Löwen wecken (Ayelet Gundar-Goshen)

Sonntag, 25.03.2018

Egal wie und ob das Leben mit uns Schlitten fährt, die Welt dreht sich weiter. Während wir uns nach dem Faustschlag des Schicksals in die Magengrube noch krümmen, scheint auch sie munter weiter, die Sonne. Flanieren plaudernd Menschen an uns vorbei, zwitschern die Vögel, fließt der Verkehr ungehindert.

In einen Unfall verwickelt zu werden, bei dem ein Mensch stirbt, ist eine Horrorvorstellung. Ist man gar selbst derjenige, der diesen Tod verschuldet hat, lernt man sich und andere erst richtig kennen.

In dem Roman Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen werden wir Zeuge eines solch schicksalhaften Ereignisses und seiner Folgen …

Der Mond war in dieser klaren Nacht beeindruckend schön gewesen. Daran erinnerte er sich noch. In der Nacht, in der Etan Grien, Arzt am Soroka-Krankenhaus in Beer Scheva diesen Mann umgefahren hatte. Nach neunzehn Stunden Dienst hatte er um zwei Uhr morgens müde und mit schmerzenden Muskeln das Krankenhaus verlassen. Einem plötzlichen Impuls folgend, steuerte er dann aber seinen eigens für sein Leben in der Wüstenstadt angeschafften Mercedes Jeep nicht nach Hause, sondern an den Rand der Wüste auf eine anspruchsvolle Strecke. Hier hatte er sein Auto ausfahren und damit den in der Schicht angestauten Frust abbauen wollen.

Nachdem er für das über die Straße stolzierende Stachelschwein angehalten und wieder beschleunigt hatte, war es passiert. Der dunkelhäutige Mann mußte aus dem Straßengraben aufgetaucht sein und lag jetzt, mit einem Loch in seinem Schädel aus dem schon die Gehirnmasse austrat, vor der Stoßstange von Griens Jeep. Etan kniete neben dem Mann im Staub und ihm wurde klar, das er ihn würde nicht mehr retten können. Er dreht sich um, stieg wieder in seinen Wagen und – floh …

Nach einem tiefen, traumlosen Schlaf erwachte Etan am Morgen danach und machte sich in der leeren, blitzblanken Küche, die seine Familie schon verlassen hatte einen Kaffee, als es an der Haustür klopfte. Als er öffnete stand sie vor ihm, diese dunkle, großgewachsene, schöne Frau und hielt ihm etwas entgegen. Er erkannte sein Portemonnaie in ihrer Hand sofort und sein Herz setzte aus – verdammt, gab es etwa doch einen Unfallzeugen …

Der Mann, der auf dem rostigen Metalltisch in der stillgelegten Autowerkstatt am Rand der Stadt lag, stöhnte leise und unter Schmerzen. Auf seinem Unterarm zeichnete sich bereits ein Muster von verfärbten Blutgefäßen ab, eine schwere Infektion fraß sich durch sein Fleisch. Etan trat näher. Warum hatte sie ihn hierher bestellt? Die Frau, die am Tag nach der Fahrerflucht an seiner Tür aufgetaucht war, sah ihn unterdessen ruhig an …

Ayelet Gundar-Goshen – die 1982 geborene Autorin lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Psychologin in Tel Aviv. Ihr erster Roman, der 2013 erschien, wird derzeit von der BBC verfilmt.

Auch diese Geschichte hier würde sich hervorragend für eine spannende Mini-Serie eignen. Man klebt förmlich an den Seiten. Vom vielen Kopfschütteln habe ich immer noch Nackenschmerzen. Erst schwankt man zwischen Wut, Unverständnis und Empathie für den Protagonisten. Dann kommt sie aus der Deckung, diese Frage – wie hätte man selbst in einer solchen oder vergleichbaren Situation gehandelt? Die Antwort darauf erschreckt und rüttelt ganz schön auf …

Dieser Plot ist wie ein Albtraum, ein wahr gewordener Albtraum. Die Monster, die hier zwischen den Seiten hausen, sind keine Orks oder Wehrwölfe, sie heißen Vorurteil, Schuld und Reue, Feigheit und Verlangen. Mich hat er gepackt, dieser Roman, von der ersten Seite an. Sprachlich sehr direkt, radikal und schonungslos entwickelt er seine Sogwirkung. In voller Fahrt rasen wir auf den Abgrund zu, ungebremst, das Steuer fest in der Hand.

Goshen wählt einen Erzählstil, der fast ohne wörtliche Rede auskommt und doch bleibt nichts unausgesprochen. Brilliant übersetzt entstehen so Sätze wie mit dem Skalpell ausgeschnitten, präzise, klar und auch schon mal schmerzhaft.

Ein Roman über eine verhängnisvolle Entscheidung, eine schicksalhafte Begegnung und einen unglaublichen Handel. Wir werden Zeuge wie das Leben von Etan Grien, angesehener Neurochirurg, zwei Söhne, verheiratet mit einer Frau die bei der Kriminalpolizei ihren Mann steht, aus den Fugen gerät. Werden Zeuge von Entfremdung und Annäherung und davon, wie sehr man die Augen vor dem Unvermeidlichen verschließen und doch der Zwangsläufigkeit der Ereignisse nicht ausweichen kann.

Die Angst von Dr. Etan Grien, sein schlechtes Gewissen, seine Reue kollidieren mit der Empörung und dem Ehrgeiz seiner Ehefrau diesen Fall von Fahrerflucht zu knacken, den ihr Chef aufgrund der Ethnie des Opfers schon zu den Akten legen wollte. Kollidieren mit den Interessen der geheimnisvollen Zeugin, der er mehr und mehr verfällt. Hexe, undurchschaubare Sphinx …

Mutig, ja schonungslos, zeichnet uns Gundar-Goshen auch ein Bild vom Israel dieser Tage. Hält ihr Licht auf die Spaltung zwischen Arabern und Juden, zeigt sie anhand einfacher Geschehnisse auf, Ehrenmord und Drogenhandel inbegriffen. Auch hier gibt es Flüchtlinge. Sie kommen aus Eritreer, dem Sudan, zu Fuß, von Schleppern verschoben, entkräftet und krank an. Viele sterben, gibt es doch einen eklatanten Mangel an Medikamenten und ärztlicher Versorgung.

Sie zieht uns, ihre Leser, mit hinein in das Dilemma ihrer Figuren. Die Entscheidung wer hierbei Vergebung verdient überläßt sie aber uns, sie selbst wertet nicht. Wer ist hier Täter und wer Opfer? Die Grenzen verschwimmen … Auch wenn die letzte Seite umgeblättert ist, denkt man noch nach, über diese Hausaufgabe, die uns die Autorin zwischen ihren Zeilen stellt und die nicht leicht zu erledigen ist.

Wie oder auch was, bemisst den Wert eines Menschenlebens? Nicht nur in Bezug auf das Leben an sich, sondern auch darauf, wieviel Anstrengung und auch Kosten man für dessen Erhalt aufzuwenden bereit ist. Denkt man einmal hierbei auch an die moderne Medizin in Europa oder Amerika im Vergleich zu den Verhältnissen in den Entwicklungsländer, wo selbst eine Tetanusimpfung einem Luxusgut gleich kommt …

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