Kleine Kreise (Toralf Sperschneider)

Mittwoch, 14.11.2018

“Das Leben besitzt einen erschreckenden Mangel an Takt. Seine Katastrophen ereignen sich auf unpassende Weise und treffen die falschen Leute.”  Oscar Wilde

Sie arbeitete noch nicht allzu lange für diese Stiftung, die sich um die Angehörigen von selbstmordgefährdeten und Selbstmördern kümmerte. Jeder Schmerz, dem sie hier begegnete war individuell, jede Trauer persönlich. An finanziellen Zuwendungen für diese Arbeit fehlte es ständig, so war die heutige Einladung und die in Aussicht gestellte Spende mehr als willkommen.

Der ältere Herr, der ihr jetzt die Tür öffnete, sich mit ihr hinsetzte und von seinem besten Freund zu erzählen begann, der sich dem Leben selbst entzogen hatte, hielt immer wieder inne, musste sich sammeln. Mannisch-depressiv sei er gewesen, sein Freund, in seinen Hochphasen als junger Mann habe er trainiert wie besessen, war erfolgreicher Leistungssportler gewesen. In Behandlung hatte er sich begeben und er und auch seine Familie hatten ihn im Gleichgewicht mit sich gewähnt, auch dann noch als er in den Tod gegangen war. Einen Abschiedsbrief habe er nicht hinterlassen, sondern einen ganzen Text, bereits einen Verlag gesucht und die Erlöse aus diesem Verkauf sollten eben ihrer Stiftung zu fließen. Zweifel daran, dass sich das Buch erfolgreich verkaufen lasse, habe er ebenfalls ausgeräumt, den von ihm gewählten Abgang als spektakulär zu bezeichnen, war eine schlichte Untertreibung …

Toralf Sperschneider, geb. 1972 in Sonneberg/Thüringen ist im Hauptberuf Pathologe und arbeitet in der Zentralklinik Bad Berka. Mit Kleine Kreise gewann er 2017 den Kindle Storyteller X Award von Amazon. Vor vier Jahren wurde der Storyteller Award für unabhängige Autoren erstmals ausgelobt, der mit 30.000€ Preisgeld dotiert ist und alljährlich auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Der Gewinner wird zudem in einer Print-Version verlegt und durch Audible auch als Hörbuch vertont. Seit zwei Jahren gibt es jetzt zusätzlich den X-Award, der Werke würdigt, die sich außerhalb traditioneller Genre bewegen.

Im Rahmen einer Lese-Challenge hatte ich die Aufgabe einen Self-Publisher Titel zu lesen und ich habe mich für diesen hier entschieden. Bislang habe ich es ehrlich gesagt immer vermieden, selbst verlegte Titel zu lesen, aus Sorge davor, dass ein Lektorat mir hier doch zu offensichtlich fehlen könnte.

Außerhalb traditioneller Genre, Ihr kennt mich ja, das war für mich aber dann doch der Lockruf und Sperschneider hat mich tatsächlich gepackt um genau zu sein von Kapitel zwei an. Eigentlich wollte ich ja nur mal rein lesen, und habe dann seine 180 Seiten an einem Sonntag in einem Rutsch verschlungen.

Sein Erzählaufbau hat mich dabei am allermeisten fasziniert. Wie bei einem Staffellauf reicht er den Erzählstrang von Figur zu Figur weiter, alle verbindet auf unterschiedlichste Art und Weise ein Unfall, oder Selbstmord, so genau läßt sich das zunächst auch nach polizeilichen Ermittlungen nicht einordnen, der spektakulärer nicht sein könnte. Sechzehn EGOs läßt der Autor so zu Wort kommen, setzt einen Prolog und einen Epilog etwa mittig in der Story ein. Das nenne ich mal clever und ungewöhnlich! Hut ab, davor!

Wie das Epizentrum eines Bebens wirkt dieser Selbstmord und er erzeugt kleine Kreise, die sich teilweise berühren, ja geometrisch betrachtet auch Schnittmengen bilden. Fasziniert bin ich diesem Muster gefolgt, das Sperschneider da mit Worten zeichnet. Poetisch, ja beinahe lyrisch ist er dabei sprachlich unterwegs, eigene Wortschöpfungen kreierend, die er seinen Sätzen einpflanzt wie exotische Setzlinge. Sie erzeugen mitunter einen Nachhall, der mich sprachlos gemacht hat, unzählige Textstellen habe ich mir markiert.

