Goldkind (Claire Adam)

*Rezensionsexemplar* 

Samstag, 04.04.2020

Trinidad und Tobago. Traumziele in der Karibik. Kristallklares Wasser, weiße Strände, Dschungel, Exotik. Vor der Küste Venezuelas liegen 5.128 Sehnsuchts-Quadratmeter für zahlreiche Touristen und die Heimat von rund 1,3 Millionen Einwohnern. Wo Licht ist, da ist aber bekanntlich auch Schatten. Beide Eilande verzeichnen alljährlich eine relativ hohe Mordrate, die überwiegend durch Banden- und Drogenkriminalität verursacht ist. Meist finden große Mengen an Kokain von Südamerika, über die schwer zu bewachenden Küstenabschnitte dieser beiden Inseln, ihren Weg nach Nordamerika. Ob sich das Christoph Columbus so gedacht hat, als er auf seiner dritten Reise im Jahr 1498 Trinidad entdeckte und sie ihrer drei markanten Bergspitzen wegen nach der Dreifaltigkeit benannte, darf bezweifelt werden. Nach ihrer Besiedlung im Jahr 1592 stand sie jedenfalls noch für den Handel mit Tabak und Kakao. In dieser Geschichte, die ich wegen eben genau diesem Schauplatz ausgesucht habe, beginnt ebenfalls alles “kriminell”, nämlich mit einem Einbruch, was sich als noch harmlos herausstellen soll, angesichts dessen, was sich in der Folge davon ereignen soll und wird …

Goldkind von Claire Adam

Hitze, glänzendes Laub und dampfender Asphalt. Wo war Paul? Seine Taschenlampe schaffte es nur bedingt den Pfad der vor ihm lag auszuleuchten. Was hatte dieser Junge sich nur jetzt wieder ausgedacht? Irgendwann war es wirklich genug mit diesem Eigensinn und dieses Irgendwann war ganz eindeutig jetzt. Wenn es nach ihm ging. Nur ging es bei Paul eben nicht allein um das, wie er es sah. Clyde redete sich innerlich in Rage. Gleich morgen würde er mit ihm reden, er hatte es schon viel zu lange aufgeschoben …

Seine Frau war in Sorge gewesen, als er von der Schicht nach Hause gekommen war, hatte ihn besorgt aus dem Haus gescheucht, um nach ihrem Sohn zu suchen. Paul war seit dem Mittag verschwunden, weder sein Bruder noch Freunde, noch Nachbarn hatten ihn gesehen. Sie war noch immer ängstlich, seit vor einigen Wochen bewaffnete Männer in ihr Haus eingedrungen waren, sie an einen Stuhl gefesselt und dabei hatten zusehen lassen, wie die Männer ihre beiden Söhne mit einer Waffe bedroht hatten, Nur um Haaresbreite waren sie einer Katastrophe entgangen …

Claire Adam, die Autorin selbst ist geboren und aufgewachsen in Trinidad. Kennt die dortige Situation also aus erster Hand. Sie studierte ursprünglich Physik in Rhode Island, erwarb dann später noch einen Master im Kreativen Schreiben an der University of London.

Sie schickt uns zurück in die Achtziger, und dort hin wo es nichts gibt, wie sie sagt, außer Busch und Banditen. Nach Trinidad, in der Nähe der Hauptstadt Port of  Spain lebt die indisch-stämmige Familie von Clyde und Joy. Ihre beiden Söhne Paul und Peter, beide dreizehn Jahre, könnten trotz der gleichen Geburtsstunde nicht unterschiedlicher sein. Der eine clever, ja fast hochbegabt (Peter), der andere brauchte Förderung, war verquert und in sich gekehrt (Paul). Weswegen sie Peter auch das “Goldkind” nennen, immer zu macht er der Familie Freude, mehrt ihr Ansehen, nicht nur durch seine schulischen Leistungen, sondern auch durch seine Wesensart. Die sich auch dadurch auszeichnet, wie er mit seinem Zwilling umgeht. Dem schon der Geburtsprozess übel mitgespielt hat.

