Wedora (2) – Schatten und Tod (Markus Heitz)

Sonntag, 10.09.2017

Das Abenteuer geht weiter!

Habt Ihr Eure Trinkflaschen gut gefüllt? Vorräte verstaut? Kompaß und Gesichtsmaske für den Ritt durch den aufziehenden Sandsturm griffbereit? Die Angst vor elefantengroßen Echsen als Reittiere zu Hause gelassen? Ein Mittel gegen Skorpionbisse zur Hand? Eure Ausdauer trainiert? Denn es kann ein bischen dauern, bis wir mit unserer Karawane in Wedora ankommen. Oasen gibt es in diesem Teil der Wüste nicht mehr. Dafür sengende Hitze, giftige Skorpione und man erzählt sich, es lauern Räuber in den Dünen, Spione verbergen sich in den Schatten. Die Händler berichten gar ein Krieg ziehe auf. Ob ich unserem Führer noch trauen kann? Ich hoffe darauf, schließlich ist er der beste Hexer der Stadt. Trotzdem, kommt, wir werden uns jetzt besser anseilen, damit der heraufziehende Sturm uns nicht fort trägt. Ist das eine Fata Morgana? Bleibt immer dicht hinter mir, es kann jetzt nicht mehr weit sein, ich meine die Türme der Festung Sandwacht in der Ferne schon zu sehen …

Wedora (2) – Markus Heitz

Der Kara Buran lag wie eine Drohung über der Stadt. Der heftige Sturm rüttelte an den Fensterläden, drang durch Ritzen und Spalten der Mauern bis ins Innere der Häuser. Er fegte wütend durch die Gassen, trieb den Sand sirrend an. In alle Poren, in Augen, Ohren und Münder drang er ein. Den Unvorsichtigen schmirgelte er die Haut ab, er schlug sie mit Blindheit, Taubheit oder dem Erstickungstod. Die feinen Sandkörnchen vermischten sich wie Dunst mit der Luft, verdunkelten die Sonne, die Nacht-Gestirne, die Tageszeiten waren nicht mehr bestimmbar. Das öffentliche Leben war zum Erliegen gekommen. Für wie lange vermochte niemand zu sagen, das war jedesmal anders und diesmal schien der Sandsturm eben erst Atem geholt zu haben …

Und Liothan? Er haderte derweil mit seiner neuen Karriere. Seine Ausbildung als Hexer, die der ehemalige Holzfäller und Gauner begonnen hatte, raubte ihm den letzten Nerv. Turmhoch stabelten sich die Lehrbücher um ihn herum und nichts, aber auch gar nichts von dem, was dort geschrieben stand, wollte zwischen seinen grauen Zellen haften bleiben. Das und die Langeweile waren es, die ihn schließlich in die Kellergewölbe des Hauses getrieben hatten, das ihm als Erbe zugefallen war. Was er jetzt nach dem Abstieg in diesen Schacht entdeckte, machte selbst ihn sprachlos. Vor ihm lag das riesige Wasser-Reservoire, das die Wüsten-Stadt und ihre Bewohner am Leben hielt. Eine Zisterne mit klasglarem, smaragdfarbenem Wasser. Kühl und schimmernd. Unglaublich! Von seinem Haus aus hatte er einen direkten Zugang zu dem umkämpften Heiligtum, den geheimen Grotten. Wer in Wedora den Zugang zum Wasser hatte, der hatte auch die Macht über die Stadt. In Liothan keimte eine Idee auf und ein unheilvoller Pakt wurde besiegelt …

Und Tomeija? Der Herrscher von Wedora hatte sie offenbar eindeutig auf dem Kieker. Auf die Probe hatte er sie gestellt, sie danach mit neuen Befugnissen ausgestattet und entsandt. Nach Sandwacht. In der geheimnisumwitterten Festung am Rand der Stadt, sollte sie einen Mord aufklären der innerhalb seines Heeres geschehen war. Eine junge Aufklärungspilotin war tot, die Aufzeichnungen ihres letzten Fluges verschwunden. Der Kommandant von Sandwacht mauerte und nicht nur er. Standesdünkel, Überheblichkeit, Machtspiele, hier herrschten eigene Gesetze, das war Tomejia sehr schnell klar. Ganz wie ihr wollt! Sie konnte nach allen Regeln spielen, war erst einmal ihr Jagdinstinkt geweckt. Was Tomejia nicht wußte – der Mörder hatte sie längst auf seinem Radar …

Markus Heitz – bereits mehrfach mit dem deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet, auch in diesem Jahr zählt er zu den Gewinnern und zwar mit der Comic-Version seiner “Zwerge”. Gratuliere!

