Mein Lieblingstier heißt Winter (Ferdinand Schmalz)

Meine Lieblingsjahreszeit ist ja der Herbst. Das Licht und die Farben. Raschelndes Laub, länger werdende Schatten. Den Winter verbinde ich mehr mit Schnee schippen, Dunkelheit und kalten Füßen. Rein wettertechnisch ist diese Jahreszeit gefühlt weit weg von strahlendem Weiß und blauem Himmel. Einzig Kuscheldecke und Kaminfeuer, ein entspannender Saunagang und ein gutes Buch versöhnen mich mit diesen Monaten. Apropos gutes Buch, ihr wisst es, nicht nur wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, bin ich auf der Suche nach Geschichten abseits des Gängigen und auch wenn der Autor, den ich gerade gelesen habe sein Lieblingstier Winter nennt, hat er auch mit dem Herbst eine Gemeinsamkeit: Es steht Wildbret auf der Speisekarte, zumindest könnte man das meinen, wenn ein Tiefkühlkost-Vertreter einem Stammkunden ausschließlich und mit ungewöhnlicher Häufigkeit Rehragout liefert, das er dann offenbar auch zum Ermittler wider Willen wird, schaute ich mir genauer an …

Mein Lieblingstier heißt Winter von Ferdinand Schmalz

Der Herr Doktor Schauer ist seit Jahren sein Kunde und dessen Leidenschaft für Rehragout ein Umsatzbringer. Dachte der Schlicht, der ist der Eismann in dieser Geschichte, zumindest. Unser Schlicht steht jetzt im Keller des Herrn Doktors vor einer geöffneten Tiefkühltruhe, sieht nur Rehragout und hört eine Frage, die er besser überhört hätte. Der Herr Schauer eröffnet dem Kälte-Experten seines Vertrauens nämlich ohne Umschweife, dass er todkrank wie er sei, beabsichtige alsbald mittels Kälteschlaf aus dem Leben zu scheiden. Ganz pragmatisch wolle er sich mit oder durch Schlaftabletten betäubt, in seinen Gefrierschrank zum Sterben niederlegen. Seinen Leichnam soll dann der eifrige Zusteller bitte, nach einer vereinbarten Frist, mit seinem Liefergefährt zu einer Lichtung in den Wald hinaus fahren, um ihn dann auftauend seinem Schicksal und/oder der Behördlichkeit zu überlassen. Es solle sein Schaden nicht sein.

So weit der Plan, aber was schief gehen kann geht schief, denn als unser Eismann zu bestellter Stunde den Gefrierschrank seines Kunden öffnet ist dieser leer und der Herr Doktor – verschwunden! Nicht genug das, wird unser Mitverschwörer auch noch erwischt, inflagranti und zwar von der Tochter des vermeintlichen Selbstmörders und die glaubt ihm und seinem Gestammel um den Freitod des Herrn Papa kein Wort …

Ferdinand Schmalz, geboren 1985 in Graz, österreichischer Schriftsteller, studierte Theaterwissenschaften und Philosophie, als Dramatiker arbeitet er für das Theater, lebt in Wien.

Schmalz, mit bürgerlichem Namen Matthias Schweiger, hat sich in seinem Debütroman “Mein Lieblingstier heißt Winter“, dem sein gleichnamiger Kurztext aus dem Jahr 2017 zugrundeliegt, und für den er mit dem Ingeborg Bachmann Preis ausgezeichnet worden ist, einem eigenen Dialekt verschrieben. 

Zu schräg für den Deutschen Buchpreis oder schräg, schräger, Schmalz? Eines jedenfalls steht zu Beginn dieser Lesereise für mich fest: Schmalz, ist ein Meister darin das zu zeichnen, was wir als nicht normal empfinden. Das allein wäre eigentlich schon Grund genug für das Siegertreppchen, gleich bei welchem Literaturpreis. So ist “Mein Lieblingstier” für mich ein wilder Ritt abseits gewohnter Lesepfade geworden und sprachlich schlägt der Bachmann Preisträger ebenfalls gewaltig über die Stränge. Seine Satz-Konstrukte baut, schachtelt und gliedert er mit Kommata bis einen schwindelt. Also mich zumindest. Vielleicht hat ihm das auch seine Nominierung für den letztjährigen Deutschen Buchpreis (Longlist) eingebracht. Wenn es darum geht einen Preisverdacht durch literarische Ungewöhnlichkeit zu erregen, dann hat Schmalz in jedem Fall mit seinem Lieblingstier einen Volltreffer gelandet.

