Magnifica (Maria Rosaria Valentini)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 17.06.2018

“Where ever I lay my head, thats my home” – diesen Song von Paul Young habe ich in den Achtzigern zwar laut mit gesungen, aus vollem Herzen gemeint, habe ich das aber nie. Gerne bin ich zwar unterwegs, mittlerweile eher mehr zu Wasser und zu Land als in der Luft, meine Heimat, meine Wurzeln, verliere ich dabei aber nie aus dem Blick. Nach Hause zu kommen, sich aufgehoben fühlen, ist mir genauso wichtig, wie das Entdecken von Orten an denen ich noch nicht war. Und ja, ich bin auch ein Landei. Große Städte mit ihrem reichhaltigen Angebot an Kunst, Kultur und Architektur üben noch immer einen großen Reiz auf mich aus, in einer Großstadt leben, das aber wäre nix für mich.

Gleich ob unser Garten mir schmerzende Muskeln und ein Zwicken im Rücken beschert. Die erste Tasse Kaffee am Morgen, mit den Füßen durch das noch taufeuchte Gras schlurfen, meine Rosen begrüßen, das fleißige Summen der Hummeln aufsaugen, nach Feierabend mit einem Buch auf den Knien in meiner Lieblingsecke am Kräuterbeet sitzen, den Duft von Thymian und Rosmarin in der Nase. Fußläufig in den nahe gelegenen Wald können, wann immer mir danach ist – das erdet mich, hält mich hier fest. Nur zu gut konnte ich daher nachvollziehen, wie es den Frauen in diesem Roman von Maria Rosaria Valentini erging, von denen nur eine einen Grund fand zu gehen:

Magnifica

Das Leben hatte es nicht gut gemeint mit Magnificas Großmutter Eufrasia und mit ihrer Mutter Ada Maria. Die Großmutter hatte früh ein Ehemann belagert, wie eine Kröte, ihr zwei Kinder aufgezwungen, eher um sich selbst Bedeutung zu geben, als der Liebe und dem Wunsch nach einer Familie wegen. Wie eine heiße Kartoffel hatte er sie dann, nachdem sie sich aus dem Kindbett nicht mehr erheben wollte, fallen lassen, sich einer Geliebten zugewandt. Vor aller Augen war die Großmutter so zerfallen. Früh hatte das Ada Maria, ihre Tochter und Magnficas Mutter, in die Kümmerer-Rolle gebracht. Sie war es, die den kleinen Bruder Pietrino auf- und erzog, für ihn da war, als die Mutter starb und der Vater ging.

Ada Marias Glaube an die Liebe hätte also eigentlich erschüttert sein müssen, hier übte das Leben aber zunächst einmal Nachsicht und es schenkte ihr eine Begegnung, die tiefer ging, als alles was sie bisher erfahren durfte. Im Buchenwald nahe des Dorfes im Apennin, in dem Ada abgeschieden in einer kleinen Dorfgemeinschaft lebte, hatte der Krieg einen deutschen Soldaten verloren. Vielmehr war er dort, verletzt seinem Regiment verloren gegangen.

Das Leben schenkte Ada also Benedikt, wie es schien aber nur, um ihn ihr kurz darauf wieder zu nehmen. In einer Prüfung ließ es Benedikt auf einen Blindgänger treten, der sich seiner ursprünglichen Zweckbestimmung wieder entsann, und ihn Stücke riss. Die schwangere Ada machte es so zur Witwe bevor sie eine Braut gewesen war und es ließ Magnifica, Adas Tochter zu früh auf die Welt kommen. Magnifica, der Name war Programm. Zwischen all den wettergegerbten Gesichtern der Bergbewohner, leuchtete sie beinahe, ihre Haut hellhäutig, mit den blauen Augen des Vaters, hoch aufgeschossen und zartgliedrig. Wach und interessiert nahm sie sich ihrem Leben an, strebte ihm entgegen …

“Ein karges Leben – poetisch erzählt”. So steht es auf dem Buchrücken zu lesen und das stimmt so, Punkt. Jeder Satz hat hier Gewicht, bisweilen ein schweres und diese Sätze sind es, die ihren Lesern auch einiges zumuten, im positiven Sinne.

