Welkes Blatt (Hermann Hesse)

Freitag, 28.12.2018

Die Zeit zwischen den Jahren ist eine besondere, alles scheint seltsam in der Schwebe gehalten. Mit dem alten Jahr hat man noch nicht ganz abgeschlossen, erledigt noch schnell was man nicht mitnehmen will, wirft unnötigen Ballast über Bord. Ein ganzes noch ungelebtes Jahr liegt jetzt vor uns, weiß wie ein unbeschriebenes Blatt.

Auch die Natur scheint noch den Atem anzuhalten und während der Winterwind noch immer eisig an den Bäumen reißt, kann er doch nicht verhindern, dass die Tage langsam wieder länger werden, und das ich jetzt am Ende des zweiten Wintermonats zaghaft an den Frühling denke, während welkes Laub in unserem Garten umherwirbelt …

Welkes Blatt (Hermann Hesse)

Jede Blüte will zu Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

(Quelle: Die Gedichte, Hermann Hesse, Insel Taschenbuch)
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