Adam erzählt uns von schwarzen Familien-Schafen, reichen Onkeln und schlauen Tanten. Und von einem Vater, der mich aufregt. Entscheidungen zu treffen, das scheint sein Ding nicht zu sein. Angesichts seiner Hilflosigkeit und Überforderung im Umgang mit seinem verhaltensauffälligen Sohn fühle ich anfangs noch mit ihm. Seine Antriebslosigkeit und wie entspannt er wirkt, als sein Sohn dann nicht mehr nach Hause kommt, wie er reagiert, wenn dieser in der Schule nicht zu recht kommt, ist für mich dann aber nicht mehr nachvollziehbar.

Und nicht nur der Vater hat mich empört, sondern auch die Mutter der Zwillinge. Sie bürdet dem begabten Peter die Verantwortung auf, sich um Paul zu kümmern. Auch wenn beide getrennt gefördert gehören, was alle eigentlich wissen, hält sie daran fest. Behindert so die Entwicklung von beiden. Für mich ein echter Aufreger. Als Paul dann endlich ein irischer Priester mit Lehrauftrag die Hand reicht und dieser zu ahnen scheint, was dieses Kind umtreibt, welche Geister es jagen, schöpfe ich schon Hoffnung, und schon kommt der nächste Schlag …

Bissige Hunde, ersetzen hier Alarmanlagen. Der gewaltsame Tod eines Richters, der uns kein Unbekannter ist, leuchtet auf wie ein Schuß aus einer Signalpistole und verglimmt wieder. Er war der Onkel unserer Zwillinge und ich dachte zunächst, daraus entwickelt sich was. Es bleibt bei diesem Intermezzo und Adam arbeitet leider mit einigen Längen weiter an ihrem Plot. Schwankt zwischen karibischem Karneval und Rückblenden.

Mit Perspektiv-Wechseln und angelegt mit einem Mix aus Thriller, Gesellschafts- und Familienroman, wartet sie auf. Mich konnte sie damit trotz oder vielleicht auch wegen dieser “Vielfalt” nicht überzeugen. Das Setting ist zwar tropisch-exotisch, das hatte ich mir so auch erwartet. Das sozialkritische Moment kommt mir allerdings zu kurz, das Ende ist mir bei aller Dramatik eine Spur zu pathetisch geraten.

Mehrfach werden die Zwillingsbrüder als “siamesisch” bezeichnet. Vielleicht ein Fehler in der Übersetzung? Vielleicht war eineiig gemeint, denn körperlich zusammengewachsen sind und waren die beiden ja nicht. Mich hat das gestört.

Bei ihren Figuren fehlte es mir an Tiefe, sie waren mir zu stereotyp angelegt, mit für mich ausgeprägter Schwarz/Weiß-Denke. Für einen guten Familienroman ist mir das zuwenig. Die Trennlinie zwischen Gut und Böse ist hier wie mit dem Lineal gezogen. Ein ausgeprägterer Spannungsbogen hätte dem Roman durchaus auch gut getan, dieser verliert sich für mich auch gerade durch die eingebauten Blickwechsel. Teil eins wird durch die Sicht des Familienvaters dominiert und Teil zwei durch den von Paul. Dabei hätte Adam zu Lasten der Spannung auf die Sozialkritik ja nicht verzichten müssen. Gute Krimis können beides. Auch der Hörbuch-Vortrag konnte die Schwächen, die diese Story für mich hat, nicht ausgleichen, hier muss ich leider sagen, das ich mit …

Franziska Grün, die die ungekürzte Hörbuch-Fassung in 420 Minuten liest nicht warm geworden bin. Sie ist ausgebildete Sprecherin und arbeitet u. a. für RTL als Off-Stimme für Reportagen. Für mich hat sie hier stimmlich zu wenig differenziert. So lässt sie den Vater des vermissten Jungen nachts suchend durch den Dschungel streifen, gibt diese unbehaglich aufgeladene Szenerie so unbefangen, als befände die Figur sich auf einem Sonntagsspaziergang. Dies ist mir nicht nur in einer Szene so ergangen und ihr freundliches Lächeln, das man wohlwollend und durchgängig wahrnehmen kann, hat nach meinem Empfinden der Geschichte das genommen, was Adam an Drama und Spannung aufzubauen versucht hat. Schade.

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