Treue und edle Nacht (Louise Glück)

Nein, liebe Louise Glück, ich glaube Ihnen nicht. Dass, wenn man erst einmal begonnen hat, es nur noch Enden gibt. Es hat jede Menge Anfänge und einem jeden wohnt ein Zauber inne. Wir wissen das, seit ihrem Dichter Kollegen Hermann Hesse und seinen Stufen.

Das Aufschlagen, Ihres Lyrikbandes 《Treue und edle Nacht》, der im Original bereits 2014 erschien, ist ein solcher Anfang für mich. Ein Anfang, dem ein Zauber innewohnt. Ein samtener, nachtschwarzer, traumartiger, wunderschöner Anfang. Einer, dem man kein Ende wünscht, sondern eine Verlängerung.

Ihre nachtumwölkten Verse, sind seit Mai diesen Jahres im Luchterhand Verlag, in deutscher Übersetzung erhältlich. Ganz herzlichen Dank, an dieser Stelle für ein Besprechungsexempar, welches ebenfalls dankenswerter Weise zweisprachig ist, so dass ich immer auch, nach links rüber schielen und Ihrem Ton nachspüren konnte. Bewundern kann, wie Uta Gosmann, selbst Lyrikerin, die in New Haven lebt, diesen aufgreift, Entsprechungen findet, ihm im Deutschen einen Widerhall gibt. Ein ums andere Mal empfinde ich Ihre Originalzeile anders, dann fällt mir auf, wie wunderbar mehrdeutig diese Zeilen doch sind. Wie Gosmann sie auslegt. Auch das macht diese Sammlung besonders!

Ihre Verse, Frau Glück, kennen kein Maß und doch haben sie eines. Sie öffnen mir Türen zu Träumen und Orten, an denen man traurig sein darf, still, leise, aber auch Held:in. Altwerden ist nichts für Feiglinge. Das haben schon andere festgestellt, mir ist die Auseinandersetzung mit dieser Frage aber bislang noch nicht so poetisch untergekommen. 

Der Wind streicht sacht’ durch die Vorhänge, wir fragen uns beide, welches Geräusch er wohl macht, wenn er durch nichts streicht. Er berührt meine Haut während ich lese und meine Härchen stellen sich auf. Oder ist es Ihrer Worte wegen? Die sanft sind, elegant, die mich anfassen, mich verweilen lassen, im Dazwischen, zwischen den Zeilen. Die voll von Abenteuern sind, von Vermissen und Schattenrissen.

Man hat Sie bereits reichlich mit Preisen bedacht, liebe Louise Glück, u.a. mit dem Nobelpreis für Literatur 2020, dem Pulitzer Preis, dem National Book Award, Sie brauchen meinen Jubel nicht und trotzdem behalte ich ihn nicht für mich. Ich würde sonst zerplatzen! Zu sehr hat mir Ihr Schreiben gefallen. So zeitlos schön und sanft ist es.

Dieser Ausflug in Ihre Wortwelten, ist mein erster in die Welt der zeitgenössischen amerikanischen Lyrik und ich bin froh, dass ich Sie dafür ausgesucht habe. Ein wenig Vorrat an Gedichten von Ihnen habe ich noch, das muss bei mir so sein, dreizehn weitere Gedichtbände und zwei Essay Sammlungen, kann man aus ihrer Feder genießen. Wilde Iris liegt noch auf meinem Stapel.

Im Stillen freue ich mich auf weitere Entdeckungen Ihrer Wortgewandtheit, blättere vorerst aber noch einmal zurück, zu dem titelgebenden Gedicht <Treue und edle Nacht> und lese es noch einmal.

Diese Passagen daraus, zu finden auf Seite 33, haben es mir dabei besonders angetan:

Treue und edle Nacht

Meine Geschichte beginnt sehr schlicht: Ich konnte sprechen, und ich war froh.
Oder: Ich konnte sprechen, war also froh.
Oder: Ich war froh und sprach also.
Ich war ein helles Licht, das einen dunklen Raum durchgleitet.

