Heilige und andere Tote (Jess Kidd)

*Rezensionsexemplar*

Das Licht ist ein Gaukler in dieser Jahreszeit, es wirft Farben, Umrisse und Schatten dorthin wo gar nichts ist. Es führt uns, klar und hell, Stiegen hinab und Wege entlang. Es weicht zurück. Wo es fehlt, macht uns die Dunkelheit bang.

Der Wind ist ein Zauberer, er reißt die Nebel auf, läßt uns dann staunend einen Blick hinter diesen Schleier werfen. Er knistert, wispert und flüstert von längst vergangenen Tagen, mal wütend, mal sanft. Klappert an Läden und reißt an Türklinken wie ein Landstreicher der Einlass begehrt.

Das Herz kann mehr sehen als Augen und Verstand, nur glauben wir nicht immer an das was es uns sagt. Diesmal hat es uns eindringlich und laut klopfend gewarnt beim Betreten von Bridlemere, der alt-viktorianischen Villa, die einsam südwestlich von London in einem großen Park liegt, und wir hätten besser gehört, auf diese unsere innere Stimme, denn wir scheinen hier nicht willkommen zu sein im Reich von Mr. Cathal Flood …

“In Bridlemere zaudert die Zeit und weicht zurück, hustend und schlurfend. Hier verwest Geschichte lautlos, und Eleganz welkt höflich vor sich hin”. (Textzitat)

Heilige und andere Tote (Jess Kidd)

Ihn einen Messie zu nennen wäre eine gnadenlose Untertreibung. Mr Flood lebte seit dem Tod seiner Frau in Moder und Müll, zerschliss die Sozialbetreuer mit seiner charmanten Art reihenweise und hatte auch jetzt nichts besseres zu tun, als Maud seine “Neue”, mal so richtig zur Schnecke zur machen, das nur, weil sie es gewagt hatte, sich den Weg in die Küche frei zu fegen und allein auf dieser kurzen Strecke schon fünf Säcke Abfall aufgesammelt hatte.

Die Zahl der im und um das Herrenhaus Bridlemere lebenden Katzen schätzte Maud vorsichtig auf etwa einhundert. Wo man auch hin trat fand man ihre Hinterlassenschaften und anfangs hatte sie geglaubt der Mief würde sie ganz sicher umbringen. Mittlerweile hatte sie gelernt durch den Mund zu atmen und beschlossen zu bleiben. So leicht war sie ja schließlich nicht zu erschrecken. Hatte sie jedenfalls geglaubt, bis gestern im Badezimmer von Mr Flood, dem sie mit Gummihandschuhen, Gummistiefeln und sonstigem schweren Gerät zu Leibe gerückt war. Inmitten dieser Putzorgie hatte sich plötzlich wie von selbst die Tür verschlossen, Wasserhähne und Rohre hatten sich seufzend geöffnet, den Boden geflutet und eine Flaschenpost zutage gefördert, die das Foto einen Mädchens enthielt, dem man offenbar mit einer glühenden Zigarette das Gesicht weg gebrannt hatte. Von diesem Schock hatte sie sich auch nach einem Tee bei Renata, ihrer Vermieterin nicht erholt – und das ihr, die mit einigen unsichtbaren Heiligen auf Du und Du war …

“Schnelle Reflexe und schweres Kochgeschirr können das Blatt in nahezu allen verzweifelten Situationen wenden”. (Textzitat)

Wer Gläser über Hexenbretter schaben läßt, wer tote Heilige sehen kann, der kann ebenso gut einem Fuchs folgen auf der Suche nach Hinweisen. Auf dem Grund eines modrigen stillgelegten Eishauses hatte sie zwar nicht landen wollen, aber das Leben war halt kein Ponyhof und sie war hier leider nicht bei “wünsch Dir was” – sonst wäre dieser Wunsch jetzt schnell formuliert: “Macht die verdammte Tür auf”!

Wie von Geisterhand hatten sich die Buchstaben auf dem staubigen Spiegel geformt, alle Haare hatten sich ihr aufgestellt. Kaum war das verdaut, folgten die feuchten Fußabdrücke auf dem Küchenboden und es war definitiv niemand mit ihr im Raum gewesen, auch keiner ihrer Heiligen hatte etwas gesehen …

Jess Kidd, britische Autorin, u.a. in Irland aufgewachsen, hatte sich mit ihrem Debütroman “Der Freund der Toten”, den ich letztes Jahr im Sommerurlaub gelesen habe, nicht nur auf die Krimi-Bestenliste sondern auch in mein Herz geschrieben, alle Neune abgeräumt! Meine Rezension von damals teile ich gleich nochmal mit Euch. Wie Bolle gefreut habe ich mich daher auf diesen, ihren zweiten Roman und ihn mir aufgehoben, weil er so wunderbar paßt zu dieser Zeit des schwindenden Lichts.

