Die Büglerin (Heinrich Steinfest)

Sonntag, 24.06.2018

Für die Einen ist es Entspannung für die anderen eine Strafe: Das Bügeln. Wo ich da selbst stehe? Es kommt darauf an, würde ich mal sagen. Es gibt Tage da genieße ich es, mich auf meine Wäsche zu konzentrieren, da hat das Schaffen von äußerer Ordnung etwas klärendes, ja meditatives für mich und es gibt Tage, da ist mir diese Pflicht einfach nur lästig. Das kommt Euch bekannt vor? Dann habt ihr sicherlich auch, wie ich Verständnis für Antonia Schreiber, die ich euch hier vorstellen darf. Für sie ist der Job als Büglerin in einem Haushalt reicher Leute eine Strafe und genau das soll er auch sein. Wofür sie sich mit diesem selbst gewählten Job und Lebensweg bestrafen will? Schaut mal …

Die Büglerin (Heinrich Steinfest)

Wien in den siebziger Jahren. Der Fenstersturz eines krebskranken Katers war es, der Tonias Vater millionenschwer machte. Das nur, weil er zur rechten Zeit am rechten Ort war, wie man so schön sagt, den Blick nach oben gerichtet, die Arme ausgetreckt, hatte er den Kater aufgefangen, der auf dem Balkonkasten balancierend, ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt war. Sein Frauchen war so dermaßen dankbar, dass sie wenig später versterbend, aber rechtzeitig ihr Testament ändernd, genau ihn mit zehn Millionen Schilling bedachte. Gemeinsam mit seiner Frau investierte er einen Teil dieses unverhofften Erbes in eine Yacht und die Beiden studierten Meeresbiologen brachen auf in ein neues Leben, sammelten Proben in aller Welt, widmeten sich scheinbar sorglos ihrem Beruf und Hobby…

Die Nachricht vom Tod beider Eltern erreichte Antonia im Internat. Nicht ganz klar war den Behörden, wie zwei so erfahrene Segler überhaupt in einen solchen Sturm geraten und mit Stumpf und Stiel sinken konnten. Antonia, die noch bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr mit den Eltern zusammen auf deren Yacht gelebt hatte verstand auch nur eines, sie war jetzt allein. So allein aber dann doch nicht, denn wie schnell im Erblass-Verfahren klar wurde, Tonia hatte noch eine Halbschwester, deren Mutter jetzt, nach dem Tod des gemeinsamen Vaters Ansprüche geltend machte. Gegen alle Regeln und Befürchtungen freundeten sich die beiden jungen Frauen an, zogen sogar zusammen und als Hannah schwanger wurde, wurde Tonia Patentante, das mit Leib und Seele.

Der Schuß kam gar nicht unvermittelt, Tonia hatte ihn kommen sehen und genau das machte es so schlimm. Sie hatte es nicht verhindern können. Im dunklen Kinosaal brach sofort Panik aus und ihr Patenkind lag vor ihr am Boden, blutend und reglos …

Heinrich Steinfest; geb. 1961 in Australien, aufgewachsen in Wien, lebt heute als Maler und Schriftsteller in Stuttgart. Als mehrfacher Gewinner des deutschen Krimipreises, schrieb er sich 2014 mit seinem Roman “Der Allesforscher” auf die Shortlist des deutschen Buchpreises. 2016 gewann er mit “Das Leben und Sterben der Flugzeuge” (liegt jetzt auf meinem SuB!) den bayrischen Buchpreis. Man feiert ihn als den “deutschsprachigen Murakami”, seiner Figuren wegen, die irgendwie nicht ganz von dieser Welt sind …

Glück und Unglück liegen in diesem, seinem aktuellen Roman, ganz nah beieinander. Dabei mutet er seiner Hauptfigur so einiges zu. Sie wird Zeuge wie ihr Patenkind erschossen wird, die Motive des Täters bleiben im Verborgenen und sie wird das Gefühl nicht los, das sie diese Tat hätte verhindern können, ihre Nichte hätte beschützen müssen. Alles gibt sie auf, ein Leben im Wohlstand, dass es ihr ermöglicht hat zu tun was sie will. Ihre Beziehung zur Halbschwester und Mutter der toten Emilie zerbricht.