Wenn es schon schwer ist anzufangen, wie soll es nur werden zu enden -

..............................................................

Da war etwas, wo nichts gewesen war.
Oder sollte ich sagen, dass da nichts war,
doch Fragen es beschmutzt hatten -

Fragen kreisten in meinem Kopf; rotierten 
in einer Art Ordnung, wie Planeten -

Draußen brach die Nacht herein. War dies 
die verlorene Nacht, sternenbedeckt, mondlichtbefleckt, 
die, wie eine Chemikalie, alles,
was man in sie taucht, bewahrt?

Bilder entstehen in meinem Kopf, tauchen auf, verblassen, aber verschwinden nie ganz. Viele von ihnen bleiben wie ein nachtgrauer Schatten. Ich taste mich vorwärts, hier bin ich doch schon einmal mit Ihnen gewesen, Louise?

Dunkelheit flutet das Land, schreiben Sie, die Nacht liegt auf dem Meer geschnürt auf eine Planke. Wie kann man das nicht mögen? Ich bin verliebt in diesen Satz und in viele andere mehr. Habe das Gefühl, Sie schrieben sie allein für mich. Wie kann das gehen? So geht Lyrik.

Die von Wahrsagerinnen erzählt, vom Mond, von Parks im Dämmerlicht, einer alten Frau auf einer Bank, die auf diese Begegnung gewartet haben muss, unter blühenden Kirschbäumen, im Halbdunkel, um ein Geheimnis zu teilen oder um spitz zu schweigen. 

Niemals ist es mehr Nacht als um Mitternacht. Die Stunde der Nacht, der man nachsagt, die Lebenden und die Toten könnten sich in ihr begegnen. Auch sie darf bei Louise Glücks Betrachtungen nicht ausgelassen werden, und nicht nur das, ihre Verse unter dieser Überschrift gehörten mit zu meinen liebsten, hier ein Auszug, in der Sammlung zu finden auf Seite 79:

Mitternacht

Endlich umfing mich die Nacht;
ich schwebte auf ihr, vielleicht in ihr,
oder sie trug mich, wie ein Fluss
ein Boot trägt, und
wirbelte gleichzeitig über mir,
mit Sternen übersät und dennoch finster.

Für diese Augenblicke lebte ich.
Ich war, so fühlte ich, geheimnisvoll über die Welt erhoben,
sodass alles Tun endlich unmöglich war,
was das Denken nicht nur möglich machte, sondern grenzenlos.

Louise Glück, die in diesem Jahr am 22. April ihren 80sten Geburtstag feierte, kann auf eine fünfundfünfzig Jahre währende Karriere zurückblicken, die sie auch als Lehrende an die verschiedensten Universitäten geführt hat.

Zu ihren Übersetzerinnen gehört neben Uta Gosmann auch die Dichterin und Schriftstellerin Ulrike Draesner, die die beiden preisausgezeichneten Bände “Wilde Iris” und “Averno” für sie ins Deutsche übertragen hat.

Langgedicht oder Kurzgeschichte? Treue und edle Nacht ist beides. Elegant und nachdenklich, sich eng um einen inneren Kern schmiegend, der Tod und Verzweiflung kennt, aber auch Licht und Hoffnung. Alles fließt. So wie ein Tag sich an jede Nacht anschließt.

Es muss sich nicht immer reimen was Sinn macht. Aber es darf. Ab und an tut es das auch, während die Nächte sich wie ein roter Faden durch die Seiten ziehen. Manchmal auch Nebel, aufblitzende Lichter. Bis der letzte Satz mich einfängt.

Der mir von einem Paar im Park erzählt. Von einem sich öffnenden Herzen und einer Spieluhr, wie ich selbst einmal eine hätte. Aus Perlmutt, ausgeschlagen mit rotem Samt und wenn sie aufsprang drehte sich eine Ballerina vor einem Spiegel. Allein. Niemand ist allein. Sagt der Vers. Vielleicht. Aber doch. 

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