Kalmann (Joachim B. Schmidt)

Das Erinnerungsbild, das ich mit am Häufigsten sehe, wenn ich an meine Islandreise im Sommer 2017 zurück denke, ist die Einfahrt in den Hafen von Reykjavik. Imposant und wie ein Felssporn schob sich die Hallgrímskirkja in den Himmel über der Stadt. Ein Monument aus Beton, davor ein Denkmal von Leifur Eríkson, Wikingerfürst und Entdecker, wie ich später erkennen sollte. An diesem Morgen, als wir uns dem Hafen näherten war die Luft klar und es war mild. Man konnte weit sehen. Wir kamen aus der Ruhe der isländischen Fjorde, hatten schon die ersten Wasserfälle und weiten Ebenen hinter uns gelassen, tauchten jetzt ein in dieser quirlige Stadt und im Gegensatz zu dem Helden dieser Geschichte habe ich diesen Kontrast sehr genossen …

“Wer jetzt denkt das Leben sei manchmal unordentlich oder ungerecht, der hat ganz recht. Denn es muss einfach so sein. Sonst wäre es nicht das Leben, sondern ein Film.”

Textzitat Joachim B. Schmidt Kalmann

Kalmann von Joachim B. Schmidt

Wenn einer spurlos verschwindet ist das vor allen Dingen sein Problem. Schnee auf Schnee. Allein und verletzt stolperte er über die Ebene. Kein Laut war zu hören. Es fühlte sich an, als wäre er der letzte Mensch auf der Welt. Sein Großvater hätte gewusst was er jetzt hätte tun sollen. Aber der war nicht hier. Der saß nur noch teilnahmslos im Pflegeheim und starrte hinaus. Pfeife rauchend, stark und ungebeugt hatte Kalmann Odinson ihn lieber in Erinnerung, den einstigen Haifischfänger. Jetzt wo er seinen Enkel, mit dem es im Leben nicht so richtig voran ging, oft nicht mehr erkannte, war es schwierig geworden mit den beiden. Er verdankte dem Opa alles, Vaterersatz und Retter war ihm gewesen. Seine Mutter hätte ihn sonst sicher in ein Behindertenheim gesteckt, wo er hätte vergammeln müssen, so wie sein Hai … 

Kalmann wusste, dass etwas mit ihm nicht stimmte, das sagten im ja auch alle oft genug. In seinem Kopf drehten sich die Rädchen halt manchmal rückwärts. Da konnte man nix machen. Rechnen war nicht sein Fach, auch die Buchstaben fielen ihm durcheinander, aber Erdkunde! Er konnte die Karte Islands aus dem Gedächtnis zeichnen, jederzeit! In der Schule hatten sie ihn Forrest Gump gerufen und wer etwas angestellt hatte, musste zur Strafe zu ihm in die letzte Bank. Weswegen er auch keine Freunde hatte. Also keine richtigen, also einen schon, aus diesem Internet, der hieß Noé, war Computerfreak und wohnte weit weg, in Reykjavik, über Messenger waren sie miteinander verbunden. So ging das heute. Also Noé war sein bester Freund, das obwohl er ihn noch nie besucht hatte. Kalmann wurde bald, es waren jetzt nur noch ein paar Wochen, vierunddreißig.

Die Stadt war nichts für ihn. Seine Welt war hier in Raufarhöfn. Er war der Sheriff hier, mit Cowboyhut, Stern und Mauser, alles vom Vater, einem amerikanischen Soldaten, der längst nicht mehr hier lebte, der nur der Samenspender gewesen war, so seine Mutter.

“Berufung war, wenn man wie gerufen zu etwas kam.”

Textzitat Joachim B. Schmidt Kalmann

Am Tag war Kalmann oft auf der Jagd, nach Polarfüchsen und Schneehühnern, legte Haiköder aus. Die Petra, das Boot seines Großvaters gehörte jetzt ihm. Ganz allein. Allein war hier, draußen auf dem Meer, aber nie. Sein Opa war in dem, was er ihn gelehrt hatte immer bei ihm. So achtete Kalmann den Augenblick und auf aufziehende Wolken, auf Regen und Sturm. Das machte ihm zum besten Gammelhai-Hersteller von Raufarhöfn. Ach was, wahrscheinlich von ganz Island …

Also eigentlich kein Grund Sorge, alles im Lot, wäre da nicht die Sache mit Róbert McKenzie und der Blutlache. Die entdeckt Kalmann auf einem seiner Streifzüge und sie bringt ihn an seine Grenzen, denn wenn man ihn anschrie, verlor er die Beherrschung und rotierte mit den Fäusten, meist gegen sich. Das müsste Birna von der Polizei eigentlich wissen …

Joachim B. Schmidt, geboren 1981 in Graubünden ist 2007 nach Island ausgewandert, lebt jetzt in Reykjavik mit seiner Familie. Der Journalist veröffentlichte bisher drei Romane und Kurzgeschichten.

Angesiedelt hat er seine Geschichte um Kalmann im entlegenen Raufarhöfn, im Nordosten Islands, 609 Kilometer von Reykjavik entfernt, das es also wirklich gibt und unbedingt einmal von mir besucht werden muss, weil so Schmidt, hier gibt es Kaffee und Kuchen bis zum Umfallen. Um hierher zu kommen, muss man nur am Ende der Welt links abbiegen schreibt Schmidt, also das ist doch zu machen!

