Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Samstag, 17.03.2018

Wir stehen morgens auf, beginnen unser Tagwerk, müssen uns keine Sorgen machen, ob wir genug zu essen haben. Rätseln höchstens darüber wie es funktionieren kann, sich gesund zu ernähren. Müssen uns nicht im Keller vor Bomben verstecken, vor Übergriffen auf der Straße Angst haben, können laut und frei die eigene Meinung äußern. Wir leben schon lange in einer Zeit anhaltenden Friedens in Deutschland. Dabei sind die Entbehrungen, Trümmer und die Angst in Kriegszeiten für viele von uns nur eine Armlänge entfernt, dann wenn wir Großeltern haben oder hatten, die ihn, einen der großen Kriege, selbst erlebt haben.

Mein Großvater Wilhelm durfte nach dem zweiten Weltkrieg aus russischer Gefangenschaft heimgekehren, auf seinen eigenen zwei Beinen. Nach der ersten Nacht zu Hause hatte sich sein Haar schneeweiß gefärbt. Über das was er dort in der Eiseskälte bei Stalingrad und sonst wo erlebt hatte, hat er mit uns Kindern nie gesprochen. Einzig, dass er niemanden, zum Schneiden seiner Zehennägel an seine Füße ließ, war für uns auffällig und wenn ich, sein “Jockel” wie er mich nannte, ihn an den Füßen kitzelte, wenn er auf dem Chaiselounge in der Küche seinen Mittagsschlaf hielt, wurde er streng. Er hatte kein wirkliches Gefühl mehr in ihnen, seinen Zehen, sie waren ihm erfroren in diesem Kriegswinter und er versteckte sie stets, ob Sommer oder Winter in dicken Wollstrümpfen …

Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Diesmal hatte er kein Glück gehabt, er war in einen Hagel aus Granaten-Splittern geraten. An der Wange, im Oberschenkel unter seinem Schulterblatt waren sie eingedrungen. Dem Blut, dass aus ihm herauslief, hatte er ungläubig nachgeschaut. Wie ein Bächlein wollte das Leben aus ihm entweichen, aber noch war er am Leben. Irgendwie war er in dieses Lazaret gekommen, nach fünf dunklen Jahre als Soldat im Feld und nach dieser Verletzung stand ihm jetzt ein Genesungsurlaub zu.

Freuen hätte er sich doch müssen, endlich wieder zu Hause sein, bei den Eltern. Gut meinten sie es doch mit ihm. Die Eltern wollten erfahren, wie es ihm ergangen war. Für ihn aber war es wie eine Strafe, denn sie erwarteten das, was er nicht wollte, nicht konnte, dass er erzählte. Er blieb verstockt, wollte nicht reden, nicht rühren an dem Erlebten, und sie, sie bedrängten ihn.

Der Vater mit seiner politischen Überzeugung und seinem schier grenzenlosen Optimismus, dass sie Teil eines großen Plans, einer großen Erneuerung sein würden. In seinen Frontbriefen war das schon schwer auszuhalten gewesen, jetzt hier im persönlichen Gegenüber schnürte es Veit die Luft ab. Wieviel Zeit er verloren hatte! Danach fragte der Vater nicht. Ein Studium hätte er beginnen und abschließen, im Beruf stehen, unabhängig von den Eltern sein können. Von seinem Vater, der ihm unablässig gute Ratschläge wie Schläge erteilte …

Er musste hier raus, hier konnte er nicht genesen. Ein Ausweg tat sich auf. Ein Onkel wohnte doch am Mondsee, war dort Ordnungshüter, würde er nicht bei ihm unterkommen können? Am Fuß der Drachenwand Ruhe und Erholung finden? Wurden nicht auch dorthin die Kinder aus den Städten verschickt, die unter stetem Bombenhagel lagen?

