Grabgesang für Dr. Siri (Colin Cotterill)

Sonntag, 23.12.2018

Vor Weihnachten noch schnell zum Friseur! Kennt Ihr, oder? Während ich mich entspanne und sich eine kaschierende Farbschicht auf meine nachgewachsenen grauen Haare legt, denke ich über die Spuren des Alters nach. Graue Haare, zusätzliche Falten und ein paar Kilos, die sich wie mit Widerhaken an meinen Hüften festkrallen, schlagen äußerlich zu Buche. Innerlich hat mich die Zeit auch verändert. Mit mehr Gelassenheit kann ich mittlerweile so einiges hinnehmen, was sich nicht ändern läßt. Anderes hingegen bringt mich viel mehr auf als früher.

Wie alt muss man eigentlich werden, um endlich aus seinen Fehlern lernen zu können? Dann den Mund halten, wenn es diplomatischer wäre zu schweigen, habe ich bis heute noch nicht gelernt. Wenn ich denn mal so alt werden darf, wie ER – denn ohne Wenn und Aber, ist er einer der absoluten Lieblingshelden in meiner Welt aus Buchstaben und Zeilen, habe ich vielleicht noch eine Chance das noch zu üben …

Dr. Siri Paiboun feiert in diesem siebten Band der Reihe von Colin Cotterill seinen 74. Geburtstag. Wenn mir ein wacher Geist, so ähnlich wie der Seine, bis ins hohe Alter vergönnt wäre, würde ich mich “von” schreiben. Er ist so herrlich unangepaßt und altersdickschädelig, konnte sich das Kind im Mann bewahren und ach – ich mag den Kerl einfach!

Kommt mit, ich lade Euch ein mir zu folgen “ins reinste Laos” und ich mache Euch bekannt, mit dem coolsten Querkopf den ich kenne, Ganz und gar nicht obrigkeitshörig ermittelt er als erster und einziger, amtlich bestellter, Leichenbeschauer von Laos in den kuriosesten Fällen. Das nachdem der zuständige Richter ihm dieses Amt kurz vor seiner Rente noch auf’s Auge gedrückt hat …

Grabgesang für Dr. Siri

Es war sein 74. Geburtstag und statt diesen Tag mit seiner Frau zu feiern, verbrachte er ihn an ein Bleirohr gefesselt. Der junge Mann, den sie in der Nacht, an der anderen Seite seines Rohres festgekettet hatten, war in sich zusammengesackt. Alles Leben war aus ihm entwichen, und Dr. Siri, Arzt und Leichenbeschauer, hatte im wahrsten Sinne des Wortes, mit gebundenen Händen dabei zusehen müssen. Alle Fenster in diesem Verließ waren mit Brettern vernagelt, jegliches Zeitgefühl war ihm mittlerweile abhanden gekommen. Die zahlreichen Stechmücken und Flöhe hatten sich längst an ihm ausgetobt. Es juckte ihn überall, an kratzen war nicht zu denken, so wie sie ihn an Händen und Füßen gefesselt hatten. Das schlimmste war jedoch, dass sie ihm sein Amulett abgerissen hatten, dass er zum Schutz vor bösen Geistern stets um den Hals trug. Wenn ihn die Geister hier fanden und feststellten, dass er ihnen wehrlos gegenübertreten musste, hätten ihn die Wärter ebenso gut gleich erschießen können ….

Ich hob den Blick und versuchte mich abzulenken indem ich über die Sprache nachdachte. Ich habe sie mein Leben lang als Freundin betrachtet. Sie hat mir durchs Leben geholfen und mir neue Horizonte eröffnet. Jede neue Sprache, die sich lernte hatte mich reicher und reifer gemacht. Aber eine Sprache die man nicht beherrscht, ist ein gar garstig Biest. Sie ist hinterhältig und gemein, sie kehrt einem den Rücken und läßt einen außen vor. Und genau da befinde ich mich jetzt, außen vor”. (Textzitat).

Colin Cotterill, Brite und ehemaliger Englischlehrer, lebt seit vielen Jahren in Asien. Mit seinen Siri-Geschichten hat er wunderbare Krimis mit Anspruch geschaffen und er entführt uns in ein Setting, das alles andere als alltäglich ist. Jeder seiner Fälle ist besonders und wie ein kleiner Urlaub, indem man nebenbei noch ermitteln kann. Allerdings muss man sich dabei darauf einstellen, dass die Mittel beschränkt sind und ein wacher Verstand immer noch die beste Waffe ist.

Ich mag seinen Humor, er ist wahrlich “very britisch”. In seinen Geschichten um Dr. Siri verbindet er ihn auf das Vortrefflichste mit den exotischsten Schauplätzen. Sprachlich ausgefeilt, erzählt er mit Schalk im Nacken, augenzwinkernd und mit wunderbaren Dialogen von seinen eigenwilligen Figuren. Politisch engagiert, mit Seitenhieben auf die “Regierigen”, würzt er seine Plots mit einer gesunden Portion Mystik, die in der laotischen Kultur verortet, absolut glaubwürdig wirkt und seinen Dr. Siri so unverwechselbar, so einzigartig macht.

