitat Mirjam Wittig An der Grasnarbe

Herbstkind, schau, das Unkraut wächst. Überall. Zum Rupfen braucht es manchmal mehr als Hände.

Mirabellen warten mit dem Reifwerden nicht bis zur Ernte. Falten auf der Stirn, Wölfe mit hängender Zunge. Freiwillig eine Magd sein ist nicht genug. Oder ein Eremit. Es braucht mehr als Optimismus und mehr als Kompromissbereitschaft um hier auszuharren.

Sich Entziehen versus Aktionismus. Ein gelebter Traum von Selbstversorgung und Autarkismus ist alles andere als politisch. Dafür harte Arbeit. Jeden Tag.

Mirjam Wittig, geboren 1966, studierte unter anderem literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim. An der Grasnarbe ist ihr, bereits vor dem Erscheinen ausgezeichneter Debütroman, und zählt zu den Novitäten dieses Frühlings.

Leicht spröde, manchmal fragmentarisch erzählt Wittig von einer Welt im Wandel, in einer nicht näher bestimmten Gegenwart. An ihren Sätzen stieß ich mich dabei ebenso, wie sie mich zur Ruhe kommen ließen. Ich für meinen Teil habe ihre phasenweise etwas sperrigen Satzbilder, mit all ihren Gegensätzen, als bereichernd empfunden. So wie Noa. Die überlegt, ob sie bleiben will wo sie ist. Ob ihr gut tut was sie da macht. Wird sie loslassen können was sie belastet? Mir scheint ja, sie findet eher neue Probleme, als das sie alte auflösen kann. Wie kann das auch gehen, wenn man ihren wachen Blick für die Dinge hat, ihr nachdenkliches Herz? Eine wunderbar zerrissene Figur ist der Autorin da gelungen. Eine, die auf der Suche ist und doch längst gefunden hat wonach sie nicht gesucht hat. Einsicht.

Wer Wittig liest, kann das Gras hören, ohne mit dem Ohr an seinen Narben zu lauschen, dort wo es raschelnd vertrocknet, unter einer sengenden Sonne, die zu früh kommt nach dem Winter und zu lange bleibt in diesem Frühjahr.

In der Luft liegt für mich nicht der Duft von Rosmarin, wie oft im Süden Frankreichs, dem Handlungsort der Geschichte üblich, sondern ein Tornado über Lippstadt und einer über Paderborn. Ich war auf dem Rückweg von der Nordsee, hatte diesen Roman wie ein Omen im Reisegepäck, schrammte zum Glück nur die Ausläufer des Geschehens, bin aber mehr als erschrocken darüber, ist doch die Sturzflut im Ahrtal, nahe meiner Heimat, noch nicht einmal ein Jahr her und im Roman fällt in Stunden die komplette Regenmenge vom Himmel, die Paris in einem ganzen Jahr erwarten darf.

“Mehr als ein Fluss war der Fluss geworden, so nah: die braune walzende Fläche, die Wirbel darin, geknickte Bäume, die Äste umgefaltet gegen den Strich, was hatte ich mir dabei eigentlich -ich war als Letzte mit dem Wetter, mit dem Fluss, ich war als Letzte übrig.”

Textzitat Mirjam Wittig An der Grasnarbe

Begriffe wie “Jahrhundertereignis” haben wir schnell zur Hand, wenn es darum geht zu relativieren, was wir lieber nicht glauben wollen. Das sich solche Wetterphänomene mit einer Häufigkeit wiederholen und auch uns und unsere Nachbarn treffen können. Mit unabsehbaren Folgen.

Wie viel muss uns geschehen bis wir entscheiden entschieden zu handeln? Bis wir den Wandel, den unser Klima längst genommen hat akzeptieren? Kümmern sich politisch Verantwortliche gerade um das Schließen einer drohenden Energieversorgungslücke, ist von Verzicht, dem Energiesparen oder gar einem Tempolimit, wenig bis nichts zu hören. Kann diese Rechnung aufgehen?

Ohne großes Vorgeplänkel verwickelt uns Mirjam Wittig nicht nur in Noas Geschichte sondern in eine, die auch unsere eigene ist. Längst. Dafür brauchen wir das Gras nicht wachsen hören. Für unsere Umwelt tragen wir alleine und gemeinsam die Verantwortung. Ob wir wollen oder nicht. Dieser Roman setzt uns auf die Anklagebank, ohne Anklage. Die Strafe für unser Wirken und dessen Auswirkungen, zahlen wir ja längst ab. Mit Starkregen, Staubstürmen und Gewitterfronten. Aufgeben aber ist keine Option, auch wenn der Kampf aussichtslos scheint, weil noch zu vielen das Bewusstsein dafür fehlt. Ähnlich im Roman, wo die einen, wie Anja, ihr Vergnügen einfordern, während die anderen sich sorgen. 

Mit ruhiger Hand komponiert Mirjam Wittig diesen Text, unaufgeregt und eloquent verzichtet sie auf drastische Wendungen und große Dramen, auch wenn Noa sich mehr als einmal ängstlich über die Schulter schaut und von einem tragischen Autounfall, einem verlorenen Schaf, so wie jeder Menge Überforderung die Rede ist. Wittig bleibt mit ihrer introvertiert-warmherzigen Heldin im Detail, es geht ihr um die kleinen Dinge, Wertschätzung und empathische Beobachtung. So schafft es Noa nach und nach das Sichfremdfühlen abzustreifen, sich mit der Elfjährigen im Gasthaushalt anzufreunden, sich ein bisschen weniger zu schämen und lernt wieder besser mit sich alleine sein zu können.

Mir hat das gefallen. Stilistisch, Noa als Hauptfigur und der ungeschönte Blick der Autorin, der durch die Grasbüschel mit dem Zaunpfahl winkt. Wittigs Ton, die Klarheit, alle Launen und die Atmosphäre. Sie lässt da einiges zwischen ihren Zeilen stehen. Was ich immer mag. Macht eine Gewissheit aber überdeutlich: Jede notwendige Veränderung beginnt stets mit einem ersten Schritt. Der Verstand zeigt uns auf was möglich ist, und die Vernunft was nötig. Immer.

Mein Dank geht an den Suhrkamp Verlag für dieses Besprechungsexemplar.

Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.