Farben der Nacht (Davit Gabunia)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 18.11.2018

In der Nacht verstummen die Farben, bis zur blauen Stunde regiert das Reich der Schatten. Bunte Tagfalter tauschen den Platz mit Motten, die dem verbleibenden Licht zustreben, es umtanzen, verglühen kommen sie ihm zu nahe.  Alle Geräusche sind seltsam verstärkt wahrnehmbar, in Sommernächten veranstalten Grillen bisweilen einen ohrenbetäubenden Radau.

Wer jetzt noch unterwegs ist kann hinter einigen Fenstern noch Licht und dahinter Menschen wie Scherenschnitte erkennen.

In dieser einen Nacht, im August 2012 in Tiflis, als die brütende Hitze des Tages sich nur leicht abgeschwächt hatte und Surbab auf dem Balkon seiner Wohnung stand, wie schon in so vielen Nächten zuvor, die Kamera im Anschlag, waren es weder die Hitze noch seine Unrast die sein Leben in der Folge für immer verändern würden …

Farben der Nacht (Davit Ganunia)

Blut, diese sich langsam um den Kopf des Mannes ausbreitende Lache war seltsam schön anzuschauen, wie ein Gemälde, brutal gezeichnet, aber schön …

Die Tatenlosigkeit quälte Surbab seit Wochen. Auch die gelegentlichen Besuche seines ebenfalls arbeitslosen Freundes, die beide mit Alkohol und Gras würzten halfen nur kurzzeitig gegen die Langeweile. Die Kinder verbrachten die Ferien bei der Schwiegermutter auf dem Land, seine Frau schien nur noch Überstunden zu machen – Urlaubszeit halt, wie sie sagte und sie kam immer später nach Hause. Nachdem Surbabs Betrieb geschlossen hatte und er auf der Straße gelandet war, hatte er noch immer keinen neuen Job gefunden, wenn er ehrlich war hatte er auch gar nicht nach einem gesucht. Es war ja eh zwecklos, die ganze Stadt schien entweder ohne Beschäftigung, oder mit stumpfsinnigen Aufgaben belastet zu sein. Seine Frau brachte ja noch Geld nach Hause und sie kamen schon klar, er kümmerte sich um ihre beiden Jungs, so lautete ihre Abmachung, hatte an den meisten Tagen ja auch Spaß daran.

Heute war ihm der rote Alfa Romeo auf dem Parkplatz vor dem Haus zum ersten Mal aufgefallen. Wer fuhr wohl so ein Auto? Auffällig die Farbe und von der Marke ganz zu schweigen. Ein junger Mann stieg aus, als er jetzt für seine erste Zigarette draußen auf seinem Balkon stand, direkt gegenüber ging er ins Haus. Ein schöner Mann, das mußte er zugeben. Gepflegt, zartgliedrig, fremd wie ein Paradiesvogel wirkte er in dieser uniformen Wohnsiedlung, dieser farblosen Stadt.

Surbab blinzelte, trat ruckartig und beschämt zurück hinter den Vorhang, als sein Nachbar in der Wohnung angekommen von einem anderen, einem deutlich älteren Mann umarmt und geküßt wurde. Was zur Hölle, dieser ältere Mann kam ihm seltsam bekannt vor, er suchte nach einem Fernglas, tatsächlich …

Davit Gabunia, geboren 1982 wird als eine der herausragenden literarischen Stimmen Georgiens gehandelt. Er arbeitet erfolgreich als Übersetzer, widmet sich so unterschiedlichen Stoffen wie Shakespeare und Harry Potter, wurde als Dramatiker bereits mit den wichtigsten Theaterpreisen seines Landes ausgezeichnet. Sein erster Roman wurde mit Spannung erwartet und hinterließ begeisterte Stimmen in Georgien bei Lesern und Kritikern. Für mich sollte sein Roman die Nachlese zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse sein. Am Stand des Gastlandes hatte ich ihn mir ausgeguckt.

Ein starker Prolog führt uns in diesen Roman und wir ahnen da schon worauf diese Geschichte zu steuert. In der Folge zeichnet Gabunia zunächst chronologisch wie bei einem Tagebuch die Erlebnisse von Surbab vom 18. August bis 21. September 2012 als Ich-Erzähler nach, um dann aus der Sicht von vier weiteren Figuren, immer aus deren Perspektive seinen Plot zu entwickeln. Er läßt sie jeweils dort weiter erzählen, wo der andere aufgehört hat und erzeugt so einen Sog, der mich als Leser wie einen Voyeur auf diesem Balkon von Surbab hat stehen lassen. Ich fühlte mich seltsam auf Distanz gehalten und doch beteiligt, angespannt, beschämt und betroffen. Man will nicht hinsehen, weiß das das nicht richtig ist, kann aber auch nicht mehr wegsehen.

Für Surbab werden diese Nächte auf dem Balkon zur Sucht, es dauert nur wenige Tage da nimmt er einem Impuls folgend seine Kamera zu Hand. Hunderte von Aufnahmen wird er danach machen, wie im Rausch, sie auf dem gemeinsamen Laptop in einem Ordner verstecken. Seine Frau liegt in dieser Zeit, nachdem sie spät und erschöpft nach Hause gekommen ist, ahnungslos schlafend im Nebenzimmer.

Zwei Leben die wie auf Eisenbahnschienen aneinander vorbei zu laufen scheinen. Seine Frau ist es, die dieses Auseinandertriften herbeigeführt hat und Surbab fehlen jegliche Antennen für das was da gerade mit ihm, seiner Frau und seiner Familie geschieht. Sein Fokus scheint geschrumpft auf den Blick durch die Kameralinse, in diesen einsamen Nächten das Leben anderer atemlos und auch empört beobachtend.

Was er beobachtet bringt schließlich die Wende, eine Wende die mich überrascht hat. Eine Prise von Hitchcocks Fenster zum Hof weht zu mir herüber, was wahrscheinlich beabsichtigt ist, wie garniert mit den politischen Ereignissen im Tiflis von 2012. Parlamentswahlen stehen an, der Umsturz des Regimes kurz bevor. Die Straßen sind voll von Demonstranten. In diesem Hexenkessel geht Surbab dann seine Frau verloren. Die sich, wir wissen das als aufmerksame Leser längst, in eine Affäre verstrickt hat.

“Ich sage überhaupt nichts zu ihm, so dermaßen gar nichts, dass es schwierig zu erklären ist, was dieses Überhauptnichtssagen bedeutet, ich es werde es ihm morgen sagen, morgen früh werde ich es ihm sagen, und morgen wird es zu Ende sein, bis morgen früh überlege ich, werde die ganze Nacht überlegen, mir zurechtlegen, sammeln, was ich sagen will, und versuchen, dennoch die Worte zu finden, wofür Worte nicht ausreichen, die ganze Nacht habe ich vor mir – “. (Textzitat)

Wie eine Randnotiz setzt Gabunia die politische Situation Georgiens von damals ein und doch wirken sie wie eine Verstärkung auf seine Geschichte, die mich zugleich angezogen und abgestoßen hat. Nicht mehr aus der Hand gelegt habe ich diese 185 Seiten als ich einmal damit angefangen hatte, auch mir hat es in dieser Lesenacht an Schlaf gefehlt. Erst als sich der Kreis im Roman mit fast den gleichen Worten geschlossen hatte, bin auch ich zur Ruhe gekommen.

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