Zeitungspapier zum Warmhalten unter den Socken. Aus Konservendosen Kartoffelreiben basteln. Der ständige Mangel an allem, gleich ob Draht, Dachpappe, Nahrung oder Brennstoff machte aus allen Meister der Improvisation. Auch hier am Mondsee, obwohl dort die Zeit still zu stehen schien. In diesem Frühling, als Veit “die Darmstätterin” kennenlernte …

Hörbuch-Fassung:

Torben Kessler – geb. 1975 in Bielefeld, Fernseh- und Theaterschauspieler, arbeit auch als Synchron- und Hörbuchsprecher. 2016 wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Er agiert als Hauptsprecher in dieser Fassung, übernimmt den überwiegenden Part. Einfühlsam verleiht er dieser schweren Zeit mit angemessenem Ton Tiefe und eine Traurigkeit, die berührt. Seine Stimme klingt jung, jung und verletzlich, er gibt damit einen Veit Kolbe zum Anfassen.

Die eingestreuten Briefe werden jeweils von anderen Sprechern gelesen und verleihen dem Roman so eine sehr persönliche Note. Man meint den Briefschreiber, die Briefschreiberin durch das Vorlesen selbst zu hören. Besonders Cornelia Niemann fand ich in ihrer Rolle als Mutter der Darmstätterin Margot sehr authentisch.

Aber auch Michael Quast und Torsten Flessing als Kurt sind ein Gewinn für diesen Roman.

Der österreichische Autor Arno Geiger wurde 1969 in Bregenz geboren. Von den Bestseller-Listen kennen wir ihn auch in Deutschland. Mit seinem Roman “Der alte König in seinem Exil” hatte er sich hier 2011 einen Spitzen-Platz erobert. Als Sohn schrieb er damals über die Demenz-Erkrankung seines Vaters.

Ein Autor, der das schriftstellerische Handwerk par exellence beherrscht und mich sprachlich und inhaltlich komplett abgeholt hat.

Seinen Roman läßt Arno Geiger 1944 beginnen und wir, seine Leser, begleiten Veit Kolbe in seinen Genesungsurlaub an den Mondsee, zu Füßen der Drachenwand. Erleben seine Albträume mit, lernen mit ihm den “Brasilianer”, Margot und Nanni kennen. Stellen uns mit ihm den Bildern und Geistern, die seine Zeit im Feld ihm beigebracht haben.

Darf man auch in solchen Zeiten verliebt sein? Dem Alltag ein kleines bisschen Glück abtrotzen? Dann wenn der Himmel Feuer fängt, man die Luft vor Ruß und Staub nicht mehr atmen kann. Übermüdet und vor Hunger entkräftet.

Kinderverschickung, was für ein Wort! In Sicherheit wollte man sie wissen, riss Familien damit auseinander, ersetzte Nestwärme durch Drill und Gleichschritt.

Erschüttert erfährt man, dass nach langen Bombennächten eine ganze Hausgemeinschaft von siebzehn Menschen am Ende in einen Sarg paßt. Ist dabei wenn aus Nachbarn Kellermenschen mit Leichenhänden werden. Verpfuschte Leben und das Verbot der freien Rede, Drückeberger die als solche beschimpft und abgestempelt werden. Angespuckt und verstoßen, verhöhnt und gequält.

Eingeflochtene Briefe. Wie Weidenruten in einem Korb, geben sie Geigers Geschichte ein verbindendes Gerüst. Briefe aus dem Krieg in den Krieg, Briefe einer Mutter an ihre Tochter, Briefe an eine erste große Liebe, Briefe jüdischer Väter an Verwandte über Enteignung, Verzweiflung und den Wunsch nach Flucht. Alle Facetten decken Sie ab, diese Einzelschicksale rühren zu Tränen, zu Tränen der Trauer und der Wut. Phasenweise habe ich eine Pause gebraucht, so nah kamen die Schilderungen an mich heran. Vermissen und vermisst sein, ausweglos, trostlos, hoffnunglos, für diese Briefwechsel, diese Geschichten braucht man Kraft.

Ein Roman gegen das Vergessen und für das Leben, der eigene Erinnerungen weckt, an das, was dieser Krieg auch in der eigenen Familie angerichtet und hinterlassen hat …

Traurigkeit (aus Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel-TB S.693)

  • Die mir noch gestern glühten,
  • sind heut dem Tod geweiht,
  • Blüten fallen um Blüten
  • vom Baum der Traurigkeit.
  • Ich seh sie fallen, fallen
  • wie Schnee auf meinen Pfad,
  • die Schritte nicht mehr hallen,
  • das lange Schweigen naht ….
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