Vox (Christina Dalcher)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 24.01.2018

Wie wichtig ist es mir eigentlich eine Stimme zu haben? Meine Stimme erheben zu können, dann wann ich es will? So viele Worte benutzen zu können wie ich mag und die, die ich mag? Meine Meinung offen sagen zu können? Damit beschäftige ich mich im Alltag gar nicht, weil – es selbstverständlich ist, es tun zu können. Gehör und Beachtung zu finden, weil es keine Rolle spielt, auch nicht, dass ich als Frau es sage, sondern das ICH es sage. Weil meine Meinung zählt, mein Empfinden und meine Einschätzung. Dafür erfahre ich Wertschätzung, bin im Austausch, kann führen, Dinge bewegen, mich einbringen, privat und im Beruf. Mit Herz, Verstand und Leidenschaft.

Was wäre, wenn man mir das nähme? Die Antwort ist leicht – ich würde eingehen wie eine Primel!

Christina Dalcher geht in ihrem Roman VOX einem Ansatz nach, der auch mich auf den ersten Blick im Wortsinn sprachlos gemacht hat …

VOX (Christina Dalcher)

Es geschah schleichend, später sollten alle sagen, man habe es nicht kommen sehen …

Erst wurden den Frauen und Mädchen nach der Amtsübernahme des neuen Präsidenten Passverlängerungen abgelehnt. Die Landesgrenzen wurden geschlossen, die Mauer nach Mexiko fertig gestellt. So wurden sie zu Gefangenen im eigenen Land. Dann wurde aus dem “Bible Belt”, der in den Südstaaten fußte, allmählich ein Ganz-Körperkorsett, und die religiöse Überzeugung übernahm das Regieren.
Weibliche Abgeordnete verschwanden aus dem Parlament und Anforderungen wie “Zustimmung des Ehemannes erforderlich” wurden Normalität. Als die Handgelenk-Bänder, die Wortzähler, für die Mädchen und Frauen, und damit einhergehend eine Begrenzung auf 100 gesprochene Wörter am Tag für sie eingeführt wurden, Bestrafung mittels Stromschlägen bei Übertretung inklusive, verstummte nahezu alles weibliche wortwörtlich.
Lediglich Rechnen, Haushaltsführung und Gebären war für sie noch vorgesehen, dafür brauchte es ja keine Worte und der Rest der Welt schaute dieser neuen Unterordnungs-Hierarchie “Gott – Mann – Frau” tatenlos zu …

Die “reinen Frauen” wurden sie genannt und es gab bei ihnen solche die noch reiner waren als rein. Mit Dauerlächeln ausgestattet, demütig gesenktem Kopf, sich vor Männern stets verbeugend, eine Bibel in der richtigen Fassung griffbereit, hatten sie ihre Geschlechtsgenossinnen, gleich ober Kollegin oder Nachbarin immer wachsam im Blick …

Christina Dalcher, promovierte in theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust, sie weiß also genau, wovon Sie uns hier erzählt. Die gebürtige Amerikanerin pendelt heute zwischen den Südstaaten und Neapel und verarbeitet auch diese Zweistaatlichkeit in ihrem Roman VOX.

Hass ist ein starkes Gefühl und ein großes, hartes Wort, dass es hier zwischen Frauen und Männern zum Hass kommt, ist quasi eine Zwangsläufigkeit.

Erschreckend ist es sich zu erlesen, wie schnell sich das Verhältnis von Jean, der Hauptfigur zu ihrem ältesten Sohn verändert und sich ein beinahe heiliger Zorn der Mutter bemächtigt. Eine Gehirnwäsche vom Feinstem wird ihrem Sohn da in seinen neuen Schulkursen verpaßt, Intervention der Mutter zwecklos. Diese ‘”Lehren” lassen ihn sehr rasch ein gänzlich neues Frauenbild verinnerlichen und er äußert dies unverblümt, auch und besonders gegenüber der eigenen Mutter. Das ist schon harter Tobak!

Jean McClellan, die Protagonistin, hat drei Jungs und eine kleine Tochter, Sonja, die sie verzweifelt zu schützen versucht. Mit dem was ihr an Möglichkeiten noch bleibt, teilweise muss sie auch gegen die eigenen Söhne einschreiten, weil auch sie sich immer häufiger mit Verbalattacken gegen ihre Schwester wenden. In der Schule verstrickt man unterdessen die Mädchen in Wettbewerbe, die sogar die belohnen, die am wenigsten sprechen. So verstummt Jeans Tochter immer mehr und ist am Ende mit drei gesprochenen Worten am Tag völlig glücklich. Erschreckend!

