Äquator (Antonin Varenne)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 01.07.2018

Ein Experiment. Zwei Leser. Zwei Meinungen. Eine Rezension.

Eine Premiere in Petras Bücher-Apotheke.

Wie es uns beiden, Andreas und Petra, beim gemeinsamen Lesen ergangen ist? Kann ein Roman Männlein und Weiblein gleichermaßen ansprechen haben wir uns gefragt? Wer liest was heraus, wem gefällt was am besten? Neugierig? Dann lest mir, wir sinnieren über:

Äquator von Antonin Varenne

Das meint Andreas:

Wir schreiben das Jahr 1871. Das Jahr, in dem Deutschland mit Frankreich im Clinch lag und nach dem Ende der Auseinandersetzung in Deutschland ein Kaiser gekrönt wurde, Kaiser Wilhelm I. Das nur so viel zur Einordnung der Jahreszahl, die deutsche Geschichte betreffend. Jetzt springen wir über den atlantischen Ozean, in die Vereinigten Staaten von Amerika. Diese haben ihren Bürgerkrieg, der 600.000 Amerikaner das Leben kostete, hinter sich und die entscheidenden Indianerkämpfe noch vor sich. Häuptling Seattle hat in einer eindrücklichen Rede 1854 den Niedergang seines Volkes bereits erkannt: “Es gab eine Zeit, da bevölkerten wir das ganze Land, so wie die Wellen des windgekräuselten Meeres über den muschelübesäten Meeresgrund rollen doch bald wird mein Volk versiegen, wie der fallende Wasserspiegel, der nicht mehr steigt” ….. aber das ist eine andere Erzählung.

Aber kehren wir zunächst wieder zurück nach 1871, zu einer Zeit, in der Städte entstanden, die den Namen von Präsidenten trugen, zum Beispiel Lincoln in Nebraska. Dort nimmt die Geschichte von Pete Ferguson ihren Anfang. Wir werden ihn und sein treues Pferd Reunion 8.000 km lang begleiten auf seinem Weg als Reiter, Schiffsreisender, Wanderer, bis an sein Ende. Bis an das Ende seines Weges, nicht seiner Abenteuer ……

Petra erzählt von:

Nebraska, irgendwo in den Plains. Sechzehn Tage im Sattel waren die Männer schon in der Prärie unterwegs. Kein einziger Büffel hatte sich ihnen in diesem endlosen Meer aus Halmen bisher gezeigt. Immer seltener waren die großen Herden geworden, immer versprengter fand man die Tiere in den weiten Ebenen. Vom Militär reichlich mit Waffen und Munition ausgestattet waren die Jäger aufgebrochen. Zu Handlagern gemacht. Es störte sie nicht, dass sie mit ihrer Jagd auf die gewaltigen Tiere den noch frei lebenden Indianern die Nahrungsgrundlage entzogen, sie damit in die Reservate trieben wie Vieh. Sie sahen nur die Felle, das Geld das sie ihnen einbringen würden. Pete Ferguson hatte sich ihnen unter einem seiner falschen Namen als Billy Webb angeschlossen, war hier untergetaucht auf der Flucht nach seiner letzten Schießerei mit Todesfolge. Wie ein Geschenk Gottes empfanden sie jetzt diese Begegnung, es mussten mehr als einhundertvierzig Bisons sein, die da gelassen grasten. Die Ernte konnte beginnen. Wie die Berserker trieben die Jäger ihre Pferde zwischen die Herde, zuerst erwischte es die Jungtiere, dann die tonnenschweren Bullen, die Kühe.