Sie ist die Seiltänzerin unter meinen Lieblingsautorinnen. Strahlend, graziös und mit ausgebreiteten Armen balanciert sie mit ihrem Wortwitz, ihrer überbordenden Fantasie und traumwandlerischer Sicherheit über alle Genre-Grenzen hinweg. Ein feiner Humor ist ihr eigen und sie färbt ihn schwarz, trocken, ist mal lakonisch, mal ironisch. Dieses Mal ist sie mit einem ganzen Zirkus in der Stadt, der uns mit offenen Mündern staunen und applaudieren lässt, bis unsere Handflächen glühen. Heilige sind unter ihnen, die ihre Heldin Maud Drennan nicht wirklich gerufen hat, die sie ungefragt umschwirren wie die Motten das Licht. Sich ihr als Ratgeber andienen, sie auch schon mal mit kryptischen Sprüchen verunsichern. Hatte ich erwähnt, das selbstverständlich nur Maud ihre Heiligen sehen kann?

Diesen Sam hier, habe ich sowas von auf dem Kieker. Was schleicht der eigentlich immer hier so rum, wie die Katze um den heißen Brei, respektive um Maud? Schöne Männer hat man ja bekanntlich nicht für sich allein und unsere Maud sieht ja nicht gerade aus wie ein Filmstar, auch wenn sie ein Herz aus Gold hat, also – was will DER hier?

Und dann dieser schmierige, erbschleichende Sohn des Hausherren, der ist mir auch nicht geheuer. Warum will der denn unbedingt alle aus dem Haus haben und bettelt förmlich um einen Haustürschlüssel, den ihm sein alter Vater schon längst abgenommen hat. Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem tödlichen Treppensturz seiner Mutter und dem spurlosen, Jahre zurückliegenden, Verschwinden eines kleinen Mädchens?

Ach ja, ganz zu schweigen von diesem feigen Überfall auf Renata – ich bin mir sicher, hier ist was oberfaul, aber Hallo! Jemand geht ganz eindeutig zu weit und Aufgeben ist keine Option! Da bin ich ganz bei Maud und ihren Heiligen! Jetzt erst recht!

Miss Marple meets Alice im Wunderland – Jess Kidds Geschichte ist fantasievoll, aber es ist keine Fantasy. Sie ist schaurig und doch ist es kein Schauer-Roman. Es gibt Tote und doch ist es kein Krimi. Nicht an alles will man, kann man glauben und doch ist es kein Märchen. Ich sag’s ja – sie ist die Meisterin dieser Drahtseilakte.

“Kletten haften an meiner Strickjacke, und Dornen ziehen an meinem Rock. Bald ist mein Haar übersät mit Marienkäfern, und meine Knöchel sind beringt mit Ameisen. Auf meiner Schulter reitet eine Raupe: in ihrer Welt ein wildes, orange wattiertes Monster”. (Textzitat)

Wie auch schon in Ihrem Erstling Der Freund der Toten schickt sie ein Team aus jung und alt ins Rennen. Immer nach dem Motto Gegensätze ziehen sich an und auch hier sind ihre Charaktere wieder wunderbar schrullig und schräg geraten. Kidd hat einen Roman mit Wiedererkennungseffekt geschrieben und ist sich treu geblieben. Man fühlt sich gleich zu Hause zwischen ihren Figuren, sie behält den humorigen Grundton ihres ersten Romanes bei, plaudert uns zwanglos eine mysteriöse Handlung herbei. 

Diesmal verortet sie ihren Roman nicht in Irland, sondern im Westen Londons, ist mit der Wahl ihres Schauplatzes, einer alten, schaurigen viktorianischen Villa deutlich klassischer unterwegs, wenn es um die Traditionen des britischen Krimis geht. Ein frischer Wind weht uns als Leser aber auch hier wieder entgegen. Kidd entstaubt die Klischees, das ist kurzweilige, beste Unterhaltungsliteratur. 

Sie schießt uns auch nicht mit dem Katapult in eine andere Welt, bei ihr sind die Übergänge leicht und fließend. Der “Alice-zwischen-den-Spiegel-Fan” in mir jubiliert und schleicht mit ihr durch das Dickicht hinter Bridlemere, packt mit an um Eimer in der Küche aufzustellen, wenn es beim Frühstück mal wieder regnet, sich die Efeu-Ranken um den Herd wickeln und das bei bestem Wetter draußen.

Als wahre Wortakrobaten würde ich in diesem Zusammenhang auch das Übersetzer-Team Ulrike Wasel und Klaus Timmermann bezeichnen wollen, die ihren Job hier super gemacht haben! Großen Respekt habe ich vor dieser Zunft und ich verneige mich immer dann, wenn ich so gut abgeholt werde wie hier. Gerne bin ich so auch beim nächsten Fall mit Frau Kidd und ihrem Team wieder unterwegs!

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Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Petra
    12. November 2018

    Wie schön, würde mich freuen Dich mit dem Kidd-Virus anstecken zu können, Dorothee. LG

  2. Dorothee
    11. November 2018

    👍👍👍Das könnte mir sicher gefallen und wandert mal gleich auf meine Bücher-Wunschliste!

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