Jetzt könnte man ja noch meinen, Zeichensprache wäre eine Alternative für die Frauen und Mädchen, aber auch das steht unter Strafe und man arbeitet schon an einer Weiterentwicklung der Wortzähl-Armbänder, an einer Art Handschuh, der dann auch Fingerbewegungen würde mit aufzeichnen können und verpflichtend zu tragen sein würde. Oh, Mann!

Homosexualität wird geheilt, bzw. man bringt gleichgeschlechtliche Paare auf Linie, indem man ihnen gemeinsame Kinder wegnimmt und Verwandten zuführt und den “biologischen” Elternteil eines solchen Paares erneut in eine “normale” Partnerschaft produktiv zwangsverheiratet. Längst stecken jede Menge Frauen in Lagern, dieses Staatsgebilde kann nur Monsterhirnen entsprungen sein. Wie löst man ein Ticket aus dieser Hölle?

Die Vision, die die Autorin hier zeichnet, vom Rückfall der USA in eine puritanische, von viktorianischen Werten geprägte Nation, bibeltreu und frauenverachtend, kann einen wirklich auf die Palme bringen. Was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn ganze Teile von ihr, wie hier die Frauen, mundtot gemacht werden, wird drastisch dargestellt. Wie sich die Kinder dabei in diesem neuen Wertekontext entwickeln gibt einem eine Ahnung davon, wie formbar die nachwachsende Generation bei solchen Prozessen ist und erinnert mich an den Roman “Die Welle” von Morton Rhue, der 1981 erschienen ist und der unfassbar glaubwürdig von einem Experiment erzählt, das einen Rechtsruck an einer US-Highschool verursacht und so sehr anschaulich verdeutlicht, dass dies jederzeit und in jeder Gemeinschaft passieren kann.

Wie sich in diesem Roman eine aufgeklärte Gesellschaft rückwärts entwickelt und wie ein fanatischer Regent versucht die ganze Welt mit seinem Gift anzustecken, dies einmal jenseits von Islamismus- und Antisemitismus-Debatten zu betrachten, hat schon was.

Dalcher startet auch stark in diesen Roman, in einen Plot mit viel Potential, politisch ambitioniert, medizinisch gut recherchiert, baut zunächst eine Spannung auf, die einen frösteln und vor Empörung aufstöhnen läßt. Dieser Idee bin ich gerne gefolgt, hätte mir dann aber gewünscht, dass sie ihre Möglichkeiten auch ausschöpft und bis zum Schluss konstruktiv weiter entwickelt.

Insgesamt, finde ich aber, haftet der Geschichte leider eine gewisse Trägheit an und es entwickeln sich schon nach dem ersten Drittel Längen, die sich situativ nur durch die entstehenden Spannungen zwischen den Geschlechtern überbrücken lassen. Das allein ist für mich für eine spannende Dystopie nicht ausreichend, zumal sie sich zum Ende hin von der Grundaussage her verliert.

Dalcher löst zudem für mich zu actionbetont und zu sehr in der Manier eines amerikanischen “Blockbusters” auf. Setzt einen Schwerpunkt dann eher in einer Dreiecksbeziehung statt bei ihrem politischen Kern zu bleiben. Da fehlte für mich am Ende nur der Applaus der Umstehenden … Schade.

Die Hörbuch-Fassung, schlägt in der autorisierten Lesefassung mit 7h und 50 Minuten zu Buche, wird gelesen von der Schauspielerin und Autorin Andrea Sawatzky, und sie macht das sehr gut, ausgesprochen natürlich und unverkrampft, mit einer ganz leichten Grundempörung, die sie den gesamten Text über trägt und ihn damit stützt. So verleiht sie der Hauptfigur zusätzlich Glaubwürdigkeit, ich mag ihre etwas tiefere Stimme und die Klarheit mit der sie spricht, die hier auch thematisch sehr gut zu dem dystopischen Setting paßt.

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2 Kommentare

  1. Petra
    24. Januar 2019

    Liebe Dorothee, nachdem Du bei Lehanes aktuellem Roman das Ende schon eher als filmreif empfunden hast, würde ich sagen, das diese Geschichte vielleicht eher für Dich nicht so paßt. Im Bereich Dystopie würde ich Dir da eher die Hochhausspringerin ans Herz legen wollen. LG von Petra

  2. Dorothee
    24. Januar 2019

    Danke für Deine Einschätzung…der Plot klingt verstörend-interessant, aber Deine Rezi lässt mich doch zögern, ob ich DAS lesen “muss”!
    Liebe Grüße- Dorothee

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