Schon am folgenden Tag lag ein Gestank über der Ebene, der den Männern die Tränen in die Augen trieb. Die gehäuteten Kadaver verwesten bereits, am Abend würde man Teile von ihnen mit Strichnin versetzen, um die Wölfe die in der Nacht kamen ebenfalls noch “abzuernten”, denn auch ihre Felle brachten gutes Geld …

“Immer eine Waffe in der Hand haben, töten, um zu leben, tagelang die Hände in Fleisch tauchen, die Überlebenden eines Bürgerkriegs sein, keine Familie und kein Heim haben – das alles machte aus den Bisonjägern schweigsame Männer, denen im Wind der Plains die Tränen die Wangen hinabliefen, heimgesucht von bösen Erinnerungen. Es machte sie zu Menschen, die im Kontakt mit ihresgleichen eher ängstlich als gefährlich waren.” (Textzitat Seite 65).

Andreas findet:

Obwohl hier Pferde, Komantscheros, Büffel, Gewehre und Pistolen im Spiel sind, ist das Buch kein Western, wie wir ihn aus vielen Filmen mit John Wayne, Richard Widmark und anderen kennen. Es ist eher das “Roadmovie” eines jungen Mannes, der auf der Suche ist nach Vergebung, nach Sinn, nach Halt. Mit ihm bereisen wir einen Teil, einen gewaltigen Teil von Amerika. Wir lernen Menschen kennen, mit denen er die letzten Büffelherden sucht und jagt. 30 Millionen Büffel gab es seinerzeit. Genug zu jagen für Jedermann, bis schließlich nur noch etwa 1.000 Tiere übrig waren. Sehr eindrücklich wird im Buch diese Jagd und die danach folgende Arbeit geschildert.

Auf seinem weiteren Weg lernt Pete die unterschiedlichsten Ureinwohner kennen, die um ihre Rechte, ums Überleben ihrer Kultur kämpfen. Er wird in einen Staatsstreich verstrickt und lernt eine Indiofrau kennen, die ihn zunächst eher unfreiwillig begleitet. Ein Glück für ihn, wie sich später noch zeigen wird …

Nach einer überstürzten Abreise führt ihn sein Weg in den Vorhof zur Hölle,zur Île du Diable, vor der Küste Französisch-Guayanas. Hier haben die Franzosen ihre Strafgefangenen versteckt. Getreu dem Motto, was ich nicht sehe, regt mich nicht auf, hat man die Straftäter hierher verfrachtet. Innerhalb des ersten Jahres der Gefangenschaft starb fast die Hälfte der Inhaftierten. Übrigens: Als Vorbild für diese Strafkolonie diente England, welches damals 162.000 Verurteilte nach Australien verschiffte. Für mich fängt in Französisch Guayana der interessanteste Teil dieser Reise an.

Was Petra meint:

Antonin Varenne, studierte Philosophie in Paris, mit den wichtigsten französischen Krimipreisen wurden seine Werke ausgezeichnet, sie waren wochenlang zu Gast auf der KrimiZeit-Bestenliste. Sein Verlag gibt an, dass er schon Hochhauskletterer und Zimmermann war, in Island, Mexico und USA gearbeitet hat. In den USA hat er dann auch seinen ersten Roman geschrieben. “Die sieben Leben des Arthur Bowman” habe ich mir noch vorgemerkt, auch hier agiert Varenne wohl ebenso wie in seinem “Äquator” genreübergreifend und das macht richtig Laune. Sprachlich ist er weit weniger rauh unterwegs, als einen dieser Plot vielleicht vermuten läßt. Im Gegenteil, nachdenklich und sehr szenisch beschreibt er die Haltung der damaligen Machthungrigen und Konquistadoren. Unfassbar welche Verbrechen an den Ureinwohnern Nord-und Südamerikas man sich damals so gönnte!

Es vermischen sich die Genre, erst mutet die Geschichte wie ein Western an, modern erzählt, um dann den Schwenk zum guten alten Abenteuerroman zu machen. Ihre Helden sind zerrissen, ihre Ambitionen durchaus auch politisch motiviert. Beginn und Ende der Geschichte haben mich an Kevin Costners “Der mit dem Wolf tanzt” denken lassen, Szenen aus “Papillon” blitzten ebenfalls auf, das garniert mit einer Prise “lasst uns eine neue Welt entdecken”.