Bügelfaltenperfekt hingegen ist das Leben vieler ihrer Dienstherren, das sie seltsam Abstand wahrend betrachtet, obgleich sie mit Hingabe deren Wäsche pflegt. Ganz und gar nicht perfekt ist das Leben des Gemüsehändlers Dyballa, den Tonia beim morgendlichen Joggen kennenlernt, die vorsichtige Annäherung der beiden läuft ihrem Vorhaben langsam aber sicher zu wider, keine Bindungen mehr eingehen zu wollen. Humorvoll lässt Steinfest die Bälle zwischen den beiden hin und her fliegen, lässt Tonia endlich etwas zur Ruhe kommen, scheucht sie dann aber wieder auf, an einem Tag, an dem er sie im Wäschekorb einer Kundin ein Herrenhemd finden lässt, auf dessen Brusttasche ein Motiv eingestickt ist, dass Tonia schon einmal gesehen hat. Damals im Leichenschauhaus, als Tattoo auf der Brust des Mörders von Emilie.

Etwas überspitzt vielleicht fährt Steinfest in seinem Roman mit seiner Hauptfigur Antonia “Schlitten”. Nicht immer habe ich ihm geglaubt, was er da über die Gefühlswelt dieser Frau schreibt, ein bisschen ist es wohl halt so, wenn Männer über Frauen schreiben. Autsch, aber das musste ich jetzt doch loswerden. Sein Roman hat mir dennoch gefallen, ich stehe ja auf die “schrägen Typen” in Geschichten und davon gibt es hier gleich zwei, die sich wunderbar ergänzen, Tonia und Dyballa sind wie der Topf und der sprichwörtliche Deckel.

Steinfest spielt Schicksal, gibt dem Leben von Antonia eine völlig neue, radikal andere Richtung. Proaktiv nimmt sie nach dem Tod ihrer Nichte einen neuen Anlauf, versucht Steuermann an Deck ihres Lebensschiffes zu bleiben.

Wie selektiv die eigene Wahrnehmung doch oft ist, auch in Bezug auf die eigene Schuld. Was man sich bisweilen auflädt, wie wenig man bereit ist, sich selbst zu verzeihen. Wie wichtig und wertvoll Abgrenzung zum Selbstschutz sein kann. Das man Freunde, oder Verbündete auch dort und dann finden kann, wo man sie am wenigsten erwartet. So leuchtet die Hoffnung, rot wie die Mohnblumen auf einem Weizenfeld, aus diesen Buchseiten heraus.

Mein Fazit:

Die Geschichte dieser etwas verdreht wirkenden Frau ist ganz und gar abseits des Gewöhnlichen. Steinfest hält sich dabei gar nicht so sehr mit ihrem Schmerz auf, er lässt uns vielmehr mit erleben, wie man ein Schicksal meistern kann. Dies ebenso, wie die Tatsache, das man wegweisende Ereignisse nicht ignorieren kann. Das man sich ihnen stellen muss, vielleicht auch in den Weg um am Ende mit heiler Haut aus ihnen hervorzugehen. Das man seinen eigenen Weg gehen muss, unbeirrt auch wenn Steigungen und Hindernisse in unwegsam machen.

Mit dem Aufzeigen, dass die Rückkehr zur Einfachheit im eigenen Lebensentwurf auch ein Schlüssel sein kann, klärend und erleichternd, damit folgt er einem Trendgefühl, welches wir in der heutigen Gesellschaft alle nur zu gerne ausleben würden. So kompliziert, so reizüberflutet wie unser aller Alltag vielfach ist. Würden wir nicht alle allzu gerne die Zügel fest in die Hand nehmen, daran ziehen, um den Galopp mit dem unser Leben bisweilen mit uns dahin prescht abzubremsen? Seine Hauptfigur macht das, konsequent und beherzt. Wir alle haben dieses Licht und diese innere Kraft in uns, manchmal hilft ein Löffelchen Mut um es wieder zum Leuchten zu bringen.

So wirkt diese Geschichte im Schrank meiner Bücher-Apotheke wie ein Mutmacher. Wer sich also ein Rezept dafür ausstellen möchte, ist mit Heinrich Steinfest, so meine ich, gut beraten.

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