Wo die Wölfe sind (Charlotte McConaghy)

Die Schmerzen anderer spüren wie eigenen Schmerz, nicht sinnbildlich gesprochen, sondern wortwörtlich, das vermögen Menschen, denen man einen Überschuss an Spiegelneuronen attestiert. Wer an der Mirror Touch Synästhesie leidet hat ein so hoch sensibel ausgeprägtes empathisches Empfinden, dass es sich zur Qual auswachsen kann. Diese Personen empfinden teils sogar bei Berührung von unbelebten Objekten oder bei Beobachtung selbst körperlich. Synästhesie gilt als sehr seltene neurologische Störung, mit einer Verbreitung von um die zwei Prozent unter uns Menschen und ich begegne ihr in dieser Geschichte zum ersten Mal, wollte zunächst gar nicht glauben was ich da höre …

Wo die Wölfe sind von Charlotte McConaghy 

Das Reich des Jägers war das seine. Die Messer, das Blut, dieser Geruch danach, der den Vater stets umgab. Daran erinnert sich Inti Flynn noch heute. Sie war gerade mal acht Jahre alt, als er sie dabei zusehen ließ wie er ein Tier ausweidete, einen Hasen um genau zu sein. Ihre Schwester hatte unbedingt dabei sein wollen, nicht ahnend, dass Inti dabei in Stücke zerspringen würde …

Wölfe sind Geschöpfe der Nacht. Dies ist ihr Reich. Mit gelben Augen leuchten sie in ihm, tasten mit samtenen Pfoten den Waldboden ab. Bleiben auf der Hut und zum Sprung bereit. Sie sind ein lebendiger Mythos und die Biologin Inti Flynn liebt sie, diese verkannten Tiere und dieses Auswilderungsprojekt in den schottischen Highlands scheint wie für sie gemacht. Wäre da nicht die Ur-Angst, die die Menschen seit alters her vor diesen Wildtieren haben und ihre, Intis Krankheit.

Neurologen haben sie ihr als Mirror Touch Synästhesie erklärt und damit ihr Anderssein. Sie konnte von Kindesbeinen an nicht nur die Empfindungen anderer Menschen, sondern auch die von Tieren körperlich spüren, geriet dadurch mehr als einmal an ihre Grenzen, verschob sie immer wieder auf’s Neue, musste von vorne beginnen, sich abgrenzen um aushalten zu können …

Dafür, das Ökosystem Wald in den schottischen Highlands wiederzubeleben, kämpft sie als erwachsene Frau. Was ja Aussicht auf Erfolg haben könnte, wenn der Mensch nicht dem Menschen ein Wolf wäre. So trifft sie mit ihrer Mission nicht nur auf reichlich Schafe sondern auch auf viele besorgte Bauern, und als Projektleiterin und chronisch schlechtgelaunte Tochter einer australischen Mutter, wirkt sie auch nicht gerade deeskalierend. Die ersten Probleme sind also schon da bevor sie mit den Tieren ankommt und das nächste lässt nicht lange auf sich warten:

Ein Mann ist tot. Nicht der freundlichste Genosse im Tal und den Wölfen die Schuld zu geben scheint das Naheliegendste. Aber ist es das wirklich? Wie gut kennt man einander und wie lang ist der Arm einer Vergangenheit, die nicht ruhen will. Eine Hetzjagd beginnt. Feindbilder stehen wie in Stein gemeißelt. Innere Dämonen nehmen Anlauf …

Charlotte McConaghy, geboren 1988 in Irland, lebt und schreibt heute in Sydney. Ihre Leidenschaft für die Natur- und Tierwelt, sowie ihre Sorge um die Auswirkungen des Klimawandels treiben ihr Schreiben um. Mit ihrem Roman Die Zugvögel landete sie einen New York Times Bestseller und was habe ich diese Geschichte geliebt! Ihren Ton, die Stimmung, diese Heldin. Kann Charlotte McConaghy diesen Erfolg wiederholen ohne sich zu wiederholen?

Diesmal erzählt sie uns von dem Versuch ein nachhaltiges Leben zu führen, sich selbst zu versorgen aus Wald und Garten am Beispiel von Intis Vater. Der seine beiden Töchter in dem Geist erzieht einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, Verantwortung zu übernehmen um die Schöpfung zu bewahren. Mit dem Ergebnis, dass seine Mädels, besonders Inti, sich dem Wald so verbunden fühlen, als sei der ein Teil ihrer Familie. Sie packt uns aber noch einiges mehr ein und das ist nicht gerade leicht verdaulich. Eine geschätzte Konstante darf ich wieder treffen, und trotz ihr kann diese Geschichte, und jetzt greife ich etwas vor, für mich nicht zu den Zugvögeln aufschließen:

Eva Meckbach, geboren 26. Januar 1981, Theater-und Filmschauspielerin, die mich schon in der ersten Geschichte von McConaghy komplett hat abholen können, liest auch diesmal und das macht sie ausgezeichnet. Ausgezeichnet wurde sie auch, und zwar mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2019, Kategorie “Beste Interpretin“, für ihre Romanlesung von Annette HessDeutsches Haus.