Die Zustände, die in der Volksrepublik Laos in den 1970ziger Jahren vorherrschten sind hingegen alles andere als witzig. Die Sozialisten hatten sich hier ausgetobt, wer nicht für den Staat war, war automatisch dagegen und hier zuckte man auch nicht mit der Wimper um einem einmal gesprochenen Urteil Repressalien folgen zu lassen. Eine Zeit in der Willkür, Verhaftungen und Folter herrschten. Ein Staatsapparat in dem sich kuriose Ämter häuften und deren Uniformträgern ihr Charakter zumeist nicht gut stand.

Klingt schlimm? Im Nachbarland Kambodscha setzte man mit der ethnischen Säuberung und der Verfolgung der Khmer noch einen drauf. Die “Killing Fields” tragen die Überlebenden in ihren Herzen, ihre Kultur, ihre Identiät, ihr Erbe haben sie fallen sehen. Die roten Khmer hatten, auferstanden aus der Armut, alle Gebildeten und allen Reichtum auszumerzen versucht. Sie trieben ihre Ideologie von der Erschaffung eines neuen Menschen voran. Da kommen einem die Zustände in Laos zu dieser Zeit wie Kindergarten vor.

Unser Siri irrt hier durch verwaiste Straßen, schaut auf das Elend von Phnom Pen, und mischt sich ein. Wir sind immer dicht bei ihm. Alle Leichtigkeit der vorherigen Siri Geschichten scheint in diesen Momenten in den Folterkellern der roten Khmer verflogen …

Für seinen Mut und seine unerschütterliche Zuversicht, verehre ich Dr. Siri. Für seine Schlagfertigkeit und sein Engagement bewundere ich ihn. Die bunte Schar seiner Freunde ist so liebenswert gezeichnet, das man sie am liebsten persönlich kennen lernen möchte. Ich kenne sie schon seit Jahren und für mich ist es wie nach Hause kommen zu Freunden, wenn ich in diese Geschichten abtauche.

Nur hier knattern Polizei-Inspektoren auf fliederfarbenen Vespas zum Dienst. Fährt Phosy dieses ganz und gar unmännliche Gefährt denn immer noch? Wie geht es eigentlich Herrn Geung? Dr. Siris unermüdlichem Pathologie-Assistenten mit Down-Syndrom? Läßt sich Siri immer noch von seinem ältesten Freund Civilai die Leviten lesen? Hat Schwester Dtui nach der Schwangerschaft endlich abgenommen? Und versprüht Siri auch diesmal wieder seinen Charme um genau da zu landen, wo er hin will?

Jede Menge Fragen habe ich, es war längst überfällig mal wieder einen Besuch bei Ihnen zu machen und sie laden mich wie immer ein, meine Sandalen auszuziehen, auf ihrer Grasmatte Platz zunehmen, mit ihnen zu essen. Es gibt Enteneier und höllisch scharfen Papayasalat. Dr. Siris froschgrüne Augen blitzen schelmisch als mir der Dampf aus den Ohren quillt, seine Frau Mdme Daeng reicht mir zum Löschen eine Portion Nudeln, frisch aus ihrer Garküche. Phosy und Dtui lachen über meinen verweichlichten mitteleuropäischen Gaumen, während ihre kleine Tochter Mali auf allen Vieren auf mich zukrabbelt. Ich schaue von einem zum anderen und höre mit Erstaunen, dass sie ausgerechnet den renitenten Siri nomminiert haben als Nationalheld 2. Klasse …

Ich lese eigentlich keine Reihen, aber von dieser hier komme ich nicht los. Mich einzulassen auf das irgendwie immer provisorisches Leben, auf die Freundschaft, den Zusammenhalt, die Gewitztheit, die Demut und den Humor meiner imaginären Freunde, mit der sie alle diese Mangelwirtschaft annehmen, macht es mir ganz warm im Bauch.

In sich geschlossen sind alle Bände, und auch mit diesem siebten Teil kann man noch in die Reihe einsteigen, was aber schade wäre, weil man dann die Entwicklung der Figuren nicht miterleben kann.

Alle bisherigen sechs Teile habe ich gelesen, dies ist mein erstes Hörbuch. Den bisherigen Stamm-Vorleser der Siri-Romane Jan-Josef-Liefers habe ich damit zwar verpaßt, aber auch Peter Weis paßt hervorragend als Stimme zu Dr. Siri. Er klingt als habe er das passende Alter und er versteht es, durch geschickte Betonung die ironischen Bemerkungen der altersklugen Recken noch zu unterstreichen. Der Wortwitz und besonders die Rededuelle werden so durch ihn im Hörbuch ein Fest für die Ohren …

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2 Kommentare

  1. Petra
    23. Dezember 2018

    Sehr gerne Dorothee! Wußte gar nicht, dass Du auch schon mit Dr. Siri Bekanntschaft gemacht hast … LG von Petra

  2. Dorothee
    23. Dezember 2018

    Stimmt…aus der Reihe könnte ich auch mal wieder etwas lesen…
    Ich kenne bisher nur die ersten beiden Bände und hab das dann irgendwie aus den Augen verloren!
    Danke für’s Erinnern!

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