Unter uns das Meer (Amity Gaige)

Während der Oktober unsere Wälder und die Weinberge in den letzten Tagen leuchtend bunt eingefärbt hat und uns ein fönartiger Wind mit ungewohnter nachmittaglicher Wärme verwöhnte, holte mir diese Geschichte auf den Ohren den Sommer zurück. Ich schloss die Augen und sah sie wieder vor mir: Die Karibik.

Wir sind jetzt etwas über dreißig Jahre verheiratet und etwa genauso lange ist es her, dass wir mit einer kleinen Crew gesegelt sind, zu einer Insel vor der Küste Kubas, Cayo Libertad. Ein entspannter Nachmittag auf See und im warmem Sand. Auf Muschelsuche, schnorcheln ohne Flossen, unzählige, glitzernde, silberne Fischleiber unter mir und um mich herum, Palmen und alle Töne von Türkis, der Duft einer gegrillten Languste die auf offenem Feuer am Strand gart. Wie frisch sie noch sind, diese Bilder, denke ich mit der wärmenden Herbstsonne im Gesicht. Wenn eine Geschichte das schafft, einen ganzen inneren Film in mir zu wecken, dann hat sie mich …

“Wenn Du Gott so richtig zum Lachen bringen willst, mach Pläne.”

Zitat

Unter uns das Meer von Amity Gaige

Versteckt im Kleiderschrank. Eine Gewohnheit aus der Kindheit. Ihr Refugium. Ihr Schutzraum. Vor der Welt da draußen. Vor dem was geschehen war. Licht das sanft durch Lamellen fällt. Wie viel Kraft es kostet aus dem Haus zu gehen, überhaupt aufzustehen. 

Wasser nichts als Wasser. Vor der Küste von Panama Stadt. Eine Yacht und der Traum von der großen Freiheit. Ein Paar mit Kindern, alle wild, alle frei, alles gut?

Ein Boot wollen sie, nein, will er kaufen, vielmehr eine 14-Meter-Yacht. Einen Traum leben. Ausbrechen aus ihrem Vorstadtleben, aus dem Brotjob bei einer Versicherung. Seit er fünfzehn ist träumte er schon von einer Weltumsegelung. Ein Jahr lang mit den Kindern auf dem Meer sein. Sein Traum. Juliet, seine Frau, musste er dafür überreden. Nicht einmal segeln konnte sie und sie hielt ihn für verrückt. Michael würde seinen Job aufgeben. Ihre Tochter mussten sie aus der Schule nehmen, das war doch ein Wahnsinnsplan! Und Juliets Depression würde sich dabei ebenso wenig in Luft auflösen, auch wenn Michael noch so sehr davon überzeugt war, weil schon die Römer genauso seelische Verstimmungen geheilt hatten, auf See …

Und so beginnt sie, ihre Reise, mit dem ersten Tauknoten und immer an der Küste Südamerikas entlang. Eine Konzession an Juliets Furcht vor dem offenen Meer. Die einzige übrigens …

“Was für ein Boot. Wenn die Juliet segelt, dann segelt sie. Sie wird regelrecht lebendig, sie greift sich den Wind. Dann spürt man, wie sie sich in ihn hineinschiebt, wie sie die See beiseite drängt, als wäre sie ein Dampfzug der den Schnee teilt, mit zwei großen Gischtfontänen auf jeder Seite.”

Textzitat Amity Gaige Unter uns das Meer

Gedichte treffen auf Meeresschildkröten, auf Stachelrochen und eine krachende Brandung. Tage ohne Grenzen auf einen grenzenlosen Horizont. Juliet hatte Lyrik studiert, ihre Dissertation aber bis heute nicht beendet. Auf dem Boden ihres Kleiderschranks kauernd ist die Lyrik heute für sie, so sagt sie, wie eine Axt und sie braucht sie. Dringender als Nahrung …

Denque Fieber. Die Knochenbrecher-Krankheit. Wenn das Fieber geht, ist sie am gefährlichsten. Welche Heimtücke.

Das Innenohr ist nicht mehr gewöhnt an die Bewegungslosigkeit an Land. Riffe, Stürme, der Proviant wird knapp und die Mittel auch. Gaige dreht an der Spannungsschraube. Umdrehung für Umdrehung mittels der Erzählform die sie wählt. Die exotischen Schauplätze, das Spiel von Wind und Wellen und wie sich diese Geschichte ganz langsam durch ihre Rückblenden zu einem wahren Krimi entwickelt, hat mir besonders gefallen. Sprachlich poetisch ist sie und greift damit die Liebe und Leidenschaft ihrer Protagonistin Juliet für die Lyrik auf. Gleichzeitig enttabuisiert sie das Thema Depression, lässt uns teilhaben daran wie es Familienmitgliedern, Kindern ergeht die ihre Mutter leiden sehen. 

An meinem Herzen zieht das besonders. Wie tapfer und liebevoll Juliets kleine Tochter ihrer Mutter zu helfen versucht. Das macht die Geschichte zu einem Wechselbad aus Leichtigkeit, grandioser Naturkulisse und dem Kampf mit inneren Dämonen.

Amity Gaige, geboren 1972, lebt mit ihrer Familie in Connecticut. Mit ihrem Roman Schroders Schweigen, der 2013 erschien, war sie für den Folio Prize nominiert. Für die New York Times Book Review, das Wall Street Journal u.a. war er eines der besten Bücher des Jahres. In ihrem Unter uns das Meer lässt sie den Menschlein einmal zeigen wer der Herr im Ring ist. Denn die See kann nicht nur schön sondern auch schaurig sein und Mrs. Gaige ist eine Erzählerin vor dem Herrn!