Maria Rosaria Valentini hat in Italien schon einige Romane, Erzählungen und auch Lyrik veröffentlicht, mit Magnifica wurde jetzt ihr erster Roman ins Deutsche übersetzt. Diese Herausforderung übernahm die Lektorin und Übersetzerin Monika Köpfer. Die eigenwillige, “metaphernschwere” und zugleich wunderschöne Sprache Valentinis zu übertragen, ohne dass hier Melodie und Reiz verloren gehen, muss schwierig gewesen sein, folgend doch beide Sprachen einem ganz und gar anderen Fluß. Aber was red’ ich, es ist ihr bravourös gelungen und ihr schicke ich ebenfalls ein demütiges Dankeschön an dieser Stelle. Da mein Italienisch nur zum Bestellen eines Capuccinos reicht, wäre mir ohne ihre Kunst dieser Roman entgangen. So schreiben müsste man können!

Diese Sprachgewalt überflügelt für mich dann auch über weite Strecken hinweg sogar die Handlung. Diese wartet derweil geduldig in den Schatten zwischen den Sätzen. Meldet sich dann zurück mit einem Paukenschlag, einem Schicksalsschlag. Dieser drängt einen zu den Figuren, läßt einen nah bei ihnen sein, man trägt mit ihnen eine große Liebe zu Grabe. Still, berührt und traurig greift man nach einer zaghaft ausgestreckten Hand. Findet eine neue Freundin und Gründe weiter zu machen, weiter zu leben …

Perfekt lektoriert stolpert man über keinerlei Unebenheiten, wie ich finde weder inhaltlich noch sprachlich, auch nicht in den herrlichen “Bandwurmsätzen”, von denen es so einige gibt. Hier eine Kostprobe:

Damals rochen und schmeckten Sommer noch nach Sommer, nach winzigen zwischen den Gräsern der Wiesen versteckten Erdbeeren, nach Mohn, der vom Wogen des Getreides ganz benommen war, nach Kirschen, die darauf warteten, mit Zucker eingemacht zu werden, nach entzweigeschnittenen und unter einem Netz ausgebreiteten Tomaten, die in der Sonne trockneten, nach verrückten Schwalben, die im Zickzackkurs oder in schwindelerregendem Wirbeln das Blau durchlöcherten. (Textzitat).

Ein Roman der von tiefempfundener Trauer erzählt, von Irrungen, Wirrungen und Verzweiflung. Aber auch von Empathie, Liebe, Toleranz und Zusammenhalt. Von Familienbanden und dem Glück, das in der Einfachheit, in den kleinen Dingen liegt. Ein Roman wie ein Waldweg, mit Windungen, steilen Anstiegen und Gabelungen. Im lichten Schatten zwischen den Bäumen sieht man nicht immer wohin er einen führt, auf wen man unterwegs wohl trifft? Hat man den Mut ihn konsequent bis zum Ende zu gehen? An die helle Lichtung zu glauben, die uns an seinem Ende erwartet? Mal bezaubernd, mal bedrückend und umwölkt, sehr nachdenklich und immer stimmungsvoll, mit ihrem wahrhaft lyrischen Erzählton nimmt Valentini uns mit auf diese Reise durch drei Leben.

Nicht für zwischendurch, sondern mit Muße sollte man diesen Roman genießen. Sich die Sätze auf der Zunge zergehen, nachwirken lassen. Ganz kontroverse Besprechungen habe ich zu diesem Text gelesen. Ich kann auch verstehen, dass er genau über seine Sprache polarisiert und das soll er auch ruhig, wenn es nach mir geht!

Absolut und ganz und gar abseits des Mainstreams sucht dieser Roman nach seinen Fans und er hat mich gefunden!

Ein Satzkunstwerk aus der Feder von Valentini/Köpfer habe ich ja schon eingestreut, mit einem letzten möchte ich gerne enden und damit diesen beiden Wortvirtuosinnen das letzte Wort überlassen:

Das Ende des Krieges ist eine träge Schlange von langsam abziehenden Panzern, und man spürt noch, wie die Straßen zittern. Die Menschen lachen und weinen zugleich. Einige Stimmen verblassen, andere wiederum tauchen aus unterirdischem Schweigen auf. Und wer die Kraft hat wegzugehen hat, geht, und wer die Kraft zu bleiben hat, bleibt. (Textzitat).

 

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