Den Freitod selbst, denn es ist tatsächlich einer, beschreibt er auch aus der Sicht des Selbstmörders, dabei agiert er niemals reißerisch, obwohl ja an sich schon die Tatsache, das sich bei einem Leichtathletik-Wettbewerb vor aller Augen, ein Mann in die Flugbahn eines abgeworfenen Speers stürzt und dabei umkommt, an Dramatik kaum zu überbieten ist.

Sperschneider nimmt sich Zeit, bis er diese Karte im Spiel aufdeckt. seinen Text beginnt er mit einer Zugfahrt und einer Person, die er anonym EGO1 nennt.

Sein EGO1 ist Fahrgast in diesem Zug, der das was da an ihm oder ihr vorbeizieht durch die Augen eines Fotografen betrachtet, seinen Gedanken nachhängt, uns erzählt was er oder sie wahrnimmt. Der Zug passiert einen Friedhof, auf dem sich gerade eine Frau zwischen den Gräbern von ihrer Pflanzarbeit erhebt und Sperschneider erteilt ihr das Wort. Der Autor läßt jetzt verschiedene Figuren nacheinander zu Wort kommen, die alle mit diesem Selbstmord in Berührung gekommen sind, bleibt in Anonymität von EGO1 – 16 und doch erschließt sich uns als Leser aus dem Text, wer da mit uns spricht – genial!

“Schon von Weitem sind die Grabsteine auszumachen, wie eine graubraun zusammengewürfelte Armee, die Spalier steht und die auf den Dornröschenkuss wartet. Sie haben keine Eile, vielleicht ist der Befehl zum Losschlagen noch gar nicht per Depesche gekommen. Da lauern sie, die steinernen Wächter, große und kleine, zeigen mir ihren Rücken und ihre Geduld.” (Textzitat)

Wir lernen eine Witwe kennen, die versucht hat, die sie lähmende Trauer abzustreifen. Von ihr wandert die Geschichte weiter zu dem Pathologen, der ihren Mann auf dem Tisch hatte, von ihm aus zu einem scheinbar Unbeteiligten der in einer Zeitschrift von diesem unglaublichen Selbstmord liest. Der Erzählfluß erreicht den Sohn des Toten, seinen Schwager, seinen Enkel …

Wir erleben die unterschiedlichsten Lebens- und Alltagsfetzen, Gedanken und erfahren von verlorener Lebensenergie, tiefer Trauer, und von der Zuflucht die der Glaube bieten kann.

Von dem Mut der Verzweiflung, der Entschlossenheit, aber auch von der Feigheit, die einen Menschen einen solchen Schritt, ein Attentat auf sich selbst unternehmen lassen erzählt er. Er wirft Fragen danach auf, wie es den Angehörigen geht, die hilflos, ahnungslos und schonungslos mit einer solchen Tat konfrontiert werden.

Ja, und wie geht der “Selbstmördermörder” mit einem solchen Ereignis um? SEIN bisheriges Leben endet auch an diesem Tag. Jeder Lokführer, jeder Verkehrsteilnehmer, der in einen tödlichen Unfall und sei es nur, das er bei einem Wildwechsel eine lebende Seele ausgelöscht hat, verwickelt wird kämpft bis an das Ende seiner Tage mit diesen Bildern, sucht bei sich eine Mitschuld.

Hier schreibt jemand mit einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, der mit Worten wirklich berühren kann. Vielleicht kann er das ja auch deshalb so gut, weil er als Mediziner und Pathologe uns Menschen buchstäblich bis in die kleinste Zelle schauen kann, in die guten und in die bösen. Täglich das Leben unter seinem Mikroskop hat?

“Deine größte Angst vor dem Tod ist doch, dass er an dir vorbeigeht, dich stehen lässt und einfach jemanden mitnimmt, dessen Verschwinden unsagbare Trauer in dir hinterlässt”. (Textzitat)

Keine Ahnung, ist auch völlig egal, mich jedenfalls hat er mit dieser Geschichte total verblüfft, fasziniert und die ihm verliehene Auszeichnung hat er mehr als verdient, das sage ich jetzt ohne den Wettbewerb zu kennen. Eine solche Schreibe, eine solche Stimme, verdient Aufmerksamkeit und ich trete an dieser Stelle sehr gerne für sie ein.

“Hoffnung ist wie eine Erinnerung in die Zukunft.” (Textzitat)

 

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Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Petra
    18. November 2018

    Sehr gerne, Dorothee! Freut mich, dass Dich der Titel anspricht. LG von Petra

  2. Dorothee
    17. November 2018

    Klingt wirklich überzeugend…danke für den Tipp!
    Liebe Grüße aus Kiel von Dorothee

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