Vortreffliche Frauen (Barbara Pym)

*Rezensionsexemplar*

Samstag, 15.06.2019

“Gut, Sie waren ja nie verheiratet”, sagte sie und verwies mich damit auf meinen Platz unter den Heerscharen vortrefflicher Frauen. (Textzitat)

London, in den späten 40er Jahren.

Alte Jungfer. Wer weiblich war, über dreißig Jahre alt, und als etwas “farblos” galt, keine feste Bindung anzugeben hatte, den traf dieser Begriff. Manchmal wie ein Faustschlag, manchmal duckte er sich hinter eine vorgehaltene Hand. 

Als “vortrefflich” galten unter den Frauen in jener Zeit vorzugsweise diejenigen, die eine Ehe vorzuweisen hatten, und die diese selbstverständlich vorbildlich führten. Die Frau hatte dabei in ihrer Rolle und in jeglicher Beziehung als warmherziger Kümmerer zu agieren, der Mann als Versorger, das finanziell notwendige beisteuernd. Wer diesem vorherrschenden Rollenbild nicht entsprach wurde schief angeschaut. Dies galt nicht nur für die “Alten Jungfern”, sondern auch für Pfarrer, die es geschafft hatten, vierzig Jahre alt zu werden und die noch immer keine eigene Ehe geschlossen hatten. Das stand ja ganz offensichtlich für Vorlieben, die man lieber nicht laut aussprach. So tuschelte man munter, wahlweise leise oder deutlich, das nicht wenig und nicht selten.

Mildred, aufgewachsen als Tochter eines Pfarrers, engagierte sich für eine Hilfsorganisation und in ihrer Kirchengemeinde, man konnte also durchaus sagen ihr bisheriges Leben verlief in geordneten Bahnen (bis jetzt jedenfalls). Ausgiebig hatte sie sich heute an diesem einen, startegisch günstig gelegenen Treppenabsatz in ihrem Stiegenhaus zu schaffen gemacht, immer wieder durch die Stäbe des Geländers gespäht, um einen Blick auf die Möbel werfen zu können, die zu den neuen Mietern gehörten, die im Stockwerk unter ihr einzogen. Man musste ja wissen, was oder vielmehr wer einen da erwarteten würde. Ein gemeinsames Bad würde man sich schließlich teilen müssen. Alsbald schon stellte sich hieraus, dass Mildred künftig die Verantwortung für die Toilettenpapier-Versorgung würde übernehmen müssen, wollte sie nicht auf eines angewiesen sein, das von minderer Qualität war. Die hausfraulichen Qualitäten der neuen Mitbewohner schienen so einiges vermissen zu lassen …

Seinem Charme und seinem guten Aussehen war sie schon erlegen, da hatte sie kaum die Tür geöffnet und ihn angeschaut. Bei näherer Betrachtung stellte sich dann auch noch heraus, dass die beiden Napiers als Ehepaar nicht funktionierten und man stelle sich das vor, sie waren nicht nur dem Alkohol zugeneigt, nein die beiden trugen ihre Ehekrisen auch noch offen aus, nahmen dabei kein Blatt vor den Mund …

Barbara Pym wurde 1913 in Oxford geboren, bereits mit sechszehn Jahren schrieb sie ihren ersten Roman, zwölf weitere sollten es dann noch werden, darunter “Quartett im Herbst” welches 1977 für den Booker Prize nominiert wurde. “Vortreffliche Frauen” erschien bereits 1952 und dieser ihr Sittenroman gilt auch als ihr bekanntester. Quasi noch druckfrisch, ist dieser moderne Klassiker, für den Pym von der Kritik als moderne Jane Austen gefeiert wurde, in einer Neu-Übersetzung von Sabine Roth am 14. Juni 2019 erschienen. Das Roth den Ton der von ihr angepackten Autoren nicht nur trifft, sondern wunderbar überträgt, hat sie bereits u.a. mit ihren Übersetzungen von Henry James, Agatha Christie, Elisabeth Strout, Lily King, oder auch von Jane Austen bewiesen.

Pym erweckt in “Vortreffliche Frauen” ihre Mildred Lathbury zum Leben und stattet sie mit der damals gebotenen Höflichkeit aus. Lässt sie liebenswert und hilfsbereit agieren, gibt ihr eine ausgeprägt gute, wohlwollende Beobachtungsgabe mit. Dabei ist sie sehr diskret. Ihr kann man alles anvertrauen. Gut, man versucht schon auch sie auszunutzen und das N-Wort kommt ihr tatsächlich auch nur schwer über die Lippen. So säumt sie dann auch schon mal die Gardinen der Person, die sie gerade am meisten “nicht” liebt.

Wir erleben mit ihr live zwischen abgetragener Kleidung, Punsch und Törtchen, die vereinende Wirkung von kirchlich veranstalteten Flohmärkten. Dies ebenso wie den Mangel in Kriegszeiten wo viel zu kleine Koteletts in Mildreds Pfanne brutzeln. Zum Glück gibt es Tee, immer wieder Tee, der zu beruhigen, zu besänftigen, aber auch aufzumuntern vermag. Was für ein praktisches Alltagsritual! Mit einer dampfenden Porzellantasse in der Hand lassen sich auch mühelos Gesprächspausen überbrücken. Das selbst bei Vorträgen über Anthropologie, bei denen man kein Wort versteht.

