Die Hungrigen und die Satten (Timur Vermes)

Sonntag, 27.01.2019

Verzweiflung trifft auf eine Welle der Hilfsbereitschaft, aber auch auf Angst und Überforderung. Ein System läuft heiß, eine Staatengemeinschaft wird auf die Probe gestellt, ob sie denn auch wirklich belastbar ist.

Wir alle haben die Bilder der letzten großen Flüchtlingswelle noch im Kopf. An den Grenzen zu Österreich und Deutschland spielten sich Szenen ab, die wir bis heute nicht vergessen haben. Politisch und diplomatisch sucht man noch immer innerhalb und außerhalb Europas nach Lösungen. Schlepper, die den Verzweifelten alles abnehmen was sie haben und noch mehr, suchen derweil nach immer neuen Wegen, während weiterhin voll besetzte Flüchtlingsboote an die Grenzen Italiens und Spaniens branden, wenn sie es denn bis dort hin schaffen.

In die Hungrigen und die Satten greift Timur Vermes diese Thematik auf und überführt sie in ein Szenario, das erschreckender nicht sein könnte und wer ihn kennt weiß, mit welch spitzer Feder er dies zu tun versteht:

Europa in naher Zukunft.

Als zu viele Flüchtlinge in die Boote stiegen und Europa fluteten, hatte man zunächst beschlossen das Mittelmeer zu schließen, nur um festzustellen, dass man ein verwinkeltes Meer nicht einfach so schließen konnte und man die Grenzen doch wieder auf’s Festland verlegen musste. Man entschied sich für Afrika, errichtete dort eine Grenze, bestückte sie mit Lagern, um die zurückzuhalten, die dem Wohlstand Europas so machtvoll entgegen drängten. Südlich der Sahara verlief jetzt eine zweite Grenzlinie und hier kamen nur noch “Spitzenschlepper” durch, die auch entsprechend abkassierten.

Über zwei Millionen Menschen lebten hier. Seit rund 15 Jahren bestand jetzt dieses “Super-Lager” in dem Handy-Ladestationen die neuen Wasserlöcher waren. Finanziert von den Vereinten Nationen und den Europäern gewährte es den Insassen ein Mindestmaß an Sicherheit, weshalb es auch einen solch hohen Zulauf erfuhr. Zur Untätigkeit verdammt harrte man hier aus, in einem eigentlich unbewohnbaren Teil der Welt.

Hübsch, naiv, unsäglich, anstrengend = Nadeche Hackenbusch. Ihre scripted Doku mit ihr als “Engel im Elend” war im letzten Jahr durch die Decke gegangen und jetzt konnte sie sich alles erlauben. Davon hatte sie immer geträumt. Sie war eine Werbemaschine, vom Aussehen her wie geschaffen für die Quote, mit Beinen bis zu den Ohren, einer vielseitigen Oberweite, die sich auch mal dezent weg kaschieren ließ, ausgestattet mit einem Gesicht, das normal und auffällig zu gleich war. Ein Original, eine echte Marke war sie. Ehrgeizig bis zum Anschlag, wollte sie jetzt in die “Gottschalk-Liga” der Moderatoren aufsteigen.

Was haben dieses Flüchtlingslager und die “Quoten-Queen” Hackenbusch miteinander zu tun? Na, ein Serien-Spezial in eben diesem Mega-Flüchtlingslager plante ihr Sender mit ihr. Der erster Auslandseinsatz sollte das für sie werden und Frau Hackenbusch, Zicke mit gepflegten Allüren, übernahm den Job anfangs zwar widerstrebend, machte ihn dann aber so gut, dass die Weltöffentlichkeit und die Politik die Ohren zu spitzen begann.

Mit der ersten Staffel aus Afrika erreichte sie eine tägliche Quote von zehn Millionen Zuschauern, das war soviel wie beim Münsteraner Tatort, und offenbar bahnte sich da auch vor aller Augen noch eine Romanze an, mit dem jungen Mann nämlich, den man aus den Reihen der Lager-Insassen als ihren Führer gecastet hatte. Was dieser Mann für ein Glücksgriff zu sein schien! Attraktiv war er und schlaue, nachdenkliche Sprüche zog er scheinbar so mühelos aus dem Hut wie ein Zauberer sein Kaninchen. Zuschauer-Herz was willst Du mehr!

In Staffel zwei wollte, nein musste man da jetzt noch einen drauf setzen und das “wie-soll-das-gehen” war plötzlich sonnenklar. “Zehntausend Kilometer für die Liebe” – unter dieser Überschrift setzte sich ein Flüchtlingszug in Afrika in Richtung Deutschland in Gang, an der Spitze den Klingelbeutel fest in der Hand, unsere Nadeche!

Kamera-Drohnen umschwirrten ihre Köpfe. Lieferten ihre Bilder in ein mittlerweile aufgeheiztes Deutschland zu den Politikern, die jetzt Entscheidungen treffen mussten um die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Das nachdem sich Dresden und München bereits radikalisiert hatten, wöchentlich gingen hier Demonstranten auf die Straße. Bei einer spontanen Demo in Berlin zählte die Polizei 100.000 Menschen, der rechte Rand erstarkte. 300.000 waren es in Dortmund. Es kam zu Hamsterkäufen.