Meckbach versteht es die Schönheit der beschriebenen Naturlandschaften mit einer Sanftheit zu betonen, die mir die Hügel und Täler Schottlands vor mein geistiges Auge holt. Ihre Stimme trägt den Wind, der über die Heide streicht bis zu mir, er weht mich an, so wie Deine strahlende Leidenschaft für Wölfe, Inti. Deine Freude über den ersten Wurf in Freiheit, Deine Trauer, Deine Hände auf dem grauen Fell eines toten Wolfes, Deinen hell lodernden Zorn. Tanja Handels hat den Text Deiner Autorin ins Deutsche übertragen und das ist ihr sehr gut gelungen.

Beiden zu applaudieren will ich nicht vergessen bevor ich mit Dir weiter mache und mit Deiner Schwester, Inti. Denn Eure Beziehungen sind toxisch und das verträgt sich für mich einfach nicht mit dem Nature-Writing-Anspruch Deiner Autorin. So, jetzt ist es raus.

Verdammt, Inti Flynn und was mache ich jetzt? Alles fing so gut an. Der Zauber der Zugvögel war sprachlich direkt wieder präsent, die Highlands, Alaska, die Wälder Britisch Columbias, Telefonate mit Australien, ich war sofort mitten drin. Du, stehst Deiner Vorgängerin Franny in nichts nach, bist so herrlich kautzig, stehst Deine Frau in dieser Landschaft, die so rau und unverstellt ist. Deine Wölfe – einmal Raubtier immer Raubtier, Deine Krankheit (unglaublich, dass es so etwas gibt!) ist Fluch und Segen zugleich. Dein Backround ist geheimnisvoll. Deine Zwillingsschwester nicht minder. Dann lernst Du diesen Kerl kennen und der Zauber der Zugvögel, der zu Beginn zu spüren war, ist verflogen.

Ich fühle mich verloren, so wie Du, Inti. Aber aus einem anderen Grund.

Du erzählst mir von Jägern, die zu Gejagten werden, sagst Dominanz hat nichts mit Größe oder aggressivem Verhalten zu tun und ich glaube Dir. Ich verstehe, dass mit Deiner Krankheit Nähe zulassen ein Problem ist. Aber was soll das jetzt bitte mit den aufgeschlitzten Hälsen und dieser Sturzgeburt im Wald. Ei weh!

So viele Themen bindet Deine Autorin ein, alle bedeutsam, ok. Aber warum wird das, was mich in die Geschichte geholt hat plötzlich zur Nebensache? Ich dachte es geht um die Wölfe und nicht um häusliche Gewalt, (und diese Szenen sind wirklich brutal!). Auch das Erzählrouting Deiner Autorin kann für mich bei Weitem nicht mit dem aus ihrem Vorgängerroman mithalten, genau das hatte mich seinerzeit so begeistert. Diesmal muss ich mich mit Rückblenden bescheiden und ich hatte schon so eine Ahnung worauf es hinausläuft. Als sich alle Puzzleteile fügen, schließt sich der Kreis in Sachen arg konstruiert und Vorhersehbarkeit für mich.

Sorry, aber dieser wilde Mix aus Umweltfaschismus, Krimi, Liebesgeschichte, Traumata und Leerstellen war mir einfach zu viel. Zuviel Drama hatte es auch. Und leider, Klischees.

Goodbye, Inti Flynn, Du hast mich vielleicht auf dem falschen Fuß erwischt. Aber bei allem sprachlichen Balsam fehlte mir einfach unter Deinen Wölfen die sanfte Wucht der Zugvögel. Verzeih, ich weiß, wer vergleicht, dem geht das Glück verloren, das Glück eine Geschichte unbefangen zu erobern. Mag sein, dass das hier für mich auch Teil des Problems war. Die Geschichte um Franny und die Zugvögel fand ich einfach thematisch klarer und sie hallt, des Themas und ihrer Tonalität wegen, eben immer noch in mir nach. Du, liebe Inti, stehst Franny was Mut, Entschlossenheit, Eigenwilligkeit und Charisma anbelangt in keinsterweise nach. Dafür mochte ich auch Dich.

Summa Summarum aber nehme ich jetzt meine Enttäuschung, die letzten Silben und lasse Dich in den Highlands zurück. Die nächste Geschichte von Deiner Autorin werde ich wohl auslassen. Manchmal hilft ja Abstand um das Vergleichen lassen zu können …

Mein Dank geht an den Argon Verlag für dieses Besprechungsexemplar. Mehr Infos zum Titel nach einem Klick:

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