Eine Ehe havariert und die beiden Parteien beschließen ausgerechnet auf See läge ihre Rettung? Was kurios klingt entwickelt sich furios. Gaige macht mich neugierig, andeutungsschwanger ist ihr Text und was da geschehen ist, was Juliet da so umgeworfen hat, treibt mich um und durch die Silben voran. Aus wechselnden Perspektiven erzählt, Juliet und Michael lösen sich berichtend ab, schildern jeweils ihre eigenen Erinnerungsbilder, die Gegenwart, und/oder lesen uns Logbucheinträge vor, erleben wir diese sich dramatisch zuspitzende Seereise. 

Was machte es schon eine Erstklässlerin für ein Jahr aus der Schule zu nehmen? Was aber, wenn die Eltern die Vorboten eines drohenden Unglücks nicht richtig deuten? Einem Schiff durfte man eben keinen neuen Namen geben … 

“Die Meeresoberfläche anzuschauen hat etwas hypnotisierendes. Die Zeit dehnt sich. Die Oberfläche wird in Schatten getaucht oder von der Sonne geblendet. Der Wind gibt dem Wasser Textur, macht es sichtbar. Wenn sich eine Böe nähert kann man sehen, wie sie die Oberfläche aufrauht. Eine Stampede herbeihastender Gespenster. Fußabdrücke die über die Wellen springen und verschwinden, kurz bevor die kühle Gewalt der Abwesenheit durch sie hindurch weht.”

Textzitat Amity Gaige Unter uns das Meer

Mit lyrischen Einwürfen, beinahe ätherisch leicht und mit schönen maritimen Methapern beschreibt Amity Gaige das Schicksal dieser kleinen Familie. Besonders tief taucht sie ein in die Seele von Juliet, feinfühlig und empathisch ist sie bei ihr und ihrem inneren Widerstreit. In ihrem Gefängnis, dessen Gitterstäbe nur sie selbst sieht, dessen Bedrängnis nur sie selbst spürt. 

Vergisst man, wie sich Glück anfühlt, wenn man lange, zu lange traurig gewesen war? Wenn man dann plötzlich und mit Erstaunen wahrnimmt, wie leicht sich doch alles anfühlen kann. Diese Reise, diese Tour, dieser Tag, der Ausflug zu der kleinen, sonnenüberfluteten Insel, die gemacht, die wie gemacht schien für sie vier, riss etwas in ihr auf. Wie ein Vorhang durch den plötzlich das Licht hell herein fiel sah sie die Welt. Dieser Tag, der war wie ein einziges langes Ausatmen …

Eine dicke, bucklige Wolke setzt diesem Hochgefühl ein jähes Ende, sie schob sich unaufhaltsam immer näher an ihr Heck heran. Die Segel knatterten plötzlich im Wind, das Schiff neigte sich bedrohlich zur Seite. Ein Sturm! Eilig müssen die Kinder unter Deck. Festgezurrt in ihren Kojen und Michael bleib allein inmitten der tosenden Wassermassen …

Schäumend warf das Meer ihre Yacht hin und her. Der Wind wütete. Was hatten sie da nur entschieden? Den Kindern durfte nichts passieren. Die kritischen Stimmen all ihrer Bekannter drängten sich in Juliets Kopf. Was für ein Eigensinn. Was für ein Egotrip. Beten. Das war alles was sie jetzt noch tun konnte. 

Sturmzeit. Gaige weiß wo sie mich packen kann. Spannend schildert sie die Kämpfe zwischen Mensch und Natur. Sie spielt mit dem Wind. Wenn er sich legt, wenn eine sanfte Brise aus seinem Wüten wird entspanne ich mich. Bin froh das die Autorin mir und ihren Figuren eine Atempause gönnt. Wir sind blaugeschlagen, stehen bis zu den Knöcheln im Wasser, sind zerstochen von Moskitos, so manches liegt jetzt auf dem Grund dieses Meeres, das uns eben noch so gezürnt hat.

Was einmal gut geht muss sich nicht fortsetzen. Glück ist zerbrechlich und man sollte es nicht überstrapazieren. Von diesem Ratschlag scheint Amity Gaige noch nichts gehört zu haben, denn sie tut das permanent, lässt ihre Figuren zu Spielbällen einer höheren Macht werden. Durch geschickt platzierte Rückblenden deckt sie Grund und Ursachen auf …

Die gelungene Hörbuch-Fassung gestalten abwechselnd: Daniela Bette-Koch, geboren 30. Januar 1981, Schauspielerin (u.a. Lindenstraße) und Michael-Che Koch, geboren. 25. Oktober 1973, Schauspieler und Synchronsprecher. Das Ehepaar Koch übernimmt jeweils die Versionen von Juliet und Michael und sorgt so auch stimmlich für Perspektivwechsel. Beide sind mit Leidenschaft bei der Sache, glaubwürdig und fesselnd ist ihr Vortrag.

Hörenswert und sicherlich auch lesenswert. Ich aber würde jederzeit wieder dem Hören den Vorzug geben. Gerade der beiden Sichten wegen, die durch die Hörfassung sehr gut wirken. Also, wer die Wahl hat … Entscheidet Euch, aber bitte für diese Geschichte. Für dieses Kribbeln im Nacken das sie hinterlässt …

Mein Dank geht an Lübbe Audio für dieses Hör-Exemplar.

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