Ravenhill (John Steele)

Spartacus, Jeanne d’Arc, Andreas Hofer, Sophie Scholl, Mahatma Gandhi. Das sind nur ein paar Namen von Menschen, die sich gegen die Herrschenden ihrer Zeit auflehnten, und mit den unterschiedlichsten Mitteln versuchten Unterdrückung und Unfreiheit zu beseitigen.

Freiheitskämpfer – dieser Begriff steht nicht nur für einen Einzelnen sondern auch für Gruppen, wie z. B. die französische Résistance oder die nicaraguanischen Contras. Wobei die Letztgenannten für Ronald Reagan Freiheitskämpfer und für andere Terroristen waren.

Wer ist Terrorist und wer Freiheitskämpfer? Diese Frage lässt sich nicht so ohne Weiteres beantworten. Es kommt auf den einzelnen Betrachter an. Auch darauf, auf welcher Seite man steht, welcher Bevölkerungsschicht man angehört, welche Religion man ausübt, welche Hautfarbe man hat oder welches politische System bevorzugt wird. In dem hier, von mir vorgestellten Buch, geht es um einen Konflikt, der in Großbritannien, ausgetragen wurde. In einem Staat der mit seiner Magna Carta und den Bill of Rights die Grundlage für die Entwicklung der Menschenrechte bildete.

Ravenhill  von John Steele

Wir befinden uns mitten im Nordirlandkonflikt, in Englisch “The Troubles”. Unfassbar wie unzureichend und geringschätzend das klingt, übersetzt man diese Beschreibung mit “die Probleme”. Bis 1998 starben rund 3.500 Menschen, darunter ungefähr die Hälfte Zivilisten.

Jackie Shaw, Billy Tyrie und Rab Simpson sind die Hauptakteure des Romans. UDA, UDF, PIRA und IRA sind Teil der Story und Organisationen, die mit Gewalt und Gegengewalt den Alltag in Belfast und der Provinz Nordirland im Jahr 1993 bestimmten. Wobei die UDA eine protestantische, paramilitärische, kriminelle Untergrundbewegung und in 1993 die größte Terrororganisation Nordirlands war.

Im Roman wird 1993 Jackie als V-Mann der RUC (Polizei von Nordirland) in die UDA eingeschleust, als solcher versuchte er Schlimmeres zu verhindern. Um sich, seinen Vater und seine Schwester zu schützen, durfte niemand von seiner Tätigkeit im Untergrund erfahren, dies entfremdete ihn von seiner Familie. 

20 Jahre im Untergrund, entfremdet von der Familie, führt in 2003 der Tod seines Vater wieder zurück in die Heimat. Noch immer hat er mit den Geistern der Vergangenheit, mit Billy und Rab, nicht abschließen können. Diese beiden Anführer haben die unruhigen Zeiten überlebt, mit dem “Freiheitskampf” abgeschlossen und sich mittlerweile anderen Geschäften zugewandt. Von beiden erhält Jackie einen Auftrag, sie verlangen das Unmögliche, das Undenkbare von ihm …

Wir springen in der Geschichte vor und zurück. Erleben immer wieder auch einen erschreckenden Alltag im Jahr 1993. Durch diese Zeitsprünge  erfährt man Stück für Stück mehr über das Warum und Wieso. Der Roman bleibt dadurch sehr lebendig und spannend.

“Fünf Menschen waren in der Nacht erschossen worden. Ein Soldat auf Patrouillengang, zwei Freunde auf dem Weg nach Hause, ein Polizist, ein junger Mann”.

Textzitat John Steele Ravenhill

Ständig kreisen Hubschrauber über der Stadt. Die Polizeistation ist wie eine Festung ausgebaut. Das war zu jener Zeit Normalität in Belfast. Mit den folgenden Sätzen bringt Steele die Stimmung dieser Geschichte für mich auf den Punkt: 

“Das Leben geht weiter. “

Textzitat John Steele Ravenhill

“Was sollten sie anderes tun, als darauf zu hoffen, dass am nächsten Tag die Zahl der Leichen geringer sein würde?”

Textzitat John Steele Ravenhill

“Nebel hat sich auf Belfast gesenkt und klebt an der Stadt wie Kordit an den Händen eines Pistolenschützen. Er sorgt für zähen Verkehr in den Straßen und hüllt die Passanten in den Mantel der Anonymität.”

Textzitat John Steele Ravenhill

John Steele, wurde in Belfast geboren. Ravenhill erschien in deutscher Übersetzung im Mai 2019 und ist sein erster Roman. Der Englischlehrer, der u.a. dreizehn Jahre in Japan lebte, wohnt heute mit Frau und Tochter in England.

In Ravenhill spart er nicht mit Mord und Gewalt, so einige Szenen beschreibt er sehr drastisch. Under-Cover-Einsätze und Polizeiarbeit, ein klassischer Krimi ist dieses Buch jedoch beileibe nicht, wohl eher ein Stück Gegenwartsgeschichte. Mich hat es schockiert, in welcher Ausweglosigkeit man über Jahre in Belfast, in Nordirland, leben musste und ich empfehle diesen Roman gerne und für alle, die mehr als eine spannende Geschichte vor einem realen Hintergrund suchen.

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4 Kommentare

  1. Petra
    29. Februar 2020

    Ich möchte noch mehr lesen von Ayelet Gundar-Goshen, von der ich bisher nur Löwen wecken kenne. LG von Petra

  2. Dorothee
    28. Februar 2020

    Solltest Du da Tipps für mich haben…immer her damit!😉😁
    Liebe Grüße-Dorothee

  3. Petra
    27. Februar 2020

    Dankeschön Dorothee und, Du hast Dir da aber auch ein mehr als herausforderndes Thema ausgesucht. Ein paar Einblicke sind mir da auch schon gelungen, es lohnt aber diese zu vertiefen. Es gibt bemerkenswerte Autoren, die ich mir auch noch gerne erschließen würde.

    Beste Grüße von Petra

  4. Dorothee
    25. Februar 2020

    Hallo Petra! Beide Bücher zu dem Thema scheinen mir interessant und ich werde sie mal auf meinem “Literatur-Schirm” behalten!
    Doch ich befasse mich z. Zt. mit dem langen Konflikt Israel/Palästina, merke, wieviel ich da gar nicht oder nur oberflächlich weiß…da ist jetzt kein Platz für Belfast…
    Trotzdem Danke für Deine immer wieder neuen, spannenden, toll geschriebenen Rezensionen über Bücher, deren Titel mir meist völlig fremd sind!
    Liebe Grüße- Dorothee

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