Lange Nächte, strahlend kalte Tage habe ich gesucht, es ist der Menschen Saga.”

Zitat Jónas Friddrik Gudnason ljósdskáld

Diese Geschichte hat alles, Spannung, Herz, unerwartete Begegnungen, verblüffende Wendungen. Komplett verrückt ist sie irgendwie auch, und ihr Held so liebenswert verpeilt, das man ihn einfach gern haben muss. Sie hat mir die Seele gewärmt, war mir in diesen kuriosen Zeiten ein Trost und eine wunderbare Ablenkung. Den ganz feinen, humorigen Ton von Schmidt mochte ich dabei besonders, sprachlich hat er sich genial auf seine Figur Kalmann eingelassen. Mit seiner kindlichen Weisheit und seinem reinen, weit offenen Herzen, mit seinem Mut hat er mich im Sturm erobert!

Kalmann und sein Gammelhai, als eine Art “runnig gag” setzt Schmidt diesen ein, in vielen Szenen taucht er auf, und man muss, hat man die Dose mit dem Hai geöffnet, immer gut und reichlich lüften …

Riesen im Nebel und eine Spalte im Fels. Herzklopfen und Angst und dann ein Geständnis. Es gibt gar keine Eisbären auf Island. Eigentlich. Aber manchmal, da kommen sie aus Grönland bis hierher. Denn Eisbären können weit schwimmen und niemand,  konnte schneller laufen als ein Eisbär …

“Im Juni geht die Sonne nicht mehr unter. Leider ist es meistens bewölkt. Dann sieht man die Sonne den ganzen Tag nicht. Aber es bleibt trotzdem hell und ab und an fahren Touristen in ihren Mietautos den ganzen Weg hier hoch und man sieht sogar riesige Kreuzfahrtschiffe am Horizont. Auf denen gibt es zehnmal so viele Leute wie in Raufarhöfn und alle diese Leute wollen erleben wie es ist wenn es immer hell ist. Nämlich immer hell.”

Textzitat Joachim B. Schmidt Kalmann

Ich lerne, dass die Wikinger-Häuptlinge mit ihren Pferden begraben wurden, damit sie nach Walhall reiten konnten, wie man einen Grönlandhai fängt und Gammelhai aus ihm macht und das es unter einem Eisbären verdammt dunkel ist. Bin mit Kalmann auf Ehrenrunde im Dorf mit einem Nerz am Gürtel. Kann man stolzer sein?

Als immer klarer wird, das das Verschwinden von Róbert McKenzie, dem reichsten Mann im Ort offenbar kein Happy End mehr finden wird, ist auf einmal auch noch Magga tot und das ist schlimm. Weil sie Kalmann immer die zwei Stunden Fahrt mit ins Pflegeheim zu seinem Großvater genommen hat. Wer sollte das denn jetzt machen? 

Ermittlungen via Internet, die startet Noé. Ein schwarzes Fass taucht auf aus eiskalten Fluten. Kalmann ist wieder ganz vorne mit dabei als es geöffnet wird, wir halten beide die Luft an.

Sie halten ihn alle für einfältig, haben ihm diesen Stempel aufgedrückt. Man sollte ihn aber besser nicht unterschätzen, unseren Kalmann. Denn er ist ein wacher Beobachter, ist in der Natur zu Hause und er kennt seine Verantwortung, oh ja, keine Sorge!

Eine bittersüße Note schleicht sich ein und nicht nur die versteht dieser Hörbuch-Sprecher grandios in Szene zu setzen:

Timo Weisschnur, geboren 1989 in Hamburg, ist seit 2014 festes Mitglied am Deutschen Theater in Berlin, mitgewirkt hat er u.a. in “Terror” von Ferdinand Schirach. Ich hatte ihn in Kalmanns Geschichte zum ersten Mal auf den Ohren, obwohl er als Hörbuch und Hörspielsprecher kein Unbekannter ist und das merkt man auch. Professionell, mit Leidenschaft und Feingefühl geht er diesen Text an, Kalmann wird durch ihn für mich lebendig. Ein tolles Hörbuch, eine herrliche Reise nach Island ist das für mich gewesen, extremst unterhaltsam und sehr empathisch vorgelesen. Wetterfest und seefest sollte man allerdings sein wenn man hier mithalten will. So viel will ich noch verraten …

Zum Lesen und Hören ist dieser Titel seit 26.08.20 erhältlich und ich lege ihn gerne allen ans Herz, die einen neuen Freund in der Welt der Bücher suchen. Kalmann ist treu wie Gold, und am Ende wird schon alles gut, kein Grund zur Sorge!

“Glücklich sein ist etwas das ich mag. Wenn ich könnte würde ich immer glücklich sein wollen, aber das geht nicht. Man kann seine Gefühle nicht beherrschen, das können nur Roboter und Dr. Phil.”

Textzitat Joachim B. Schmidt Kalmann

Mein Dank geht an den Diogenes Verlag für dieses wunderbare Besprechungsexemplar.

Loading Likes...
Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.