Während man skandierte: “Statt Spendengeld und Sojamehl, Mauerbau und Schießbefehl” oder auch “Helm auf, Feuer frei – mehr Rechte für die Polizei,” (Textzitat) präsentierte der neue deutsche Innenminister, kleidsam in eine schußsichere Weste gewandet, die neu geschaffenen Befestigungsanlagen an den Außengrenzen, die GSG9 im Schlepptau, nicht ahnend, das er hier sein persönliches Waterloo erleben würde …

Timur Vermes, räumte 2012 mit seinem Roman-Debüt “Er ist wieder da” den Spitzenplatz der Bestsellerlisten ab und hielt sich dort zwanzig Wochen lang. Mir ist damals ganz übel geworden, angesichts der Möglichkeiten, die Vermes so dermaßen anschaulich in seinem satirischen Roman aufzeigte. Uns die Frage stellte, wie es denn wohl wäre, wenn sich ein begnadeter Demagoge wie Adolf Hitler mit heutigen medialen Möglichkeiten verbreiten könnte …

Jetzt nach sechs Jahren legt der Journalist Vermes nach und beschäftigt sich dieses Mal mit der Flüchtlingskrise, dies im Zusammenhang mit unserem Fernseh- und Politzirkus. Was Klischees angeht, langt er kräftig zu, so ist ein Staatsekretär hier schon mal dem männlichen Geschlecht zugewandt, lebt in Berlin auf zweihundertfünfzig Quadratmetern mit Dachterrasse und seinem neuen, deutlich jüngeren Freund einem “Hello Kitty Fan”.

Mit leichter Hand erzählt er, flüssig und unterhaltsam, pointiert, mal ironisch, mal lakonisch. Ich mag seine Schreibe einfach, weil sie irgendwie auch so eine Unverschämtheit hat, eine Unverfrorenheit, die Dinge beim Namen zu nennen. Weil er unerschrocken Tabus angeht, und man jeder Zeile journalistisches Handwerk anmerkt.

Und wie er Hackenbuschs Englisch anlegt ist der reine Wahnsinn. Sie radebrecht und verunglimpft Grammatik und Aussprache, dass sich einem die Fußnägel aufrollen. Kostprobe?

“Sit you down that must you hear”! – “You can it do not know!” – ” I am so up on hunderteighty.” – “No, I can you not away taken!” (Textzitat)

Während der Volkszorn zu sieden beginnt, die Republik nach rechts rückt und eskaliert, verschärft auch Vermes Tempo und Dramatik. Was leichtfüssig und seltsam arglos beginnt, gipfelt in Szenen die niemand sehen, oder gar erleben will. Die schwer zu ertragen sind und an denen die Beteiligten auch schwer tragen. Er gibt seiner Handlung eine wachsende Dynamik, die einen mitreißt, den Kopf schütteln lässt. empört, und einen wie eine Klette an der Geschichte kleben läßt.

Daran hat er einen großen Anteil:

Christoph Maria Herbst, liest uns, nein lebt uns kongenial diese Hörbuch-Fassung vor, macht sie damit für mich zu meinem ersten Hörlight in 2019. Der Stromberg-Darsteller zieht hier alle Register seines Könnens. Ich verehre ihn sowohl als Schauspieler, als auch als Hörbuchsprecher, weil er viel mehr kann, als nur “der Kasper” sein. Stets kann man bei ihm, durch seine Intonation, noch zwischen den Zeilen lesen, so hebt er eine Satire nochmals auf eine andere Ebene.

Ob einfühlsam, differenzierend, oder bissig, er ist wie gemacht für Vermes’ Texte. Gestaltet sie lebendig und nahbar, abwechslungsreich und durchaus auch mit leisen Tönen, da wo sie hin gehören. Er “denglischt” das ich mich wegwerfen könnte, frotzelt, hetzt und spottet. Wie oft ich laut aufgelacht habe, kann ich nicht mehr zählen.

Wie er die Hackenbusch gibt ist einfach zum Wegwerfen, die nervige Oberzicke sieht man plastisch vor sich. Das ist Kopfkino pur!

Chapeau, Herr Herbst! Danke für 555 Minten beste Hörbuch-Unterhaltung.

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Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Petra
    31. Januar 2019

    Wie immer sehr gerne, Dorothee! Die Geschichte läuft ja nicht weg ;-). Bin gespannt, wie sie Dir gefallen wird. LG von Petra

  2. Dorothee
    28. Januar 2019

    Hallo Petra!
    Schade, dass ich mich gestern für einen anderen Titel für mein Audible- Guthaben entschieden habe…aber dieses Buch wird mein nächstes Hörbuch!
    Danke für’s “Vorweg-lesen””!
    L. G. Dorothee

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