Ausgerottet, als Kanonenfutter missbraucht, oder auf riesigen Kakao-oder Kaffeeplantagen versklavt. Der Sinn dieser Plantagenwirtschaft sollte sich dabei den unterdrückten Indios nie erschließen, in ihrem Wertekatalog kam es einfach nicht vor, mehr anzubauen als man selbst verbrauchen konnte. In der Hoffnung sich retten zu können gingen sie Mischehen ein, eine neue Ethnie wurde geboren, die Mestizen.

Varenne nimmt uns mit, mit seinen Waldläufern, berichtet von Fluchten, Leichtsinn und unerfüllten Träumen. Gemeinsam erleben wir Saloon-Schlägereien, befreien wir Galgenvögel in franz. Guyana, werden seekrank, überstehen mit knapper Not eine Meuterei. Wild und wagemutig durchquert er mit uns den tropfnassen Dschungel von Brasilien, wo sich Blutegel in unsere Waden verbeissen, uns Insekten stechen, deren Namen wir nicht einmal kennen. Bunt und überbordend erleben wir diese urwüchsige Welt, der mächtige Amazonas, sein Delta, versunkene Städte, rastlos, atemlos, staunend – Brasilien war definitiv meine Lieblings-Etappe.

Sein Held Pete Ferguson wirkt auf mich seltsam fremdgesteuert und getrieben. Wie der Queue eine Billardkugel stoßen ihn das Handeln der anderen Hin und Her. Der Fluss des Lebens reißt ihn mit, wie ein Stück Treibholz, spült ihn mal ans Ufer, nimmt ihn dann wieder mit. Nicht einmal das Ziel dieser Reise der “Äquator” ist sein eigener Traum. Sogar ihn hat er von einem Gefährten geliehen, diesen Traum vom Nabel der Welt, ihrer Taille. Hier soll sich die Welt anders herum drehen, das Wasser der Flüsse aufwärts fließen, die Vögel sollen hier zu Fuß gehen und die Menschen Steine in den Taschen tragen um nicht davonzufliegen – so sagen sie. Hier wo alles besser ist, wo sich der zivilisierte Norden vom wilden Süden trennte …

In diese Geschichte sind Briefe eingestreut, oder sind es doch eher Tagebucheinträge? Pete schreibt an sich selbst, an den Bruder, den er zurückgelassen hat. An die Eltern, an Lebende und an Tote, an die, die er liebt und vermisst. Dabei sind Bindungen doch eher nicht so sein Ding? Hier lebt Varenne seine philosophische Ader aus und in diesem Zusammenhang habe ich auch eine meiner Lieblingsstellen gefunden:

“Manchmal brauchte es den Bleistift und die Langsamkeit der Finger, damit die Worte kamen. Manchmal fand er es leichter, sie sich vorzustellen, ohne die aufs Papier gebrachten Buchstaben überprüfen zu müssen.” (Textzitat Seite 210).

Andreas fragt sich:

Wie weit muss ein Mensch gehen, bis er das Gesuchte findet? Genügt es nicht auch, einfach einmal die Sicht auf die Dinge zu verändern?

“Sein Bruder hatte stets das Gute in jedem Menschen sehen wollen, während Pete immer nur instinktiv das Böse gewittert hatte. Sie hatten nicht die gleiche Art, sich vor der Welt zu schützen” (Textzitat Seite 404).

Unser Held wird Antworten finden und beinahe sein Leben verlieren. Nicht jedes Buch schafft es, dass, wenn ich mich an es erinnere, ein Glöckchen in mir klingt und sich automatisch ein vertrautes Gefühl einstellt. Dieser Roman wird sich lange in meinem Gedächtnis halten, denn er schmeckt für mich nach Sehnsucht, Zufriedenheit und Heimat …

 

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