Eine Teufelin ist sie, die Sabine Teufel, Tatortreinigerin und Chefin einer Reinigungsfirma, die alles reinwäscht, auch Schwarzgeld, auch das von den ganz hohen Tieren. Sie scheint mir eine Intimfeindin von unserem Schlicht zu sein oder ist es auch wieder nicht. Warum ist er hier in diesem Kofferraum, mit einem Jutesack über seinem Kopf, ahnungslos, angstvoll und eingesperrt?

Es wogt hin und her. Der Fall um den Herrn Doktor Schauer scheint verzwickt. Der Gute bleibt verschwunden, dafür tauchen allerlei komische Typen auf, sowie Christbaumschmuck mit Nazisymbolen und Töchter mit einem Zahnfetisch. Sie verstellen mir aber irgendwie den Blick auf die Handlung. Vielleicht hilft ja ein Pistazieneis aus der Familienpackung? Die Hitz’ in Wien ist heuer wirklich unerträglich und das mit den Lebendbeerdigungen, der Selbstmumifiziering und dem Selbstmordclub ist schon arg, gell.

Was für ein völlig abgedrehter Plot! Mit Figuren die bis zur Unkenntlichkeit überzeichnet sind und die vom Schimmelentferner, über den Dinosaurier mit Moos auf dem Buckel, bis zum Ingenieur auf Realitätsflucht hinter zugemauerten Fenstern, alles aufbieten was Haus und Hof an Skurriliät zu bieten haben.

Ich begann beim Lesen zwischen Kopfschütteln (wollte phasenweise wegen Überforderung aufgeben) und Begeisterung zu schwanken, das obgleich des Kreativpotentials dieses Autors. Alleine dafür gebührt ihm Respekt. Nein, nicht alles was er sich da ausgedacht hat, hat mir gefallen. Mein Eindruck ist auch, er schreibt nicht um zu gefallen, sondern er schreibt was ihm gefällt. Ich komme nur langsam voran, verirre mich hinter Satzschranken und werde dabei das Gefühl nicht los, das sich hinter dieser geballten Ladung morbiden Treibens auch ein Plot versteckt den nichts voranzutreiben scheint.

Mir gefallen sie ja eigentlich, die schrägen Typen in der Literatur. Sie dürfen gerne mit ihren Geschichten auch ins Phantastische oder Skurrile abzweigen. Warum hat mich dann dieser Roman final nicht abgeholt?

Überwiegend war es, denke ich doch die Sprache. Ja, tatsächlich und das obwohl ich die Satzbaumeister und Wortschmiede unter den Autor:innen verehre. Oft genug Geschichten lese bei denen ich die Handlung der Sprache wegen zur beiseite schiebe. Hier aber forderte sie mich zu sehr, es wollte sich einfach kein Lesefluß einstellen, bei all den verdrehten Satzbildern, die sich stellenweise so anfühlten als würde Meister Yoda aus Star Wars zu mir sprechen nachdem er ein paar Branntwein intus hat. Der unterhaltende Wert, den dieser Roman mit Sicherheit hat, verbirgt sich so vor mir wie eine Nuss in einer harten Schale. Ich konnte sie partout nicht knacken und nach etwa zwei Drittel der Geschichte wollte ich es dann auch einfach nicht mehr. Da hatte Schmalz mich, und ich mich, im Dickicht seiner Satzwelt verloren. Seine Syntax begann sich mir im Kopf querzustellen, es holpert und stolpert mal bayrisch, mal österreichisch in seinem Roman mit Krimizügen und ich konnte auch final mit seiner Sicht darauf, wie sich unser Umgang mit dem Sterben heut’ zutage verändert hat nichts anfangen. Wenn das denn die Botschaft sein soll, die sich zwischen all dem Wahnsinn versteckt.

Aus vorbei und Ende, dieser Roman hat mich, denke ich auf dem falschen Fuß erwischt, ich streiche die Segel und laufe mit doch zugegeben etwas enttäuschten und geknickten Leseflügeln auf der letzten Seite in den Zielhafen ein. Nur weil ich wissen wollte, ob man es tatsächlich schafft als Autor diesen einmal gewählten Stil bis zum letzten Satz durchzuhalten, bin ich dran geblieben. Schmalz schafft es und die, die es mögen, werden und sollen ihn dafür auch feiern. Polarisieren muss man eben auch können …  

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