Vom Krieg der Holzwürmer, denen selbst schwere Sekretäre zum Opfer fallen. Vom Los der vermeintlich “Hauptverschmähten”, von der Vorherrschaft der Vögel, verschrobenen Müttern und klatschsüchtigen Dienstboten gibt es so einiges zu berichten. Ja, und ganz dezent von der Liebe. Von einer Liebe mit Hindernissen.

Sympatisch und so anpackend ist sie diese Miss Lathbury und wäre denn ein bisschen Glanz, nur ein wenig Romantik für sie zu viel verlangt? Wenn man schon dem Gemeindepfarrer dabei zusehen musste, wie er sich verliebte und vor Glück fast verging, während man selbst noch schmachtete. Mensch Mildred, jetzt trau dich halt! Greif nach dem Glück mit beiden Händen! So tatkräftig wie Du bist, schaffst Du das doch!

Oh Mann, Mildred! Aber nicht mit dieser Dora da im Gepäck, die Dich in den Osterferien besucht. Die wäre mir ganz gewaltig auf den Keks gegangen! Immer diese Nörgelei, ständig sieht sie nur die “Misshelligkeiten“, das an jedem einzelnen Tag. Dann muss sie auch noch dringend Wäsche machen und hängt ihre Liebestöter in Deiner Küche auf. Wo doch jederzeit und ständig Dein neuer, der attraktive, Nachbar bei dir aufschlagen kann. Überhaupt ist braun ja ihre Farbe, was willst Du denn bitte mit einem grünen Kleid? Und das Du dir mittlerweile etwas Schminke auf und die Haare legst, dafür hat sie nur Spott übrig. Für Deinen schicken neuen Hut übrigens auch. Im Kaufhaus dann der Streit, der über diesem “waghalsigen” Kleid ausbricht. Wie konntest Du das auch nur vorschlagen! So läuft man doch nicht rum. Schließlich ist Dora Lehrerin und hat auf ihren guten Ruf zu achten. Wenn Du schon aus dem Ruder läufst, muss sie dir das ja nicht auch noch nachmachen.

Wie sie mürrisch mit dir durch deine Ferien zieht. Selektiv nur das wahrnimmt was ihr nicht paßt. Ich bewundere Dich, Mildred, wie Du dir den Blick für das Schöne trotzdem bewahrst. Das und dein wacher Verstand, deine ungebrochene Höflichkeit, dein Vermögen auch mit der schwierigsten Person noch Konversation machen zu können, bringt dir dann doch die Bewunderung gleich zweier Männer ein. Ich gönne es dir von Herzen und hoffe du suchst Dir den Richtigen aus.

Wie arrogant sie sind wenn sie Dich als Betschwester abstempeln, Du bist soviel mehr als das! Hast ein Herz aus Gold. Ach, Mildred! In jeder Krise scheinst Du das Mittel der Wahl. Du bist der Prototyp der besten Freundin. Auch ich würde gerne bei Dir vorbeikommen können, bei Herzweh oder mit einem anderen Kummer. Dein feiner Humor vermag einfach jede Situation zu entschärfen, wie gut das es Dich gibt!

Vortrefflich geschrieben ist Barbara Pyms Geschichte, und auch fürwahr vortrefflich neu übersetzt. Mit einem sehr wohltuenden, sehr britisch trockenem Humor wirft die Autorin einen pointierten Blick auf das was seinerzeit gesellschaftliche Norm war. Bedenkt man das Erscheinungsdatum des Romans, wie gesagt, aus dem Jahr 1952, so wirkt das Geschehen noch eine Spur progressiver. Immer wieder muss ich schmunzeln, darüber wie leichtfüssig diese Geschichte daher kommt. Wie treffsicher die Autorin den Briten und dieser Zeit ins Herz schaut und sie nachzeichnet. Wie sie diese zurückhaltende Distinguiertheit und fast verschrobene Zurückhaltung auch in der Konversation wieder gibt ist einfach herrlich.

“Manche Dinge sind zu hässlich, um ans Licht gezerrt zu werden, und noch hässlicher ist unsere Gier danach, sie, all unseren besseren Instinkten zum Trotz, dennoch zu erfahren.” (Textzitat)

Eine Zeitreise, ein wahrhaftiges Sittengemälde, herrlich schrullig, wunderbar leicht zu lesen und damit wie geschaffen für einen entspannten Sommertag. Ach ja, Tee nicht vergessen, wohl dem der dann auch noch Kekse oder Kuchen zur Hand hat, dann wird das ein Fest …

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2 Kommentare

  1. Petra
    17. Juni 2019

    Schön, das Dich der Titel anspricht. Achte gut auf Dich, nicht das Du dem Verfolgungswahn am Ende anheim fällst ;-). LG von Petra

  2. Dorothee
    16. Juni 2019

    Wiedermal eine Rezension, die mich dieses Buch SOFORT kaufen ließe…zum Glück ist Sonntag und meine Stammbuchhandlung geschlossen!😉
    Aber dieser Roman wird zumindest mal auf meiner immer länger werdenden Wunschliste notiert!
    Manchmal fühle ich mich von all den Regalen und Stapeln ungelesener Bücher in unserer Wohnung regelrecht “verfolgt”…😉
    Liebe Grüße aus Kiel von Dorothee

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