Wer in meinem Herzen wohnt (Emily Dickinson)

illustriert von Sonia Maria Luce Possentini

Hope‘ is the thing with feathers, Hoffnung ist das Ding mit Federn, lautet die erste Textzeile des vielleicht bekanntesten Gedicht von Emily Dickinson. Leicht ist die Hoffnung, wie eine Feder, zart, in unserer Seele verborgen und nimmer müde. Was für ein tröstliches Bild, das diese zu Lebzeiten unbekannte Dichterin, die mit nur fünfundvierzig Jahren verstarb, deren Leben von Krankheit und Vereinsamung überschattet war, die ab dem Alter von zwanzig Jahren nur noch weiße Kleider trug und ihr Zimmer nur selten verließ, da für uns mit Worten zeichnet.

Emily Dickinson, wurde ihren Eltern als eines von drei Kindern am 10. Dezember 1830 in Amherst/ Massachusets geboren, wo sie ihr ganzes Leben zurückgezogenes Leben verbrachte. Sie verstarb am 15. Mai 1886. Gemäß ihrer Anweisung hatte ihre Schwester Vinnie nach ihrem Tod alle ihre Gedichte zu verbrennen. Was sie zum Glück für uns nicht tat, als sie das Ausmaß des Schaffens Emilys erkannte. 1891, fünf Jahre nach Dikinsons Tod, erschien in einer Sammlung, aus ihrem Heft Nr. 13, so auch Hoffnung ist das Ding mit Federn. Nur sieben von insgesamt eintausendsiebenhundertfünfundziebzig Gedichten wurden zu Dickinsons Lebzeiten veröffentlicht. Einige davon teilte sie, die persönliche Begegnungen scheute, in Briefen mit Freunden und Verwandten. Die meisten machte erst ihre Schwester der Öffentlichkeit zugänglich.

Auch wenn sie als eine der einflussreichsten und bedeutsamsten amerikanischen Dichterinnen gilt, ihr selbst war Sichtbarkeit nie wichtig. Sie legte keinen Wert auf Ruhm, verließ ihr Zimmer nur selten, hier enstanden in aller Heimlichkeit nahezu alle ihre Gedichte. Heute Museum und zugänglich, versuchen darüberhinaus, Verfilmungen diese eigenwillige Frau zu fassen, ihren Schreibrausch abzubilden, ihre Todesursache bleibt dabei im Unklaren. Von einem Nierenleiden ist offiziell die Rede. Ein Leben lang war Dickinson angeschlagen. Vielleicht hätte man ihr heute eine Depression attestiert.

Bilder oder Fotos gibt es von der Frau, die im Verborgenen lebte, nur eines, das verifiziert ist. Streng trägt sie darauf ihr Haar aus dem Gesicht und zu einem Knoten gebunden. Wie konnte sie, die so oft alleine blieb einem Gedicht im Original den Titel geben Alone, I cannot be –? Wen meinte sie um sich zu haben wenn sie schrieb? Dieser Gedanke, wie auch ihr Schreiben, haben für mich einen Hauch Zwischenweltlichkeit und nicht nur für mich.

Sonia Maria Luce Possentini, in Canossa geboren, lebt und pendelt heute zwischen Canossa und Pigneto sul Secchia, studierte Kunstgeschichte und Illustration in Bologna, stellte als preisgekrönte Malerin und Illustratorin sowohl im Kollektiv als auch allein aus, veröffentlicht ihre Werke in Bildbänden und auf Buchumschlägen, sie zeigt Emiliy Dickinsons Gedicht Wer in meinem Herzen wohnt in dieser Buchausgabe genau so. Ätherisch schön.

Sie kleidet es in traumhaft luzide Bilder. So ist ein wunderschönes Bilderbuch für Erwachsene entstanden, das etwa seit Mitte des Monats erhältlich ist und bei DRESSLERillustro verlegt wurde. Ich bedanke mich herzlich für dieses Besprechungsexemplar.

Die Zartheit von Dickinsons Worte hüllt Possentini darin in Aquarelle wie in Schleier, bildet so eine Verwundbarkeit und Zärtlichkeit ab, die mich sehr berührt hat. Dieses Buch möchte uns einen Moment der Stille schenken und es gelingt. Schon bevor ich es aufschlagen konnte, wollte mein Blick auf dem traumhaften Cover verbleiben, mit den Augen sanft darüber streichen. Mit dem Covermotiv eröffnet ein Bilderreigen, dessen Farben gedeckt, eher kühl sind. Wie durchscheinend.

Dickinsons Verse, die ins Unendliche weisen, zeitlos sind, werden von Possentinis Bildern getragen wie auf Händen. Was für eine schöne Idee Lyrik auf diese Weise einzurahmen. Vertont kenne ich so manches Gedicht, dass dann oft ganz anders klingt. Hier erzählen Bilder Zwischenzeiliges, dass ich ohne sie so gar nicht gelesen hätte. Geisterhaftes, flatterhaftes, schemenhaftes, heftet sich an die Silben von Dickinson, vertieft ihre Sätze. Rührt mich an, lässt mich beim Betrachten tief durchatmen. Erstaunt aufschauen. Geniessen.

Besagtes Gedicht zitiere ich nachfolgend, ein paar Fotos aus dem Buchinneren füge ich als Collage ein, um Euch eine Idee davon zu geben, welch Geschenk, welches Kleinod, man hier in Händen hält. 

Wer in meinem Herzen wohnt - 
aus dem Englischen von Mirko Bonné

Allein, kann ich nicht sein -
Mich suchen Massen heim -
Gesellschaft nur zum Schein -
Und Schlüssel nein -

Niemand trägt Tracht noch Namen
Kein Land - zeitlich kein Rahmen
Könnten sonstwo wohnen
Gleich Gnomen -

Ihr Kommen sagt mir
Voraus wohl mancher Bote -
Ihr Gehen - gibt's nicht -
Denn sie gingen nie -

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