Mich begeistert der Ideenreichtum dieses sympatischen Autors nach wie vor. Immer wenn mir der Alltag zuviel wird, tauche ich gern ab in die Fantasy, bei ihm weiß ich mich dabei stets in guten Händen. Die Figuren die er erschafft gehören für mich zu den Ausgebufftesten, seine Wesen zu den Phantasievollsten. Diesmal baut er sogar Steam-Punk-Elemente in sein Wüstenabenteuer mit ein. Das Sandmeer durchqueren im dichten Körnertreiben metallene, tierähnliche Gefährte. Geheimnisvolle Heiler erschaffen aus Leichenteilen neue Wesen. Überlebensgroße Echsen mit einem unbestimmbaren Eigenleben fungieren als Reittiere.

In den unterschiedlichen Vierteln der Stadt läßt Heitz uns auf Märkten bummeln, Leckereien kosten, in Teestuben einkehren, Kunsthandwerker bestaunen. Eine satte, farbenfrohe Kulisse schafft er damit gleichermaßen für seine Abenteurer und seine Leser, respektive Hörer. Und immer wieder die Wüste, wunderschön, lebensfeindlich, schier unendlich. Das Böse darin sorgt dabei für eine grenzenlose Ausweitung des erstickenden Sandes …

Wie schon im ersten Teil läßt Heitz seine beiden Hauptfiguren Liothan und Tomejia wieder zu Gegenspielern werden, stehen sie doch einmal mehr oder immer noch, auf zwei verschiedenen Seiten des Gesetzes. Alte Freunde, beschützende Schatten und neue Verbündete brauchen beide. Werden beide mit heiler Haut davon und ihren Neidern entkommen sein, wenn der Kara Buran sich dieses Mal gelegt hat? Auf welcher Seite steht eigentlich Wedoras Herrscher? Spuk, Legende oder allmächtiger Tyrann?

Wo der Feind steht, ist schwer auszumachen. Komplotte, Intrigen, erbitterte Kämpfe zwischen Krämerseelen und Wüstenvölkern um das lebenserhaltende Naß sind entbrannt. Befeuert und gestützt durch magische Waffen. Schlachtschiffe, Tsunamis und Eis brechen sich an der Stadtbefestigung Wedoras. Alle Wetter! High Noon in der Wüste. Die Geschichte gipfelt in einem wahren Spezialfeffekte-Feuerwerk.

Actiongeladen, einfallsreich, spannend und kurzweilig, kurz ein echter Heitz! Ein starker zweiter Teil.

Die Reihe um die Wüsten-Handelsstadt Wedora ist als Zweiteiler angelegt, demnach könnte die Geschichte auch hier ein Ende finden, könnte …

Hörbuch-Fassung:

Uve Teschner & Markus Heitz = Dreamteam!

Diesmal ist Uve Teschner stimmlich noch tiefer abgestiegen in das Reich des Unheils und der Bestien. Kehlig, unheimlich und dunkel klingt seine Stimme, wenn unser Held Liothan sich in der Kaverne unter der Stadt verirrt hat. Teschner hört und fühlt sich stellenweise an, als spräche er direkt aus dem Schlund der Hölle. Das ist Gänsehaut pur! Verpaßt Heitz seinen Figuren auch bisweilen unaussprechliche Namen, Teschner hält Schritt und meistert diese Zungenbrecher virtuos. Er ist der Grund, warum ich mittlerweile keinen Heitz-Roman mehr lese, sondern nur noch höre! Hut ab!

Wer mit dem ersten Teil von Wedoras Geschichte anfangen möchte, findet auch hierzu eine Rezension auf meiner Seite unter dem 27.02.2017. Gute Reise! Kommt mir ja wieder heil zurück!

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